Coronavirus

STIKO will angepasste Impfstoffe empfehlen

Von Kim Björn Becker
20.09.2022
, 15:44
In Bremen wird ein Mann mit einem angepassten Corona-Impfstoff geimpft.
Die Wissenschaftler kritisieren, dass für einen der drei neuen Impfstoffe nur Daten zur Anwendung an Mäusen vorliegen. Trotzdem plant die Kommission, den Bürgern bei einem Booster zu den angepassten Vakzinen zu raten.
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Trotz Kritik an der Datengrundlage will die Ständige Impfkommission (STIKO) Bürgern bei Corona-Auffrischimpfungen dazu raten, in Zukunft bevorzugt einen der drei neuartigen Impfstoffe zu verwenden, die an unterschiedliche Omikron-Varianten des Virus angepasst sind. Das gab das Gremium am Dienstag in einer Mitteilung bekannt. Laut dem Entwurf einer neuen Corona-Impfempfehlung sollen sich Personen von zwölf Jahren an, die bereits vollständig gegen Corona immunisiert sind, bei Booster-Impfungen bevorzugt für die angepassten Impfstoffe entscheiden. Für eine Grundimmunisierung sind die angepassten Impfstoffe nicht zugelassen.

Weiterhin rät die STIKO nur Personen über 60 Jahre sowie Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder hohem Ansteckungsrisiko zu einer vierten Impfung. Die Kommission begründet ihre Einschätzung damit, dass die neuen Impfstoffe eine „verbesserte Antikörperantwort gegenüber verschiedenen Omikron-Varianten auslösen und gegenüber dem Wildtyp-Virus eine gleichbleibend gute Antikörperantwort erzielen“ würden.

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Dabei haben die Wissenschaftler drei neue Impfstoffe im Blick. Seit Anfang September sind in Europa zwei Impfstoffe der Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer zugelassen, die sowohl gegen den Wildtyp des Coronavirus wirken als auch gegen die mittlerweile bereits verdrängte Omikron-Variante BA.1. Zudem hat die EU-Kommission auf Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur einen weiteren sogenannten bivalenten Impfstoff von Biontech/Pfizer zugelassen, der gegen den Wildtyp wirkt und zudem an die derzeit dominanten Omikron-Varianten BA.4 und BA.5 angepasst ist.

Lauterbach: „Wichtiger Beitrag zur Überwindung der Pandemie“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte zu Monatsbeginn angekündigt, dass zunächst 14 Millionen Einheiten der beiden Impfstoffe ausgeliefert werden sollen, die auf BA.1 zugeschnitten sind. Der dritte Impfstoff, der an BA.4 und BA.5 angepasst ist, soll zunächst 9,5 Millionen Mal zur Verfügung stehen. Lauterbach lobte den Entwurf der STIKO am Dienstag. Die Empfehlung sei ein „wichtiger Beitrag zur Überwindung der Pandemie“, schrieb Lauterbach auf Twitter. Viele ältere Menschen seien Risikoträger und „gegen Omikron-Varianten noch nicht genug geschützt“. Für sie könne die Impfung schwere Verläufe und Long Covid vermeiden. Auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) lobte den Schritt. „Die STIKO schafft jetzt Klarheit, wann die Omikron-angepassten Impfstoffe Verwendung finden sollen und wofür die herkömmlichen Impfstoffe unentbehrlich sind. Das ist ein wichtiger Schritt“, sagte Holetschek.

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„Die STIKO hat entschieden, sich vorzugsweise für die Anwendung dieser Impfstoffe auszusprechen“, sagte Christian Bogdan, Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Erlangen und Mitglied der Kommission. Sie seien wirksam gegen die Omikron-Variante des Virus und mutmaßlich von Vorteil für „zukünftig etwaig auftretende weitere Varianten“. Die bisherigen Impfstoffe könnten gleichwohl weiterhin verwendet werden. „Die sind nicht verbannt und alles andere als schlecht“, sagte Bogdan.

