FAZ plus ArtikelStadtflucht in Corona-Zeiten

Ärger mit den Ausflüglern

Von Timo Frasch und Matthias Wyssuwa
31.03.2020
, 06:20
Zu Hause bleiben lautet die Losung. Viele zieht es dennoch an den Tegernsee oder ans Meer. Im Süden und im Norden wird jetzt durchgegriffen – mit gemischtem Erfolg.

In Rottach-Egern gibt es einen Lidl-Parkplatz, der sonst an Wochenenden von Autos mit dem Kennzeichen „M“ für München weidlich genutzt wird, um zum nur wenige Meter entfernten Tegernsee zu gelangen. Am vergangenen Samstag, an dem die Sonne vom weiß-blauen Himmel lachte, war der Parkplatz nicht einmal halb gefüllt. Wo waren all die Hedonisten aus München, die sich hier immer so schön naturnah fühlen können? Dass etwas anders war als sonst, merkte man auch an dem traurigen Clown, der mit dem Verweis auf Corona Geld für seinen Zirkus sammelte – er wusste noch nichts von den Soforthilfen für Kleinbetriebe. Man merkte es auch an dem Vorfall mit dem Maserati. Als der, ebenfalls mit Münchner Kennzeichen, mit überhöhter Geschwindigkeit auf den Lidl-Parkplatz preschte, regten sich zwei ältere Menschen mächtig auf und stellten die junge Fahrerin, als sie ausgestiegen war, zur Rede. „Hier sind alte Leute und Kinder!“

Es ging in der Situation nicht direkt um Corona. Aber der Konflikt der vergangenen Tage könnte für die Wut der Einheimischen (Kennzeichen MB für Miesbach) eine Rolle gespielt haben. Berichte von entsprechenden Zusammenstößen gab es zuletzt mehrere, auch wenn sie sich der Schwere nach eher im Bereich „Münchner Auto mit Joghurt beschmiert“ bewegten. Ein Grund könnte die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Virus im sowieso schon stark betroffenen Landkreis Miesbach sein. Der Bürgermeister von Tegernsee hatte zuletzt einen Brandbrief an die Landtagspräsidentin Ilse Aigner – Miesbach ist ihr Stimmkreis – geschrieben, in dem er darum bat, jeder solle nur noch in seinem Landkreis zu Spaziergängen aufbrechen dürfen. In bayerisch Schwaben handhabt das die Polizei zum Teil von sich aus so, wie jüngst in der Zeitung „Augsburger Allgemeine“ zu lesen war. Aigner fand die Idee eines Verbots gut, Söder lehnte ab. Aus der Staatsregierung wurde zum Beispiel darauf verwiesen, dass man dann auch nicht an der Isar von der Stadt München in den Landkreis München, etwa nach Grünwald, spazieren dürfte. In einer Pressekonferenz der Staatsregierung verwies der Ministerpräsident vergangene Woche darauf, woran sich die Tegernseer womöglich am meisten störten: dass die Tagestouristen aus der Landeshauptstadt Stau produzieren und Müll – aber kein Schmerzensgeld dalassen, denn die Gasthäuser sind ja geschlossen.

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Quelle: F.A.Z.
Timo Frasch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Timo Frasch
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Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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