<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Wegen Priestermangel

Was wird aus den Fakultäten für katholische Theologie?

Von Daniel Deckers
Aktualisiert am 31.07.2020
 - 13:06
Diakone bei ihrer Priesterweihezur Bildergalerie
Den theologischen Fakultäten fehlen Studenten, Priesterseminare verwaisen. Die Bischofskonferenz hat vor kurzem ein Konzept vorgelegt. Es könnte Bewegung in eine verfahrene Lage bringen.

Seit vielen Jahren kennt die Zahl derer, die sich als Theologen in den Dienst der katholischen Kirche stellen wollen, nur eine Richtung: Sie wird immer kleiner. Ähnlich verhält es sich mit der Zahl der Männer und Frauen, die an den staatlichen oder kirchlichen Fakultäten Theologie im Hauptfach studieren. Und als wären das der schlechten Nachrichten nicht genug, fehlt es seit vielen Jahren in vielen Fächern an qualifiziertem akademischen Nachwuchs. Mehr als hundert Theologen wurden zuletzt im Jahr 2008 promoviert, die Zahl der Habilitationen bewegt sich schon länger zwischen zehn und zwanzig im Jahr. Besetzungsverfahren für Lehrstühle enden daher immer öfter ergebnislos.

Die Auswirkungen dieser Implosion auf die insgesamt fast zwanzig staatlichen wie kirchlichen Fakultäten und Hochschulen hielten sich bislang in Grenzen. In Passau und Bamberg ist der Fakultätsstatus seit 2007 außer Kraft gesetzt, die Zahl der Lehrstühle wurde deutlich reduziert. Ein ähnliches Schicksal könnte der Theologie in Würzburg drohen. Ohne sich mit der Fakultät vorab ins Benehmen zu setzen, haben die Bischöfe Franz-Josef Jung (Würzburg) und Ludwig Schick (Bamberg) im März entschieden, die Priesteranwärter ihrer Bistümer vom Wintersemester an in München studieren zu lassen – und das, obwohl die staatskirchenrechtliche Garantie der Fakultät an der Priesterausbildung hängt.

Zwangsläufig ist der Verlust des Fakultätsstatus oder eine Verringerung der Zahl der Lehrstühle nicht, wenn dort keine Priesterausbildung mehr stattfindet. Die katholische Theologie in Bochum etwa ist darauf schon seit Jahren nicht mehr ausgerichtet. 2012 wollte Bischof Franz-Josef Overbeck das Elend in Gestalt einer Handvoll junger Männer und ihrer Ausbilder nicht länger mitansehen, die sich in den Räumen eines auf viele Dutzend Seminaristen ausgelegten Priesterseminars fernab des Alltags der Katholiken im Ruhrgebiet verloren hatten, und schickte sie zum Studium nach Münster.

Der Verpflichtung des Landes Nordrhein-Westfalen, in Bochum eine katholisch-theologische Fakultät zu unterhalten, war damit der rechtliche Boden entzogen. Doch im Zusammenwirken von Landesregierung, der Leitung der Ruhr-Universität, dem Bistum Essen und dem Vatikan blieb der dortigen Theologie der Fakultätsstatus erhalten. Die hohe Qualität von Forschung und Lehre sowie die intensive inneruniversitäre Vernetzung zahlten sich aus.

Priesterseminare verkommen zu Geisterhäusern

Geht es nach einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz, dann stellen sich Fragen nach der Zukunft der Theologie bald an nahezu allen Standorten, an denen sich junge Männer und Frauen derzeit auf einen kirchlichen Beruf vorbereiten. Sechs Jahre ist es her, dass der Münsteraner Bischof Felix Genn in einem Vortrag in Eichstätt öffentlich auf den unhaltbaren Status quo in der Ausbildung hinwies, sowohl mit Blick auf die angehenden Priester als auch deren Ausbilder. Und seit noch viel mehr Jahren dringen die Regenten der zu Geisterhäusern verkommenen Priesterseminare nicht mehr nur auf mehr Kooperation, sondern auch auf mehr Konzentration. Jetzt liegt erstmals ein Konzept vor, das das Zeug hat, Bewegung in die verfahrene Lage zu bringen.