Allerdings kritisiert der Wissenschaftler, dass zu dem an die Varianten BA.4 und BA.5 angepassten Impfstoff bislang keine Daten zur Anwendung beim Menschen vorlägen. Stattdessen sei der Impfstoff ausweislich der Studien lediglich an Mäusen ausprobiert worden und seien die Ergebnisse mit den bisherigen Erfahrungen ähnlicher Impfstoffe am Menschen verglichen worden. Dies sei „ein Schwachpunkt“ der vorliegenden Daten, über den die Impfkommission „nicht besonders glücklich“ sei. Noch kritischer äußert sich Jörg Meerpohl, Mitglied der STIKO und Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin an der Universität Freiburg.

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„Wir können uns leider nicht aussuchen, welche Evidenz wir zur Verfügung haben“, sagte er zu der aus Sicht der Impfkommission dürftigen Datenlage beim BA.4/BA.5-Impfstoff. Wenn es sich bei dem Vakzin um einen gänzlich neuen Impfstoff handeln würde, hätte die Kommission keine Impfempfehlung abgegeben. „Da stellen sich mir die Nackenhaare auf; das ist nicht das, was ich mir wünsche“, sagte Meerpohl. Allerdings seien die ähnlichen Impfstoffe, die auf dem Wildtyp des Erregers aufbauen, bereits in großer Zahl verabreicht worden und damit erprobt. So könne man die angepasste Variante trotz der Mängel „gut einschätzen“. Diese Vorgehensweise dürfe aber nicht zum Standardverfahren werden.

Die STIKO fordert die Impfstoffhersteller in einer Mitteilung zu ihrem Entwurf „ausdrücklich“ dazu auf, „Postmarketing-Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit der Varianten-adaptierten Impfstoffe zu liefern und zu veröffentlichen“.

Die Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover weist darauf hin, dass auch der an die Variante BA.1 angepasste Impfstoff sehr gut vor schweren Krankheitsverläufen schütze. Das Coronavirus habe sich vom Wildtyp hin zu Omikron/BA.1 vergleichsweise stark am sogenannten Spikeprotein verändert, die weitere Mutation zu den Varianten BA.4 und BA.5 sei vergleichsweise geringfügig. „Wenn man die Möglichkeit hat, eine vierte Impfung zu bekommen, macht auch ein BA.1-bivalenter Impfstoff Sinn“, sagt Falk. Durch diesen Impfstoff bilde der Körper Antikörper, die besser zu dem aktuell kursierenden Virus passen als jene, die mit den ursprünglichen Vakzinen erzeugt werden.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) entsprachen zuletzt etwa 95 Prozent aller genetisch untersuchten Proben der Virusvariante BA.5. In weiteren gut drei Prozent konnten die Labore die Variante BA.4 nachweisen. Insgesamt gelten laut RKI derzeit 76 Prozent der Menschen in Deutschland als grundimmunisiert, sie haben also zwei Impfungen erhalten. Eine erste Auffrischimpfung haben 62 Prozent bekommen, einen zweiten Booster neun Prozent.

Zahl der Corona-Tests steigt wieder

Unterdessen ist die Zahl der Corona-PCR-Tests Mitte September nach Angaben des Verbands der medizinischen Labore gestiegen. In der 37. Kalenderwoche seien knapp 500.000 PCR-Tests ausgewertet worden, etwa fünf Prozent mehr als in der Vorwoche. Die Rate der positiven Proben stieg in dieser Zeit von 33,5 auf 35,4 Prozent. „Der Herbst wirft nicht nur witterungsbedingt seine Schatten voraus. Der leichte Anstieg in den letzten beiden Wochen war zu erwarten und ist der Anfang einer sich verändernden Infektionslage in der vor uns liegenden Jahreszeit“, sagte der Vorsitzende des Laborverbands, Michael Müller.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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