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Diesel-Drama

Viele Wohnmobile von Fahrverboten betroffen

Von Stefan Tomik
 - 07:43
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Die Wohnmobil-Branche boomt seit Jahren. Etwa eine halbe Million solcher Fahrzeuge sind heute in Deutschland zugelassen, die weitaus meisten von ihnen haben einen Diesel-Motor. Und so verfolgen wohl Hunderttausende Besitzer von Freizeitmobilen die Diskussion über Diesel-Fahrverbote. Die Nachfrage nach Neufahrzeugen schmälert sie anscheinend nicht. Ein Einfluss der Diesel-Debatte „lässt sich für uns nicht feststellen“, teilt Hersteller Hymer mit. „Die gesamte Branche verzeichnet deutliche Zuwächse.“

Doch für etliche Wohnmobilbesitzer dürfte es bald eng werden: Gleich in mehreren Städten drohen flächendeckende Fahrverbote, auch ein Abschnitt der Autobahn A 40 soll für ältere Dieselfahrzeuge gesperrt werden. Wer in einer Fahrverbotszone wohnt, darf künftig womöglich nicht einmal mehr zum Be- und Entladen an die eigene Haustür fahren. Oder er muss eine Ausnahmegenehmigung beantragen. In Stuttgart gilt das sogar auch für durchreisende Touristen. Und wer keine Genehmigung bekommen kann, muss die Fahrverbotszonen künftig umfahren.

Wohnmobile werden meistens auf Transporter-Fahrgestellen aufgebaut. Der Fiat Ducato ist das meistverbreitete Basisfahrzeug. Mercedes Sprinter oder VW Crafter gelten als robuster, sind aber auch teurer. Nur äußerst selten sind Wohnmobile mit Benzinmotor unterwegs, ihr Anteil liegt unter fünf Prozent. Des geringeren Verbrauchs wegen bieten Hersteller bislang fast nur Dieselantriebe an. Der Kunde hat kaum eine Wahl. Gasfahrzeuge sind in dem Markt wahre Exoten, und Elektrofahrzeuge gibt es schon deshalb noch nicht, weil für die in der Praxis erforderliche Reichweite von mindestens 600 Kilometern sehr teure und viel zu schwere Batterien benötigt würden. Viele Freizeitmobile kommen dem zulässigen Gesamtgewicht ohnehin schon bedrohlich nahe.

Wenn Anreize zur Strafe werden

Etwa 85 Prozent aller zugelassenen Wohnmobile erfüllen noch nicht die Abgasnorm Euro 6, schätzt der Caravaning Industrie Verband, und sind damit unmittelbar von den Diesel-Fahrverboten betroffen. Während in Hamburg und Berlin nur einzelne Straßen gesperrt sind oder gesperrt werden sollen, drohen etwa in Frankfurt, Stuttgart, Hannover, Köln und Essen großflächige Fahrverbote in der ganzen Umweltzone. Teils schon ab Januar, spätestens ab dem Frühjahr dürfen Euro-4-Fahrzeuge nicht mehr fahren, ab Herbst auch solche mit Euro 5 nicht mehr. Davon werden sogar Wohnmobilisten mit noch gar nicht so alten Fahrzeugen kalt erwischt.

Wohnmobile sind langlebig, ihr Durchschnittsalter liegt bei 13,6 Jahren. Selbst die derzeit auf dem Markt angebotenen Neuwagen erfüllen nicht die modernste Norm Euro 6d oder 6d temp. Sie wird erst bei Neuzulassungen ab September 2019 verpflichtend sein. Bei allen anderen Euro-6-Fahrzeugen jedoch kann sich ihr Besitzer nicht sicher sein, dass sie nicht auch irgendwann noch auf die schwarze Liste kommen. Das Umweltbundesamt rät vom Kauf bereits ab.

Nun sind Innenstädte meist nicht das eigentliche Ziel von Reisemobilisten und die Fahrzeuge auch nicht für den Stadtverkehr geschaffen. Zum Brötchenholen ist ein Wohnmobil ungefähr so geeignet wie ein Vorschlaghammer zum Bilder aufhängen. Doch was sollen deren Besitzer tun, wenn sie in einer Fahrverbotszone wohnen und zumindest vor Reisebeginn ihr Gepäck laden wollen? Eine bundseinheitliche Regelung wird es nicht geben. Die betroffenen Städte haben unterschiedliche Antworten gefunden – oder noch gar keine.