Die Folgen für die Fakultäten zu wägen war nicht die Aufgabe der Arbeitsgruppe, wie der Fuldaer Bischof Michael Gerber im Gespräch mit der F.A.Z. erläuterte. „Wir sind vom ,Wozu‘ der Ausbildung ausgegangen, haben dann nach der Form gefragt und zuletzt über Standorte gesprochen“, sagt Gerber, der vor seiner Wahl zum Bischof viele Jahre in seinem Heimatbistum Freiburg für die Ausbildungsgänge in kirchlichen Berufen verantwortlich war. Gerber fragt zunächst: „Welche Kompetenzen brauchen die künftigen Priester und pastoralen Mitarbeiter, um die Transformationsprozesse der Kirche, die kaum absehbar sind, schöpferisch gestalten zu können?“

Die Antworten dürften unter den Bischöfen unstrittig sein: „Menschliche Reife, ein realistisches Bild von sich und seiner Umwelt, pastorale Fähigkeiten, Reflexionsvermögen, spirituelle und theologische Befähigung.“ Doch schon bei der Operationalisierung dieser Anforderungen in Gestalt von Ausbildungskontexten könnte es mit der Einmütigkeit vorbei sein. Die Arbeitsgruppe ist nämlich davon überzeugt, dass es keinen Sinn ergibt, die kirchlichen Berufsgruppen unabhängig voneinander auszubilden. Kooperation von Priestern und Laien soll die Maxime nicht erst für die spätere Arbeit in der Seelsorge sein, sondern schon für die Ausbildungsphase. Würde es so kommen, wäre dies das Aus für alle Standorte, an denen nicht auch die neben Priestern und Pastoralassistenten zahlenmäßig stärkste Berufsgruppe, die Gemeindereferenten, an Katholischen Fachhochschulen ausgebildet würden.

„Wir wollen Plattformen schaffen, auf denen sich alle Ausbildungsgänge treffen, wie es an den innovativeren Standorten heute schon der Fall ist“, sagt Gerber. Diese Botschaft, die schon dem Ende Juni veröffentlichten Vorschlag der Arbeitsgruppe zu entnehmen ist, scheint auf erhebliche Verständnisbarrieren zu stoßen. Die Tübinger Theologieprofessorin Johanna Rahner etwa gab in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages umgehend zu Protokoll, die Bischöfe kämpften für das „Ideal einer Priesterausbildung, wie es Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Konzil von Trient formuliert wurde“.

Nichts liegt Gerber ferner, wie auch dem Papier zu entnehmen ist. Dem Bischof schwebt eine Vielzahl von Ausbildungskontexten vor, die den Bedürfnissen und den Fähigkeiten angehender Priester und Laientheologen Rechnung tragen. Dabei denkt er, neben den klassischen Seminargemeinschaften, an Wohngruppen mit anderen Studierenden, an das Zusammenleben in einem Pfarrhaus oder einer sozialen Einrichtung. Das wiederum erfordert nicht nur eine kritische Masse an Ausbildern und Studierenden, sondern auch ein hinreichend großes und plurales Umfeld um Fakultäten und Ausbildungsorte.

Konzept schlägt Konzentration auf drei Studienorte vor

Zu Ende gedacht bedeutet das Konzept der von dem Münsteraner Bischof Genn geleiteten Arbeitsgruppe, dass angehende Seelsorger während der Studienphase künftig nur noch an drei Orten leben werden: Münster (für den Norden), Mainz (für die Mitte) und München (für den Süden) bieten alle Studiengänge, die für eine kooperative Ausbildung erforderlich sind. Andere Hochschulstandorte sollen hingegen nur noch in der Vorbereitungsphase vor sowie in dem sogenannten Pastoralkurs nach dem Studium berücksichtigt werden, etwa Freiburg und Erfurt (nur in Kooperation mit Paderborn).

