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Streit um Kanzler-Interviews

Kohls Schmankerl und die historische Wahrheit

Von Rainer Blasius
 - 16:55

Das wollte man schon immer lesen – oder vielleicht doch nicht? „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“ So erinnerte sich der Kanzler der Einheit vor dreizehn Jahren bei laufendem Tonband an die Anfänge jenes Nachwuchstalents aus der untergegangenen DDR, das er im Januar 1991 zur Bundesministerin für Frauen und Jugend gemacht hatte.

In den „Erinnerungen“ Kohls findet sich eine solche Äußerung aus verständlichen Gründen nicht – eben weil er ins Unreine gesprochen hatte, wovon das überflüssige „sich“ zeugt. Dass Kohls Ermahnungen aber nicht nur hinsichtlich der Tischsitten fruchteten, wird niemand bestreiten.

Abrechnung mit Merkel, Wulff und Schäuble

Solche und andere teils beleidigende, teils herabsetzende, vor allem abrechnende Schmankerln über das Personal der Union von Norbert Blüm über Wolfgang Schäuble, Lothar Späth, Franz Josef Strauß und Rita Süssmuth bis zu Richard von Weizsäcker und Christian Wulff sollen sich in dem Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ befinden, das der Heyne-Verlag seit Montag ausliefert.

Parallel dazu wartet „Der Spiegel“ mit einer zehnseitigen Titelgeschichte auf, um der Publikation von Heribert Schwan und Tilman Jens Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dazu meldet die Zeitschrift „Focus“, dass Kohls Anwälte angeblich prüfen, ob die Auslieferung des Buchs gestoppt werden könne, weil als Grundlage 200 Tonbänder dienten, deren Nutzung Schwan gerichtlich untersagt worden war.

Der zur Verlagsgruppe Random House gehörende Heyne-Verlag stellt die Publikation am Dienstag in Berlin vor: der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen wird Schwan und Jens moderieren.

Kohl- und medienträchtiger kann eine Buchmessen-Woche kaum beginnen, zumal der frühere Bundeskanzler am Mittwoch in Frankfurt sein Buch „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“ vorstellen möchte. Dabei handelt es sich um die Neuauflage der Veröffentlichung von 2009: Sie „fasst die einschlägigen Kapitel des zweiten und dritten Bandes der Erinnerungen Helmut Kohls zusammen“, teilweise „gekürzt und überarbeitet“. Für den 3. November ist schon die Präsentation des Kohl-Appells „Aus Sorge um Europa“ angekündigt.

Kohls früherer Ghostwriter und Tonband-Gesprächspartner wird übrigens am 2. Dezember siebzig Jahre alt – Grund genug, um die denkwürdige Feier zum sechzigsten Geburtstag in der Kölner „Bastei“ in Erinnerung zu rufen: Freunde, Kollegen und Weggefährten ließen den damaligen WDR-Journalisten und Bestseller-Autor Schwan hochleben.

Ein Gast hatte sich mehr oder weniger „selbst eingeladen“. Seine Anwesenheit am Tisch des Jubilars sorgte für großes Aufsehen. Schließlich erhob sich Kohl, ergriff das Wort zu einer staatsmännischen Würdigung, die in dem Satz gipfelte: „Heribert Schwan ist ein deutscher Patriot!“

Spätestens jetzt war jedem klar, welche Bedeutung der Kanzler der Jahre 1982 bis 1998 dem Geburtstagskind beimaß, das ein Jahr nach Kohls Abwahl auf Empfehlung von Hannelore Kohl in Oggersheim den Kontakt aufnahm und einen eigenen Haustürschlüssel besaß. „Ich habe als Ghostwriter mit dem Mann Tag und Nacht gelebt, ich war in ihm drin“, meinte Schwan rückblickend. Herausgekommen sind dabei drei monumentale Bände „Erinnerungen“ über die Jahre 1930 bis 1994, erschienen 2004, 2005 und 2007.