Zum Beispiel Frankfurt. In wenigen Wochen schon soll dort ein umfassendes Diesel-Fahrverbot in Kraft treten. Doch weder die Stadt noch das Land Hessen haben nach eigenen Angaben einen Plan, wen sie davon ausnehmen wollen. „Details zum räumlichen Geltungsbereich oder zu Ausnahmeregelungen“ stünden „noch nicht fest“, heißt es mittlerweile schon seit Mitte September auf der Webseite der Stadt Frankfurt.

Stadt und Land klagen derzeit noch vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel auf Zulassung der Berufung gegen das Diesel-Urteil des Verwaltungsgerichts Wiesbaden. In Interviews spricht Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) jedoch bereits von einer großflächigen Fahrverbotszone.

Dass es in der Main-Metropole Ausnahmen geben muss, hat bereits das Verwaltungsgericht entschieden. Jedoch heißt es in dessen Urteil auch, Ausnahmen seien so zu gestalten, „dass der Schadstoffminderungseffekt des Fahrverbots nicht ausgehebelt wird, sondern vielmehr wirksame Anreize zur baldigen Um- bzw. Nachrüstung der betroffenen Fahrzeuge gesetzt werden. Dies erscheint beispielsweise durch grundsätzlich gebührenpflichtige und in der Regel auf nicht länger als sechs Monate befristete Ausnahmegenehmigungen möglich.“

Für Wohnmobilbesitzer müssen diese Worte wie Hohn klingen. Eine (ohnehin teure) Hardware-Nachrüstung für Euro-4- oder Euro-5-Diesel wird derzeit noch überhaupt nicht angeboten. Wenn Kunden aber gar keine Wahl haben, wirken „wirksame Anreize“ wie Strafen. Dann werden Wohnmobilbesitzer über die Gebühren für eine Ausnahmegenehmigung wieder für die Tricksereien der Autoindustrie zur Kasse gebeten.

Erste Ausnahmegenehmigung in Stuttgart

Eine Spitzfindigkeit haben die Frankfurter aber doch entdeckt: „Für Fahrzeuge, die schwerer als 3,5 Tonnen sind, werden üblicherweise römische Ziffern für die Euro-Norm-Bezifferung verwandt“, teilt die Stadt mit. Im Urteil des Verwaltungsgerichts seien „jedoch ausschließlich arabische Ziffern bei den Abgasnormen angegeben – keine römischen!“ Es klingt, als könne hier ein Ansatzpunkt liegen, um zumindest große Wohnmobile vom Fahrverbot auszunehmen. Doch das beträfe ohnehin nur eine Minderheit. 83 Prozent aller Wohnmobile fahren in der Klasse bis 3,5 Tonnen.

Auch in Hannover sind Details der geplanten Fahrverbotsausnahmen „noch völlig offen“, wie die Stadt mitteilt. „Eine Kurzzeitausnahme (zum Beispiel zum Beladen des Wohnmobils, wenn der Wohnort in der Umweltzone liegt) würde es sehr wahrscheinlich weiterhin geben.“ Derzeit gilt in der Umweltzone bereits eine Ausnahme für „Spezialfahrzeuge“ wie Wohnmobile, die „mit aufwändigen Auf-, Um- oder Einbauten versehen sind“, und „wenn sie in der Umweltzone Hannover weniger als 2000 Kilometer im Jahr fahren“.

Die Kehrseite: Kurzzeit-Ausnahmen für bis zu sieben Tage kosten 24 Euro, Langzeitausnahmen für bis zu zwei Jahre 200 Euro. Und Ende des kommenden Jahres ist auch damit Schluss, denn dann enden alle diese Ausnahmegenehmigungen.