Von der Mehrzahl der staatlichen und kirchlichen Fakultäten wie Bonn, Regensburg, Tübingen, Fulda und Trier sowie der von den Jesuiten getragenen Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt ist in dem Vorschlag der Arbeitsgruppe keine Rede. Entsprechend heftig fiel nicht nur die Reaktion des Fakultätentages aus, dessen Vorsitzende Johanna Rahner den Vorschlag (vor einer Abstimmung mit dem Vorstand) als „unüberlegt, naiv und politisch unbedarft“ abfertigte. Auch Bischöfe wie Voderholzer (Regensburg) und Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) wollten auf ihre Fakultäten nichts kommen lassen. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wiederum sprach vielen Katholiken in Mitteldeutschland aus dem Herzen, als er monierte, dass Erfurt als ehemaliges Zentrum der Priesterausbildung für die gesamte DDR und auch heute kompetente Forschungs- und Ausbildungsstätte übergangen würde.

Gerber nimmt diese Reaktionen gelassen: „Wir sollten und haben ein Konzept für die Priesterausbildung vorgelegt, nicht mehr und nicht weniger“, sagt der Fuldaer Bischof. Freilich sollte die Corona-Pandemie mit dem erwartbaren Einbruch des Kirchensteueraufkommens auch dem letzten klarmachen, dass Entscheidungen nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden können. „Wir können nicht warten, bis ein Bischof nicht mehr anders kann“, sagt Gerber stellvertretend für die Generation jüngerer Bischöfe wie Heiner Wilmer (Hildesheim), Peter Kohlgraf (Mainz) und Georg Bätzing (Limburg): „Aller Voraussicht nach werden wir noch in zwanzig Jahren eine Diözese leiten und wollen uns nicht vorwerfen lassen, die Weichen nicht rechtzeitig gestellt zu haben.“

Besonnene Stimmen gibt es aber auch in den Reihen der Theologieprofessoren: „Ich interpretiere den Vorschlag der Bischöfe so, dass binnenkirchliche Entwicklungen uns gewissermaßen einen Dienst leisten: Es ist Aufgabe der Theologie, kreativ und im je regionalen Kontext, das ureigene und nicht von binnenkirchlichen Klärungsprozessen abhängige Potential ihres eigenen Tuns zu formulieren“, sagte der Dekan der Erfurter Fakultät, der Kirchenhistoriker Jörg Seiler, der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Was plant der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki?

Eher bedeckt hält sich der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Er hat im vergangenen Jahr die Trägerschaft der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Steyler Missionare in St. Augustin übernommen und plant einen Neuaufbau in einer leerstehenden Immobilie in Köln. Während er selbst gegenüber der F.A.Z. davon spricht, die Theologie in Köln als Gesellschaftswissenschaft profilieren zu wollen, wittern Zeitgenossen, die ihm nicht wohlgesinnt sind, die Absicht, die Theologenausbildung von der staatlichen Katholisch-Theologischen Fakultät in Bonn abzuziehen und in eigene Regie zu überführen.

Glaubt man Woelkis Kritikern, hat er Ähnliches mit der Ausbildung von Religionslehrern im Sinn, die derzeit an der Universität Köln studieren. Entschieden ist nach Woelkis Worten nichts. Ihm sei es zunächst darum gegangen, eine dem Untergang geweihte staatlich anerkannte kirchliche Hochschule zu retten. Nun komme es darauf an, sie personell und inhaltlich zu profilieren. Dasselbe rät Woelki, der auch Vorsitzender der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz ist, allen katholisch-theologischen Fakultäten: „Entweder, sie werden so gut sein, dass sie sich im Konzert der Wissenschaften behaupten können, oder sie werden nicht mehr sein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.