Wahlforscher im Interview

Wie Umfragen den Abwärtstrend der Union verstärken könnten

Von Timo Steppat
07.04.2021
, 14:46
Der Wahlforscher Thorsten Faas erklärt im Interview, welche Gefahr von den schlechten Umfragewerten auf die Union ausgeht – und warum der grüne Ministerpräsident Kretschmann im Wahlkampf ausgerechnet ein Merkel-Zitat plakatierte.

Die Union ist binnen eines Monats in den Umfragen um zehn Prozentpunkte abgestürzt. Woran liegt das aus Sicht eines Wahlforschers?

Es gibt viele mögliche Gründe: Die offene Kandidatenfrage, ein neu gewählter Vorsitzender an der Spitze der CDU, der in Umfragen nur mäßig beliebt ist, die Maskenaffäre, Probleme bei Corona-Tests und Impfungen und zwei desaströs gelaufene Landtagswahlen. Das alles wird flankiert von einer Medienberichterstattung, die gerade sehr kritisch auf die Union schaut. All das in einer Zeit, in der stabile Parteibindungen seltener geworden sind, so dass kurzfristige Phänomene schnell und stark durchschlagen. Wie rasch und heftig der Rückgang war, ist jedoch bemerkenswert – ebenso aber auch die Tatsache, dass die Union jetzt eigentlich wieder da steht in Umfragen, wo sie auch vor der Pandemie stand. Vielleicht ist einfach der Pandemiebonus weg.

Ende Februar sagten 37 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würden sie CDU/CSU wählen. Das ist nur knapp unterhalb von Höchstwerten im Sommer vergangenen Jahres, als es sogar 40 Prozent waren. War das noch der „Merkel-Bonus“, von dem teilweise die Rede ist?

Im Kontext der Pandemie gab es eine Reihe von Signalen aus Umfragen, die in eine ähnliche Richtung zielten: Die Beliebtheit von Merkel ging sehr hoch, die Zufriedenheit mit der Bundesregierung schoss nach oben – und auch die Werte für die Union. Noch dazu gab es praktisch kein anderes Thema neben Corona, das die Agenda dominierte. Die Deutung, die Pandemie stärke Merkel, stärke die Regierung, stärke die Union, lag daher sehr nahe. Daraus, dass die Union in den Umfragen aktuell wieder da steht, wo sie vor der Pandemie stand, folgt eine interessante Frage: Wer waren die Leute, die zur Union gestoßen sind? Und sind das auch die, die jetzt wieder weggegangen sind? Oder hat da ein Austausch stattgefunden, dass die aktuellen 27 Prozent Unionswählerinnen und -wähler aktuell andere sind als vor der Pandemie. Aber dazu hört man wenige von Daten gestützte Antworten.

Lässt sich ermitteln, was genau – Laschet, Masken, Krisenmanagement – die Union besonders viel Zustimmung kostet?

Datengestützt kann ich dazu wenig sagen. Wir haben in Deutschland eine Arbeitsteilung zwischen akademischer und kommerzieller Wahlforschung. Mit „kommerzieller“ Wahlforschung meine ich dabei demoskopische Institute, die – häufig im Auftrag von Medien – Umfragen durchführen, deren sichtbarstes Ergebnis die berühmte „Sonntagsfrage“ ist. Daneben gibt es eine akademische, an Universitäten und Forschungseinrichtungen beheimatete Wahlforschung, die ebenfalls mit Umfragen arbeitet, aber weniger tagesaktuell.

Warum ist dieser Unterschied wichtig?

Umfrage

, Umfrage von:
Quelle: wahlrecht.de Alle Ergebnisse aus Bund und Ländern

Mir fehlen gerade aktuelle Umfragedaten, um Ihre tagesaktuelle Frage empirisch zu beantworten. Manches erscheint ja naheliegend: Die Menschen sind schockiert über die Maskenaffäre der Union, und die Zustimmung zur Union sinkt, also ist die Maskenaffäre schuld daran. Diese hergestellte Verbindung könnte bestehen, ist aber keineswegs zwingend. Es gäbe ja viele mögliche Gründe dafür. Im Mindesten müsste man aufzeigen, dass die Union insbesondere bei Menschen, die die Maskenaffäre problematisch finden, an Rückhalt verliert. Das geschieht in der Berichterstattung über Umfragen aber nicht. Zahlenmäßig bleiben die Sachverhalte einfach nebeneinander stehen, der Rest wird hineingedeutet.

Die Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben gezeigt, dass sich wenige Wochen vorher, als es zur Zuspitzung auf die Kandidaten kam, deutliche Bewegungen abgezeichnet haben. Werden Kandidaten immer wichtiger?

