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Friedrich Merz in Apolda

Und die Basis jubelt

Von Stefan Locke, Apolda
Aktualisiert am 27.02.2020
 - 07:18
Der Noch-Landesvorsitzende der CDU in Thüringen, Mike Mohring (r.), beklatscht am Mittwochabend den Auftritt von Friedrich Merz in Apolda beim politischen Aschermittwoch.
Beim politischen Aschermittwoch im thüringischen Apolda startet Friedrich Merz voll durch. Für Thüringens CDU-Chef Mike Mohring jedoch ist es jetzt erstmal vorbei.

Zwei Stunden muss der Kandidat aushalten, bis er endlich auf die Bühne darf. Aber Friedrich Merz sitzt tapfer in der Festhalle der Vereinsbrauerei Apolda auf einer Bierbank ganz vorn, eingeklemmt zwischen dem Bundestagsabgeordneten Christian Hirte und Thüringens CDU-Vorsitzenden Mike Mohring. Letzterer hat hier ein Heimspiel, bei dem seine Niederlage diesmal jedoch schon zuvor feststeht: Für Mohring ist es am Aschermittwoch tatsächlich so gut wie vorbei, am Montag schon will er den Vorsitz von Landes-CDU und Landtagsfraktion in Erfurt abgeben. Hirte ist einer seiner mutmaßlichen Nachfolger, der seine Kandidatur noch nicht offiziell erklärt, aber der aus Sicht der Thüringer Parteibasis den enormen Vorteil hat, von der Kanzlerin persönlich als Ostbeauftragter der Bundesregierung gefeuert worden zu sein. An diesem Abend spielt Hirte jedoch keine Rolle und verkrümelt sich beizeiten in hintere Reihen, während Mohring vorn noch mal zu Hochform aufläuft.

„Ich bin froh wieder zu Hause zu sein“, ruft er in die mit 1500 Menschen seit Wochen ausverkaufte Halle. Mohring stammt aus Apolda, einer Kleinstadt zwischen Weimar und Jena, wo er bis heute wohnt. Er wisse, dass die Thüringer CDU derzeit nicht der attraktivste Gastgeber sei. „Aber wir sind der hoffnungsvollste!“ Worauf sich diese Hoffnung gründet, bleibt im Dunkeln, aber Mohring macht es wie so häufig: Er redet sich noch einmal in einen regelrechten Rausch, er gestikuliert, ballt die Fäuste, wischt sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Es sieht aus, als ob er hier nicht seine Abschiedsrede hält, sondern gerade ganz viel werden will. Er spricht von Geschlossenheit, von gegenseitigem Vertrauen in der Politik, die Handlungsfähigkeit beweisen und Verantwortung für das Land übernehmen müsse. Und er beschreibt damit exakt das Gegenteil dessen, was er und seine Partei in den vier Monaten seit der Landtagswahl getan haben.

In großer Uneinigkeit handlungsunfähig

Deren Ergebnis ist schwierig, keine Frage, so schwierig wie wohl noch nie irgendwo in Deutschland. Aber Mohring und die CDU haben bis heute keinen Umgang damit gefunden, im Gegenteil: Sie sind in großer Uneinigkeit handlungsunfähig und inzwischen drauf und dran, auch noch den letzten Rest an Vertrauen zu verspielen. Nachdem sie erst mit der Linken und dann mit der AfD anzubandeln versuchten und als Höhepunkt mit deren Stimmen einen FDP-Mann zum Regierungschef wählten, haben sie sich jetzt für eine temporäre Kooperation mit Rot-Rot-Grün entschieden, um Neuwahlen zu vermeiden.

Mohring aber zeichnet ein Bild voller Hindernisse, die es ihm letztlich unmöglich gemacht haben, die Union als nur drittstärkste Kraft doch noch an der Regierung zu beteiligen. Zwar habe er „mit Sicherheit auch Fehler gemacht“, aber das Haupthindernis sei Berlin und der unselige Unvereinbarkeitsbeschluss gewesen, der mit der Lebensrealität in Thüringen kollidiere. Wer Mohring eine Weile lang zuhört, könnte beinahe glauben, dass er ohne Berlin längst das Land regierte. Dabei hat ein Teil seiner eigenen Abgeordneten seine Abwahl als Fraktionschef erzwungen, und auch als Landesvorsitzender geht er keineswegs freiwillig.

Das aber ist einerseits eine pure Notwendigkeit angesichts der multiplen Sackgassen, in die Mohring seine Partei geführt hat, andererseits auch tragisch, verliert doch die Thüringer CDU mit ihm auch eines ihrer größten rhetorischen Talente. Mohring kann ohne weiteres einen Marktplatz rocken, das hat er mit Friedrich Merz gemeinsam. Der muss sich die Wartezeit mit Händeschütteln und Selfies vertreiben, bisweilen stiert er aber auch nur an den Festzelthimmel, wo Werbebanner „Es läutet die Glock – Apoldaer Bock“ verheißen. Mohring setzt unterdessen zum dialektischen Finale an, sagt, dass er „jede Minute“ seiner zwölf Jahre als Fraktionschef und fünf Jahre als Landesvorsitzender genossen habe, um gleich darauf seinen Nachfolgern zu wünschen, „dass sie nie das erleben müssen, was ich in den letzten Monaten erleben musste“. Es folgen Dank und eine Verbeugung, und als der Jubel losbricht, legt Mohring seine rechte Hand aufs Herz und verdrückt eine Träne. Jetzt sind alle Menschen in der Halle aufgestanden, auch Friedrich Merz. Er klopft Mohring auf die Schulter.

