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Vorwurf von Thilo Sarrazin

Was in Schorndorf geschah

Von Rüdiger Soldt
 - 14:47

Lässt sich ein Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem Oberbürgermeister aus der schwäbischen Provinz per Telefon diktieren, wie er über Flüchtlinge zu berichten hat? Hat der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer im Juli 2017 bei der F.A.Z. interveniert, um einen Bericht über Ausschreitungen von Flüchtlingen auf einem Stadtfest zu entschärfen? Diesen Vorwurf erhebt Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Auf Seite 262 des Buches heißt es: „Die Meldung veranlasste offenbar den Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) zu einer Intervention bei der FAZ. In einer späteren Zeitung fehlt die Angabe zur Zahl der gewalttätigen Jugendlichen, auch fiel die Erwähnung der Übergriffe auf Frauen kürzer aus.“

In einem kürzlich erschienenen „Stern“-Interview, in dem er auf diese Stelle angesprochen wurde, konkretisierte Sarrazin seine Vorwürfe. Der Interviewer fragte den früheren Berliner Finanzsenator: „Glauben Sie tatsächlich, dass der Oberbürgermeister einer Kleinstadt bei der FAZ anruft und sagt: Nehmt die Sache mit den Ausländern raus! Und dass die FAZ dann brav spurt?“ Darauf antwortete Sarrazin: „Ein OB macht das so, wie ich das in meinen Staatsämtern auch getan habe. Wenn mir eine Meldung unzutreffend schien, sie eine falsche Tendenz wiedergab, habe ich den zuständigen Journalisten angerufen.“

Meldung der Deutschen-Presse-Agentur

Was aber ereignete sich an diesem Wochenende im Sommer des vergangenen Jahres wirklich, wie verlief die Recherche zu der Meldung am Abend des 16. Juli 2017 tatsächlich? Wie bilanzieren Polizei und Staatsanwaltschaft die Ereignisse heute?

Das Polizeipräsidium Aalen gab um 16.24 Uhr eine Meldung mit der Überschrift „Sexuelle Belästigungen, Widerstand und Flaschenwürfe gegen Polizeibeamte“ heraus. Darin wurde über drei sexuelle Belästigungen am Freitag und eine am Samstag berichtet sowie über die Ausschreitungen im Schlosspark. „Im Schlosspark versammelten sich in der Nacht zum Sonntag zwischen 20:00 Uhr und 3:00 Uhr ungefähr bis zu 1000 Jugendliche und junge Erwachsene. Bei einem großen Teil handelte es sich wohl um Personen mit Migrationshintergrund. Hierbei kam es zu zahlreichen Flaschenwürfen gegen andere Festteilnehmer, Einsatzkräfte und die Fassade vom Schorndorfer Schloss.“

Um 16.53 Uhr schickte die Deutsche Presse-Agentur, kurz dpa, eine Meldung an die Redaktionen – Überschrift: „Krawalle und sexuelle Übergriffe bei Volksfest in Schorndorf“. Berichtet wurde über die sexuellen Übergriffe und „bis zu 1000 junge Leute“, die im Schlosspark randaliert hätten. Der SWR übernahm die Meldung auf seiner Internetseite, auch regionale Zeitungen taten das.

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Umstrittener Politiker
Sarrazin sorgt mit neuem Anti-Islam-Buch für Wirbel

Kommunalpolitiker wenden sich selten an Korrespondenten

Auch ich verfasste als für Baden-Württemberg zuständiger Korrespondent auf Grundlage der Polizeimeldung und einer dpa-Meldung einen eigenen Bericht für die F.A.Z. In meiner Meldung hieß es, es sei zu „gewaltsamen Ausschreitungen zwischen einer Gruppe von etwa 1000 Jugendlichen mit Migrationshintergrund und der Polizei gekommen“. Um diese Zahl zu überprüfen, telefonierte ich mit der Polizei in Aalen. Der Polizeisprecher sprach zwar davon, dass es sich größtenteils um Einwanderer gehandelt habe, er äußerte sich auf meine Nachfrage hin aber skeptisch, ob tatsächlich tausend Personen im Park an den Auseinandersetzungen beteiligt gewesen seien. Er wolle die Pressemitteilung nicht weiter kommentieren, sie sei von einem Kollegen im Sonntagsdienst am Nachmittag verfasst worden.

Während ich die Meldung fertig schrieb – der Redaktionsschluss für die Ausgabe nahte –, rief ich den Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer an. Ich wollte herausfinden, ob die Aussagen der Polizei von einer zweiten Quelle bestätigt würden. Klopfer ging zunächst nicht ans Telefon. Er rief eine Viertelstunde später zurück. Von einer „Intervention“ Klopfers, wie Sarrazin im Buch und im Interview behauptet, kann keine Rede sein. Klopfer sagte, er habe auch keinen anderen Journalisten von sich aus angerufen: „Die Grundannahme Sarrazins ist falsch. Ich war in diesen Tagen ein Oberbürgermeister, der ständig reagieren musste.“

Es geschieht überaus selten, dass Kommunalpolitiker von sich aus Korrespondenten anrufen. Ich kann mich in zwölf Jahren als Korrespondent an keinen Fall dieser Art erinnern.

