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Todesfall in Chemnitz

Nichts gesehen, nichts gehört

Von Stefan Locke, Dresden
 - 17:48

Die junge Frau geht zögerlichen Schrittes zum Zeugenstand. Sie war in der Tatnacht in der Nähe des Tatorts, jetzt will die Richterin wissen, woran sie sich erinnern kann. Sie habe einen Streit bemerkt, sagt die 19 Jahre alte Frau. „Wie viele Personen waren dabei?“, fragt die Richterin. „Was haben Sie gesehen? Kannten Sie eine der Personen? Gab es Verletzte?“ Die Zeugin schüttelt den Kopf. Sie habe sich weggedreht, sagt sie einsilbig, und dass es ja immer mal wieder vorkomme, dass sich Leute prügeln. Selbst als die Richterin aus der polizeilichen Vernehmung zitiert, in der die Frau nähere Angaben gemacht hatte, scheint das ihrer Erinnerung nicht auf die Sprünge zu helfen. „Weiß ich alles nicht mehr“, lautet die Antwort. Danach wird der nächste Zeuge aufgerufen.

So geht das an beinahe jedem Prozesstag im Halbstundentakt. Ein Zeuge nach dem anderen betritt den Verhandlungssaal in Dresden, wohin das Landgericht Chemnitz aus Platz- und Sicherheitsgründen das Verfahren gegen Alaa S. verlegt hat. Wesentliche Fortschritte aber sind in dem seit zwei Monaten laufenden Prozess nicht erkennbar. Der 23 Jahre alte syrische Asylbewerber ist angeklagt, für den Tod des 35 Jahre alten Chemnitzers Daniel H. auf dem Stadtfest Ende August vergangenen Jahres mitverantwortlich zu sein.

Weiterhin auf der Flucht

Der mutmaßliche Haupttäter, der 23Jahre alte irakische Asylbewerber Farhad A., ist nach wie vor auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Die Staatsanwaltschaft hat Alaa S. unter anderem des gemeinschaftlichen Totschlags und der gemeinschaftlich begangenen gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Seinen Verteidigern zufolge bestreitet S. die Tat, er selbst hat sich im Prozess bisher nicht geäußert. Vielmehr verfolgt er aufmerksam und ohne jede äußerliche Regung der Verhandlung, die ihm ein Dolmetscher ins Arabische übersetzt.

So sind es zunächst Polizisten, ein Dolmetscher und der Ermittlungsrichter, die mit Alaa S. unmittelbar nach der Verhaftung zu tun hatten und die seine damals gemachten Aussagen wiedergeben. Es sei eine ruhige Vernehmung ohne Schwierigkeiten gewesen, berichten sie. Der Angeklagte habe ruhig und gefasst gewirkt und betont, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Den Schilderungen zufolge war der Angeklagte in der Tatnacht zunächst in einem Dönerladen in der Nähe des späteren Tatorts und habe sich etwas zu Essen bestellt, als er draußen einen Streit mitbekommen habe zwischen Farhad A. und dem späteren Opfer. Sein Bekannter Yusif A., ein ebenfalls 23 Jahre alter syrischer Flüchtling, sei daraufhin hinausgerannt und habe schlichten wollen. Kurz darauf aber habe es dann die tödliche Auseinandersetzung gegeben. Yusif A. und Alaa S. seien weggerannt, weil sie befürchtet hätten, als Ausländer Probleme mit der Polizei zu kommen.

Blutige Hände nicht dokumentiert

Zwei Polizisten wiederum hatten beide kurz darauf und nur wenige hundert Meter entfernt aufgegriffen und vorläufig festgenommen. Dabei habe Yusif A. blutverschmierte Hände gehabt, auch an Oberbekleidung und Hose sei Blut gewesen, sagte einer der Polizisten. Sein Kollege sagte aus, die Handflächen seien rotbraun gewesen, es könne sich dabei um Blut gehandelt haben. Allerdings sei das weder dokumentiert noch im Ermittlungsbericht erwähnt worden. Warum das geschah, konnten beide Polizisten nicht erklären. Sie hätten das nicht als wichtig angesehen. Yusif A. wurde wenige Wochen nach der Tat mangels Beweisen aus der Untersuchungshaft entlassen. Auf einem Messer – der Tatwaffe – war nicht seine DNA, sondern nur mutmaßlich die des flüchtigen Farhad A. gefunden worden. Der Angeklagte Alaa S. wiederum habe lediglich eine Schürfwunde an der Schulter aufgewiesen.

Über das Tatgeschehen jedoch sagen fast alle dazu Befragten, sich nicht erinnern zu können, nichts gesehen oder gehört zu haben. Immer wieder ist von lautstarkem Streit und Schubsereien die Rede, aber wer dabei war, wie viele Leute verwickelt waren und wer was getan hat – darüber gibt es kaum verwertbare Auskünfte. Auch ein Hauptbelastungszeuge, ein 30 Jahre alter Mitarbeiter aus dem besagten Dönerladen, der den Angeklagten in der polizeilichen Vernehmung schwer belastet haben soll, will zunächst die Aussage verweigern, weil er bedroht werde. Als ihn die Richterin dennoch unter Polizeischutz vorlädt, macht der Mann widersprüchliche Angaben, sagt, dass er sich nicht mehr erinnern könne und missverstanden worden sei.