Später wird er seine Rede damit einleiten, dass sich Mohring „nur auf Zeit“ verabschiedet habe, was so mancher im Landesverband als Drohung empfunden haben dürfte. Zuvor aber gibt es den traditionellen Hering mit Salzkartoffeln, noch mehr Bier und „Rosamunde“ vom brauereieigenen Blasorchester. Seit Jahren schon trägt Apolda das Prädikat „Größter politischer Aschermittwoch Ostdeutschlands“, was auch Mohring zu verdanken ist. Diesmal hat er Friedrich Merz verpflichtet, zu einer Zeit, als noch nicht zu ahnen war, dass dieser abermals ins Rennen um den CDU-Bundesvorsitz geht. Erst tags zuvor hatte Merz das in Berlin verkündet, jetzt besucht er in Apolda quasi seine Fan-Basis. Dass er trotz allem in den derzeit politisch wahnsinnigen Freistaat kommt, rechnen sie ihm hier hoch an. Schon seine Vorstellung geht in Jubel und rhythmischem Beifall unter. Merz ist hier, wie in vielen Gegenden Ostdeutschlands, eindeutig Favorit. Die Menschen wünschen sich von ihm, nicht repräsentative Blitzumfrage im Saal, „Klare Kante!“, „Aufräumen!“, „Schluss mit lustig!“

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Problem unterschätzt
Merz will stärkeres Vorgehen gegen Rechtsextremismus

Thüringer CDU wird ihren Preis zahlen

Lustig ist Merz in der Tat nicht, seinen einzigen, nun ja, Brüller zündet er im Mittelteil: „Wenn ich im Fernsehen sehe, mit welch verklärten Blicken der Herr Habeck und die Frau Baerbock angeschaut werden, denke ich, ich bin nicht einer Talkshow, sondern bei Parship.de. Alle 30 Sekunden verliebt sich ein deutscher Journalist in Robert Habeck.“ Ansonsten bleibt Merz mahnend-kämpferisch, motivierend und bisweilen staatsmännisch. Er kritisiert Bodo Ramelow, weil dieser ohne Mehrheit wieder Regierungschef werden will, lässt auch die Thüringer CDU nicht ungeschoren, nein, sie werde für ihr Verhalten bei der nächsten Wahl einen Preis zu zahlen haben. „So ist Demokratie“, ruft Merz in die kurzzeitig stille Halle. „Aber wir halten trotzdem zusammen“, sagt er und verspricht zur großen Erleichterung, dass die gesamte CDU bei nächsten Wahlkampf in Thüringen helfen werde.

Und dann wird der Kandidat grundsätzlich. Nach seiner Vorstellung in Berlin war ihm ein laxer Umgang mit Rechtsextremismus vorgeworfen worden, aber das will er nicht auf sich sitzen lassen, im Gegenteil. „Wir müssen über den ausufernden Rechtsextremismus reden“, ruft er in den Saal. Mehr als 200 Opfer rechtsextremer Morde habe es in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland gegeben. „Wir haben dieses Problem unterschätzt!“ Und mit Blick auf den rechtsextremen Terroranschlag von Hanau forderte er „uneingeschränkte Solidarität“ mit den Angehörigen der Opfer. „Die grenzen wir nicht aus, die nehmen wir in den Arm“, rief Merz unter Beifall. Die CDU, so Merz, werde niemals der AfD die Hand reichen, zudem sei eine Partei, deren Vertreter die Zeit des Nationalsozialismus als Vogelschiss bezeichnen, niemals bürgerlich. Mit ihr habe die CDU nichts zu tun.

Merz hat sich warmgeredet, auch er schwitzt, legt bald sein Sakko über einen Notenständer der pausierenden Kapelle und wischt sich mit einer Serviette den Schweiß aus dem Gesicht. Er entwirft große Bilder von der Rolle Europas zwischen Amerika und China, spricht über die Folgen des Klimawandels und fordert ein gutes Verhältnis mit Russland. Erst am Ende kommt er dann auch auf seine Kandidatur zu sprechen, wiederholt, dass die vergangenen 15 Jahr zwar gute Jahre für Deutschland waren, und dass man das auch Angela Merkel zu verdanken habe, er aber angesichts der Umfragewerte für die Union „nicht für ein Weiter so“, sondern „für Aufbruch und Erneuerung“ antrete. Nichts kann auch die CDU hier in Apolda und erst recht in Thüringen mehr brauchen als das. Die Menge feiert Merz wie einen Superstar, als habe er bereits gewonnen. Dabei war Thüringen für ihn gerade mal der Anfang.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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