Ein Tonbandschatz aus dem Bungalow in Oggersheim

Zwischen dem 12. März 2001 und dem 27. Oktober 2002 beantwortete der frühere Bundeskanzler an 105 Tagen die Fragen Schwans. Ein „Tonband-Schatz“ von 630 Stunden entstand, auf 200 Kassetten. Kohl soll besonders auskunftsfreudig gewesen sein, weil er über den Verlust seiner Frau Hannelore hinwegkommen wollte, die am 5. Juli 2001 freiwillig aus dem Leben geschieden war.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Kohl und Schwan bekam einen Knacks, als sich Maike Richter – die 1964 geborene promovierte Volkswirtin und Mitarbeiterin des Kanzleramtes während des letzten Kabinetts Kohl – als zusätzliche und energische Memoirenberaterin in Oggersheim einführte. Sie rückte nach Kohls Feier zum 75. Geburtstag im Berliner Zeughaus im April 2005 ins Rampenlicht.

Durch Kohls schwere Erkrankung, Maike Richters Pflege und die Trauung am 8. Mai 2008 in einer Heidelberger Reha-Klinik sank Schwans Stern kontinuierlich. Am 24. März 2009 erhielt er einen Brief von Kohls Anwalt mit der Mitteilung, man werde auf seine Dienste verzichten. Zu diesem Zeitpunkt soll der vierte Memoiren-Band halb fertig gewesen sein.

Schwan schrieb daraufhin eine stark mitfühlende Biographie über Hannelore Kohl, die zu ihrem zehnten Todestag im Juli 2011 erschien und es auf eine Viertelmillion verkaufter Exemplare brachte. Hier unterstellt der Autor der zweiten Frau Maike die Absicht, die Erinnerung an ihre Vorgängerin Hannelore einfach „auslöschen“ zu wollen.

Schließlich erklärte Schwan als Reaktion auf die Studie von Hans-Peter Schwarz über Kohl im September 2012 in einem „Spiegel“-Interview, er werde zum 90. Geburtstag von Kohl 2020 eine Biographie vorlegen, die sich daran orientiert, „was bislang unbekannt ist. Es geht mir auch um ein bisschen Deutungshoheit.“

In diesem Zusammenhang kam die Frage nach „630 Stunden Gespräche auf Tonband“ auf. Schwan erwiderte, er habe „sehr viele Exzerpte“ gemacht, „einiges kopiert“, ja er habe nach den Befragungen Kohls Aufzeichnungen für sich privat gemacht, „zusätzlich zu den 105 Tagen, an denen wir zusammensaßen und an denen die ganze Zeit das Band lief. Zehn Prozent dieses Materials ist in die Memoiren eingeflossen, 90 Prozent sind bislang unveröffentlicht.“

Schwan sprach von seiner „geistigen Leistung“, die zwar die Anwälte des Altkanzlers einforderten, er aber nicht herausgeben werde. Er fürchte einen Rechtsstreit mit Kohl nicht, „da er nie eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben habe“. Das Kölner Landgericht sah das anders und verurteilte Schwan dazu, die Kassetten herauszugeben; ein Gerichtsvollzieher holte den Quellenschatz ab.

Kohls zweite Ehefrau Maike Richter verdrängte Schwan

Am 1. Juni 2014 gab die zunehmend in die öffentliche Kritik geratene zweite Ehefrau des früheren Bundeskanzlers der „Welt am Sonntag“ ein Interview. Sie sei „nicht in Helmut Kohls Leben getreten mit dem Anspruch, sein Leben zu verändern“ und sich „Platz zu verschaffen. Das hätte er auch nie geduldet“.

Dass sie glaubt, historischen Sachverstand zu haben, ist offensichtlich. Dass sie nur wissenschaftlich verbrämte Bewunderung für ihren Mann zu dulden scheint und selbst der wohlwollende Hans-Peter Schwarz bei ihr in Ungnade fiel, stimmt bedenklich. Momentan soll sie ihre Hoffnungen auf den Historiker Henning Köhler setzen, der am 5. November seine umfassende Kohl-Biographie in Berlin vorstellen wird.

Mit den Tonbandkassetten beschäftigte sich das Kölner Oberlandesgericht und bestätigte Ende Juli die Entscheidung des Landgerichts, dass sie Kohls alleiniges Eigentum seien. Schwan sieht sich dadurch zum „Mikrofonhalter“ degradiert.

Über den Streit wird letztlich der Bundesgerichtshof entscheiden. Mit der Publikation von Schwan und Jens aus den „Kohl-Protokollen“ geht das publikumswirksame Duell zwischen dem früheren Ghostwriter und Kohl in eine entscheidende Runde. Ob es der historischen Wahrheit dient, ist mehr als ungewiss.

Quelle: F.A.Z.
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