Bekannte des Angeklagten wiederum schildern Alaa S. in bemerkenswerter Einigkeit als höflichen und hilfsbereiten Menschen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er zugestochen hat“, sagt ein Syrer, der S. aus dem Friseurladen kennt, wo dieser arbeitete. „Menschlich ist er zu sowas nicht fähig, auch an dem Abend war er ausgeglichen und nicht aggressiv unterwegs.“ Farhad A. dagegen sei „ein furchtbarer Mensch“ gewesen, habe immer wieder „Leute dumm angemacht“ und angegriffen. Zudem habe A. immer ein Messer bei sich getragen. Ähnliches berichten andere Zeugen, darunter zwei syrische Asylbewerber. Farhad A. habe stets Streit gesucht und ihn einmal auch mit einem Messer am Mittelfinger verletzt, erzählt einer von ihnen und zeigt die Narbe. S. dagegen sei „ein netter, arbeitsliebender Mensch“ gewesen, berichtet der andere. „Er war immer sauber, ein Messer habe ich nie bei ihm gesehen.“

Verschiedene Sprachen erschweren Aufklärung

Das bestätigt auch der türkische Besitzer des Dönerladens, der den Angeklagten beschäftigte, bevor dieser in seinem Beruf als Friseur Arbeit fand. Als die Richterin ihm mit seiner Aussage bei der Polizei konfrontiert, wo er S. eines schlechten Umgangs und des Alkohol- und Drogenkonsums bezichtigt haben soll, antwortet der Mann, dass das nicht stimme. Womöglich sei das ein Übersetzungsfehler. Tatsächlich erschweren die verschiedenen Sprachen die Aufklärung des Geschehens. Nahezu jeder ausländische Zeuge wird von einem anderen Dolmetscher begleitet; sie übertragen auf Türkisch, Russisch, Kurdisch und Arabisch, einige Zeugen antworten in gebrochenem Deutsch, immer wieder kommt es dabei zu Missverständnissen. Darüber hinaus beharken sich Verteidiger und Staatsanwaltschaft bisweilen so sehr, dass die Richterin beide zur Ordnung rufen muss, etwa wenn sie sich Beleidigungen wie „professorales Gehabe“ oder „Frontlappenakrobatik“ an den Kopf werfen.

Beide Seiten sind sich spätestens in heftiger Abneigung verbunden, seit die Verteidigung am 6. Verhandlungstag gefordert hatte, den Staatsanwalt wegen „mangelnder Objektivität“ abzulösen. Auch der Anwalt des ehemals Tatverdächtigen Yusif A. hatte Strafanzeige gegen den Staatsanwalt wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung gestellt, weil dieser willkürlich Untersuchungshaft gegen seinen Mandanten beantragt habe. Solange der Staatsanwalt das Verfahren führe, werde Yusif A. nicht als Zeuge aussagen, erklärte er. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat die Vorwürfe, die auch gegen den Haftrichter erhoben wurden, inzwischen als „haltlos“ zurückgewiesen.

Für Mutter und Schwester des Opfers Daniel H., die dem Prozess als Nebenkläger folgen, macht es das alles nicht einfacher. Am Montag sagte die Lebensgefährtin von Daniel H. aus. Die junge Frau schilderte ihren Freund als einen Menschen, der beliebt gewesen und Konflikten aus dem Weg gegangen sei. „Daniel hat jeden Raum mit Sonne geflutet“, sagte sie. Zugleich schilderte sie unter Tränen, dass beide in der Tatnacht im Streit auseinander gegangen seien. Er sei wie geplant zu einem Skatabend gegangen, während sie bei Freunden gewesen sei. Den letzten Kontakt hätten beide via WhatsApp gehabt, wobei er habe einlenken wollen, sie aber stur geblieben sei.

Als sie am nächsten Morgen nichts von ihm gehört habe, sei sie unruhig geworden und habe nach ihm gesucht. Sie habe von den schrecklichen Ereignissen auf dem Stadtfest erfahren und bald die furchtbare Nachricht erhalten, dass es sich bei dem Opfer um ihren Freund handelt. Fast acht Jahre seien sie zusammen gewesen, hätten anfangs auch wegen Drogen eine schwierige Zeit gehabt, aber sich nach und nach ein bürgerliches Leben aufgebaut. „Freunde haben schon gefragt, ob wir jetzt Spießer werden“, sagte sie. Auch habe Daniel H. keine Drogen mehr genommen.

Um wenigstens etwas Licht in die Umstände der Tatnacht zu bringen, hat das Gericht nun für Mitte Juni eine Besichtigung des Tatortes und des in der Nähe gelegenen Dönerladens angeordnet. So erhoffen sich die Richter wenigstens Aufschluss darüber, wer von wo aus etwas gesehen haben könnte. Der Prozess wird voraussichtlich noch bis zum Herbst dauern.

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Quelle: F.A.Z.
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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