Journalistische Sorgfaltspflicht

In jenem Gespräch stellte Klopfer das Geschehen anders dar, als es von der Polizei in der Pressemitteilung geschildert worden war. Angesichts der Größe des Schlossparks bezweifelte er, dass an den Ausschreitungen tausend Menschen beteiligt gewesen sein könnten. Er wies auch darauf hin, dass am besagten Abend nach seinem Kenntnisstand in dem Park deutsche Jugendliche teils mit, teils ohne Migrationshintergrund und eben auch Flüchtlinge gewesen seien.

Die Zahl 1000 erschien mir nach dem Gespräch mit dem Oberbürgermeister nicht mehr gesichert, weswegen ich sie bei der Aktualisierung der Meldung für die später am Abend gedruckte Ausgabe der Zeitung wegließ – aus Gründen der journalistischen Sorgfaltspflicht und nicht, um etwas zu verheimlichen. Zu den sexuellen Belästigungen zitierte ich den Bürgermeister mit dem Satz: „Unstrittig ist, dass es am Freitag und Samstag insgesamt drei sexuelle Belästigungen gab und dass in diesen Fällen gegen Iraker und Afghanen ermittelt wird.“ Nach Angaben der Polizei waren am Marktplatz und am Bahnhof während des Stadtfestes am 14. und am 15. Juli vier Frauen sexuell belästigt worden. Diese Taten erwähnte die Polizei ebenfalls in ihrer Pressemitteilung, sie hatten mit den Ausschreitungen im Schlosspark jedoch ursächlich nichts zu tun.

Am 18. Juli präzisierte die Polizei in einer Pressekonferenz ihre ursprüngliche Darstellung. Mit tausend Personen seien die Feiernden im Park insgesamt gemeint gewesen, nicht die Zahl der Randalierer. Die Ausschreitungen würden vermutlich Ermittlungsverfahren im zweistelligen Bereich nach sich ziehen. Wir berichteten darüber in der F.A.Z. vom 19. Juli (und auf FAZ.NET hier).

Zwei Täter bleiben unbekannt

Ungeachtet dessen behauptet Sarrazin, an den Ereignissen in Schorndorf zeigten sich „relevante Elemente der überall mit muslimischen Migranten bestehenden Problemlage“, darunter die „aggressiv geballte Massenhaftigkeit“. Klopfer sagt dagegen: „Es war eine Vermischung der sexuellen Belästigungen, die sich am Markt und am Bahnhof abspielten, sowie der Ausschreitungen im Schlosspark, an denen viele beteiligt waren. Es war ein bunter Haufen.“ Also nicht nur Muslime. Der Oberbürgermeister sprach am Tag nach den Ausschreitungen mit Bürgern, die im Park gefeiert hatten, einige von ihnen kannte er auch persönlich. Diese Beobachtungen decken sich mit den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Sarrazin fragte vor der Veröffentlichung seines Buches weder bei der F.A.Z. noch bei Klopfer noch dem zuständigen Polizeisprecher nach. „Sarrazin hätte ja anrufen können. Der hätte mal fragen können: Sag mal, Matthias, wie war das eigentlich“, sagt Klopfer. Auch der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart sagt, er habe mit Sarrazin keinen Kontakt gehabt.

Aktenkundig über das Schorndorfer Stadtfest sind 25 Körperverletzungsdelikte, 17 Straftaten zum Nachteil von Polizeibeamten, 14 Taschendiebstähle, vier Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, der Landfriedensbruch im Schlosspark und eben die vier angezeigten Sexualdelikte. Zur Klärung der sexuellen Übergriffe wurden in zwei Fällen insgesamt vier Täter festgenommen, in einem Fall verurteilte das zuständige Amtsgericht einen irakischen Flüchtling zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Drei mutmaßliche afghanische Täter, die in einem zweiten Fall einer Frau ans Gesäß gegriffen haben sollen, konnten mangels Beweisen nicht verurteilt werden. Bei den weiteren zwei angezeigten sexuellen Belästigungen sind die Täter bis heute unbekannt.

Dieses Jahr verlief das Stadtfest friedlich

Wie es genau zur Eskalation im Schlosspark kam, konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden. Sicher ist, dass es zu Auseinandersetzungen kam, als die Polizei einen 16 Jahre alten Verdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund wegen einer mutmaßlichen Körperverletzung in Gewahrsam nehmen wollte, um dessen Personalien aufzunehmen. Wer dann nach den Polizisten mit Flaschen warf, konnte nicht ermittelt werden. „Die Flaschenwerfer konnten nicht identifiziert werden. Auch mit mir hat Herr Sarrazin nie gesprochen“, sagt der zuständige Pressesprecher der Polizeidirektion Aalen. Der Provokateur kann ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund gewesen sein, es kann aber auch ein deutscher Schüler die Flasche geworfen haben.

Wie in vielen anderen Städten auch gibt es in Schorndorf – die Stadt hat eine Endhaltestelle der Stuttgarter S-Bahn – ein Problem mit einer stadtbekannten, alteingesessenen Gruppe von Jugendlichen aus Einwandererfamilien und einer aggressiv auftretenden Gruppe junger Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Anfang Juni gab es einen Schwerverletzten, als die Jugendlichen in Streit gerieten.

Das Stadtfest verlief in diesem Jahr friedlicher. Strafanzeigen wegen sexueller Belästigungen gab es nicht. Die Zahl der angezeigten Straftaten insgesamt halbierte sich. Allerdings waren auch mehr Polizisten und Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes im Einsatz.

Quelle: F.A.S.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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