Stuttgart will „Fahrten von Wohnmobilen zu Urlaubszwecken“ vom Diesel-Fahrverbot ausnehmen. Doch die Sache hat ein paar Haken: Die Ausnahme gilt nur für Fahrzeuge, die vor dem 1. Januar 2019 auf den derzeitigen Halter zugelassen worden sind. Werden sie danach verkauft, dürfen sie wohl nicht mehr fahren. Außerdem muss die Ausnahme in jedem Einzelfall beantragt und jährlich erneuert werden, auch von durchreisenden Wohnmobilisten. Das geht allerdings online und ohne viel Bürokratie. Überdies hat sich die Stadt nun entschieden, Ausnahmegenehmigungen kostenlos zu erteilen. Den ersten Freifahrtschein sicherte sich übrigens ein Wohnmobilbesitzer.

Merkwürdigerweise dürften besonders alte Fahrzeuge von allen Fahrverboten verschont bleiben. Oldtimer mit H-Kennzeichen brauchen schon jetzt noch nicht einmal eine Feinstaubplakette, und die Kfz-Steuer ist für sie auf 191 Euro im Jahr gedeckelt.

Oldtimer sind laut der Fahrzeug-Zulassungsverordnung Fahrzeuge, die „vor mindestens 30 Jahren erstmals in Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen“. Es heißt, dass diese Autos mit ihrer begrenzten jährlichen Laufleistung nur geringfügig zu den Gesamtemissionen beitrügen. Doch dasselbe könnte man über Wohnmobile in den Innenstädten wohl auch sagen.

Gedacht war die Ausnahmeregelung wohl so: Oldtimer mit ideellem Wert, die gehegt und gepflegt werden, die meiste Zeit in der Garage stehen und nur am Wochenende mal zu einer Ausfahrt bewegt werden, sollen weiterhin fahren dürfen, weil eine Nachrüstung – wenn überhaupt möglich – unverhältnismäßig wäre. Mittlerweile werden jedoch viele solcher Fahrzeuge ganz gewöhnlich für Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen genutzt. Oder sogar kommerziell.

In Frankfurt gondelt ein Pflegedienst mit einem uralten Ford Transit durch die Stadt, eine Gärtnerei mit einem Mercedes T2. Der „Düdo“ oder „Düsseldorfer“ genannte Pritschenwagen wurde von 1967 bis 1986 produziert. Und auch Wohnmobile mit H-Kennzeichen tauchen immer wieder auf. Ob sie mit ihren aufgesetzten Fahrradhaltern und Dachgepäckträgern noch „weitestgehend dem Originalzustand entsprechen“, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Es ist nur eines von vielen pikanten Details der geplanten Diesel-Fahrverbote: Während Fahrzeuge der Euro-4- und Euro-5-Norm bald von der Straße verschwinden müssen, dürften über dreißig Jahre alte Stinker ohne nennenswerte Abgasreinigung weiterhin freie Fahrt genießen – und zwar, wie etwa in Stuttgart, ganz ohne umständlich zu beantragende Ausnahmegenehmigungen.

Auch Wohnmobilfans haben die Vorteile eines H-Kennzeichens längst erkannt – und eine Initiative für ein C-Kennzeichen gestartet, das analog dazu fast allen Wohnmobilen eine „Befreiung von Fahrverboten“ und „Freie Fahrt durch Umweltzonen“ garantieren soll. Und nicht nur das. Am besten fänden es die um ihre „Lebensqualität“ besorgten Initiatoren nämlich auch, wenn gleichzeitig noch der Kfz-Steuersatz ihrer Freizeitfahrzeuge auf dem Stand von 2017 eingefroren werden würde. Besonders viele Unterschriften sind allerdings noch nicht zusammengekommen – knapp zehntausend seit Beginn der Sammlung im März. Im Verhältnis zur Zahl der zugelassenen Wohnmobile sind es also etwa zwei Prozent. Und in der Bundesregierung hat sich auch noch kein prominenter Unterstützer gefunden.

Hinweis der Redaktion

In einer früheren Version dieses Textes hatte es geheißen, die Stadt Stuttgart wolle „die Gebührenfrage noch regeln“. Das ist schon geschehen: Ausnahmegenehmigungen werden zumindest dort kostenlos erteilt. FAZ.NET

Quelle: FAZ.NET
Stefan Tomik
Redakteur in der Politik.
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