Steinmeier trifft Angehörige

Rassistischer Terror von Hanau kam „nicht aus heiterem Himmel“

Von Eckart Lohse, Berlin
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 16:22
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht im Schloss Bellevue zu Angehörigen der Opfer von Hanau.
Am Mittwoch begegnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Angehörigen der Opfer des Anschlags von Hanau. In Erinnerung an die Opfer sagte Steinmeier: „Sie alle gehörten zu diesem Land.“

„Wir vergessen nicht. Wir dürfen nicht vergessen, und wir werden nicht vergessen.“ Das hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch den Angehörigen der Opfer des Anschlags von Hanau bei einem Treffen im Schloss Bellevue versichert. Die Corona-Krise habe die Angehörigen in der Zeit der Trauer zusätzlich getroffen, weil sie sich nicht mehr hätten treffen und austauschen können. „Weil Sie sich allein, einsam und isoliert gefühlt haben. Aber auch, weil Sie befürchten mussten, die rassistischen Morde, die Opfer und Ihr Leid würden über die Pandemie in Vergessenheit geraten.“

Am 19. Februar hatte ein 43 Jahre alter Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Später tötete er seine Mutter und schließlich sich selbst. Steinmeier sagte, die Tat offenbare die „kalte und blinde Logik des Rassismus und aller anderen menschenverachtenden Ideologien.“ Wer Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale in Gruppen zwinge und abwerte, wer sie auf ihre Herkunft, ihren Glauben, ihr Geschlecht oder ihre Lebensanschauung reduziere, der stelle sich „gegen das Lebensprinzip unserer Demokratie“.

Was geschehen sei, mache viele Menschen noch immer traurig, wütend und entschlossen. Das hätten die Kundgebungen des Mitgefühls und der Solidarität vor wenigen Wochen gezeigt. Die Terrortat von Hanau habe „neun einzigartige Menschen“ getroffen, die keine Fremden gewesen seien. „Sie alle gehörten zu diesem Land, jeder mit seiner ganz eigenen Prägung. Ihre Geschichten führen uns vor Augen, dass in unserer Einwanderungsgesellschaft längst eine junge Generation herangewachsen ist, in der sich die unterschiedlichsten Lebenswelten vermischt haben.“

Die meisten Menschen in Deutschland sähen die „neue deutsche Vielfalt“ als Bereicherung. Aber der rassistische Terror von Hanau sei „nicht aus heiterem Himmel“ gekommen. „Es gibt Rassismus in unserem Land, es gibt Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus. Die Wurzeln des Rechtsextremismus reichten tief in die Gesellschaft hinein. Immer wieder hätten rechte Terroristen versucht, die demokratische Einwanderungsgesellschaft mit blutigen Attacken zu erschüttern. Steinmeier kündigte an, am Samstag in München an der Gedenkfeier für die Opfer des Oktoberfestattentats vor vierzig Jahren teilzunehmen und am 9. Oktober Halle zu besuchen, „ein Jahr nach den furchtbaren Anschlägen dort, die Juden und Muslimen galten und bei denen zwei Menschen starben“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lohse, Eckart
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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