Streit um Corona-Impfungen

Wie können Kinder am besten geschützt werden?

Von Kim Björn Becker, Timo Frasch und Matthias Wyssuwa
28.07.2021
, 21:39
Eine Kinderärztin impft einen Jungen mit dem mit dem Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer.
Während CSU und Ständige Impfkommission weiter um den richtigen Kurs bei Kinderimpfungen ringen, schafft ein Bundesland Fakten – und schickt seine Impfteams Mitte August in die Schulen.

Der Druck lässt nicht nach. Schon seit Wochen gibt es immer wieder Forderungen an die Adresse der Ständigen Impfkommission, doch bitte endlich die Corona-Impfung für Kinder ab zwölf Jahren zu empfehlen. Die Fachleute der STIKO, wie sich das Gremium abgekürzt nennt, haben jedoch bislang stets abgewunken. Weil eine Covid-19-Erkrankung bei Kindern fast immer ausgesprochen mild verläuft und über mögliche Risiken einer Impfung wegen fehlender Studiendaten nicht genug Klarheit herrscht, halten sie sich mit einer allgemeinen Empfehlung zurück. Nur Kindern mit bestimmten Vorerkrankungen legen die Wissenschaftler die Impfung grundsätzlich nahe. Bei diesen steigt das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs, was wiederum den Nutzen der Impfung vergrößert. Doch insgesamt blieb es bislang dabei, dass die Risiken der Impfung für Gesunde noch nicht überzeugend genug ausgeschlossen werden konnten.

„Dazu gibt es bislang auch keine neuen Erkenntnisse“, sagte der Mainzer Kinderarzt Fred Zepp der F.A.Z. am Mittwoch vor dem Beginn der wöchentlichen Schaltkonferenz der STIKO. Zepp gehört dem Gremium seit vielen Jahren an. Zwar könne es immer sein, dass neue Daten zu einer anderen Bewertung der Lage führten. Der Mediziner wies jedoch darauf hin, dass die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA die Impfstoffhersteller BioNTech/Pfizer und Moderna kürzlich aufgefordert habe, bei ihren Studien zur Wirkung der Impfung bei Kindern die Zahl der Probanden zu verdoppeln. Für Zepp ist das eine Bestätigung, dass die STIKO mit ihrer Zurückhaltung richtig liegt. Es sei bemerkenswert, dass die amerikanischen Behörden dieser Frage eine „gewisse Aufmerksamkeit“ widmeten, sagte Zepp.

Mit dieser Einschätzung sind nicht alle einverstanden. Kritik kam am Mittwoch von den Amtsärzten. „Wenn die Vakzine getestet, geprüft und zugelassen sind, sehe ich keinen Grund, sie nicht zur Impfung zu empfehlen, auch für Jüngere“, sagte die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Ute Teichert, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Inzidenzen seien in den niedrigeren Altersgruppen besonders hoch. „Das wird sich bald in die noch jüngeren Gruppen verschieben. Warum sollten wir diese Altersgruppen nicht vor Corona schützen?“

In Deutschland ist der Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen, beim Impfstoff von Moderna gibt es bereits eine entsprechende Empfehlung durch die Fachleute der Europäischen Arzneimittelagentur. Sobald die Europäische Kommission zustimmt, ist auch dieser Impfstoff für Kinder von zwölf Jahren an zugelassen. Die italienische Arzneimittelagentur AIFA hat dem Schritt schon vorgegriffen und den Impfstoff am Mittwoch für Kinder freigegeben.

Doch nicht nur Mediziner sprechen sich dafür aus, möglichst viele Kinder und Jugendliche zu impfen. Der politische Druck auf die STIKO, ihre Empfehlung zu ändern, kommt vor allem aus dem Süden der Republik. Bayerns Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Markus Söder treibt das Thema seit Wochen um. Er verstrickte sich dabei allerdings in Widersprüche. Einerseits beklagte er, dass der Impfstoff von AstraZeneca durch das Hin und Her der wissenschaftlichen Einschätzungen zum „Ladenhüter der Nation“ geworden sei. Andererseits sagte er vor zwei Wochen in Bezug auf das Impfen von Schülern: „Wir hoffen sehr, dass die STIKO ihre Meinung weiterentwickelt.“

Seit dem Beginn der Pandemie hebt Söder denn auch hervor, dass er seine Politik an den Empfehlungen der Wissenschaft ausrichte, andererseits neigte er zuletzt dazu, vorzugeben, zu welchem Ergebnis die Wissenschaftler möglichst bald kommen sollten. Diesen zweiten Widerspruch hat Söder dadurch aufzulösen versucht, dass er unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen gegeneinander ausspielte. Im Bayerischen Rundfunk betonte er, dass die STIKO-Mitglieder ehrenamtlich arbeiteten, was in diesem Fall nicht wertschätzend gemeint war. Über die Europäische Arzneimittelbehörde äußerte Söder hingegen: „Das sind die Profis.“

Am Freitag legte Söder dann, sekundiert von seiner Partei, noch einmal nach. Im Anschluss an eine Klausurtagung des CSU-Vorstands am Tegernsee sagte er, eine neuerliche Ministerpräsidentenkonferenz sollte, wenn sie denn tage, ein gemeinsames Schülerimpfprogramm beschließen. Er wisse, die STIKO sei skeptisch, „das ist ihr gutes Recht, aber wir müssen trotzdem entscheiden“.

Der CSU-Landesgruppenvorsitzende Alexander Dobrindt sagte, man müsse die dringende Bitte an die STIKO senden, dass die Haltung ihres Vorsitzenden „gegenüber seinen bisherigen Entscheidungen, aber auch die Haltung gegenüber der Politik angepasst wird“. Dobrindt nahm auch Stellung zur Kritik der STIKO an Söders Verhalten: „Dass Äußerungen aus der Politik kontraproduktiv seien, dem kann ich nicht folgen.“ Man stehe „gemeinsam in einer Verantwortung“. Deswegen sei es „dringend geboten, dass wir den Impffortschritt mit unseren Empfehlungen nicht verringern, sondern deutlich erhöhen“.

Impfteams in 250 Schulen

Während Politik und Wissenschaft um den richtigen Kurs beim Schutz der Kinder ringen, werden andernorts bereits Fakten geschaffen. Am Montag schon sind im Norden die Sommerferien vorbei, für die Schüler in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beginnt die Schule. Hamburg folgt am Donnerstag. Für Schleswig-Holstein hat die dortige Bildungsministerin Karin Prien (CDU) schon das Ziel „Schule in Präsenz – aber sicher“ ausgegeben. Am Mittwoch berichtete sie, wie das gehen soll. Die Startchancen seien deutlich besser als vor einem Jahr, äußerte sie, obwohl die Lage wegen der Delta-Variante dynamisch bleibe.

So gilt zumindest in den ersten drei Wochen weiterhin für alle Schüler die Maskenpflicht in den Innenräumen, Abstands- und Hygieneregeln müssen auf dem Schulgelände eingehalten werden. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich zunächst auch weiter zweimal die Woche testen lassen. Besondere Aufmerksamkeit dürften in den Schulen die Mobilen Impfteams erfahren, die das Land vom 19. August an an 250 Standorte schicken will – um nicht nur den Beschäftigten in Schulen, sondern auch allen Schülern von zwölf Jahren an ein Impfangebot zu machen. Das Angebot ist freiwillig. In der kommenden Woche sollen die Eltern mit allen nötigen Informationen dazu versorgt werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
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Matthias Wyssuwa
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