Lassen Sie uns das Beispiel Rheinland-Pfalz anschauen: Es gibt eine beliebte Ministerpräsidentin Malu Dreyer von der SPD, auch eine recht hohe Zufriedenheit mit der SPD-geführten Landesregierung. Zugleich haben Sie aber auch eine beliebte Kanzlerin von der CDU an der Spitze einer sehr beliebten von der Union geführten Regierung. Jetzt werden Sie als rheinland-pfälzischer Wähler in einer Umfrage gefragt, wen sie wählen würden: Manches spricht dann für die SPD, anderes für die CDU. Und in normalen Zeiten gilt sicherlich: „Ober sticht unter“, „Bund sticht Land“. Machen wir uns nichts vor: Die Landespolitik spielt in den Augen vieler Menschen eine nachgeordnete Rolle. Das ändert sich aber vielleicht, wenn die Landtagswahl näher rückt. Sie als Wähler erhalten ihre Wahlbenachrichtigung, sehen Plakate, nehmen Landespolitik wahr, und plötzlich verschieben sich die Kriterien von der Bundes- zur Landesebene. Dann geht es doch darum, dass Malu Dreyer Regierungschefin wird, das Kreuzchen verschiebt sich von der CDU zur SPD. Durch die sinkende Parteienbindung ist ein Last-Minute-Swing in einer solchen Konstellation durchaus wahrscheinlich.

Die SPD, die demoskopisch noch immer am Boden liegt, hofft darauf natürlich auch bei der Bundestagswahl.

Es geht im Wahlkampf ja immer darum, wer die Deutungshoheit hat. Stellen wir uns also eine Wählerin vor, die den SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz gut findet, der aber zugleich Klimaschutz wichtig ist. Ihre Kandidatenpräferenz würde für die SPD sprechen, ihre Themenpräferenz für die Grünen. Entscheidend wird sein, woran sie in diesem ganz besonderen Moment in der Wahlkabine denkt, wenn sie ihr Kreuzchen setzt. Wird sie eine Personen- oder eine Themenentscheidung treffen? Und genau das versuchen natürlich die Parteien im Wahlkampf zu beeinflussen. „Sie kennen mich“ ist ein Beispiel dafür, aus der Wahlentscheidung letztlich eine reine Personalentscheidung zu machen.

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„Sie kennen mich“, sagte Angela Merkel 2013 in einem Fernsehduell. Nun ließ der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), diesen Slogan vor der Landtagswahl plakatieren.

Faszinierend daran ist: Es muss sich nichts ändern an der Wahrnehmung von Personen oder Themen, es ändert sich nur das relative Gewicht von Einflussfaktoren: Entscheidet die Wählerin nach Person, wählt sie SPD. Entscheidet sie nach Thema, wählt sie grün.

Wir wissen, dass sich Wähler immer später entscheiden und die letzten Wochen vor der Wahl zählen. Trotzdem gibt es einen deutlichen Effekt, wenn eine Partei als Underdog startet. Sollte die Union nicht aus dem Jammertal heraus finden: Gibt es eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung schlechter Umfragen?

Es gibt schon so etwas wie „Momentum”: An der Börse sagt man ja „never catch a falling knive“ – so etwas sieht man manchmal auch in Umfragen. Eine Partei rutscht immer tiefer, siehe etwa die Union in den vergangenen Wochen und gerade auch in Baden-Württemberg. Die Umfragen setzen dann einfach einen Fokuspunkt, dass es für eine Partei schlecht läuft, der vielleicht auch andere nochmal zum Nachdenken über die Gründe führt und sich die dann auch von der Union abwenden, für die sich die Situation damit weiter verschärft. Dass sinkende Umfragewerte zu schlechteren Ergebnissen führen können, ist einer der Gründe, wieso sich solche Trends an Wahltagen stärker zeigen als noch vorab in Umfragen erkennbar war. Umgekehrt haben wir auch schon erlebt, dass ein solcher Trend nach oben gehen kann – man denke an Schröder 2005 oder auch das Zwischenhoch der SPD unter Martin Schulz 2017, auch das war „Momentum“.

Die Koalitionsfrage, die sich aus den Umfragen ergibt, wirkt sich auf das Wahlverhalten aus. Bislang haben sich die Parteien nicht festgelegt, in welcher Konstellation sie regieren wollen.

Für den wachsenden Anteil strategisch handelnder Wählerinnen und Wähler spielt das eine entscheidende Rolle: Wie kann ich meine Wahlentscheidung so optimal treffen, dass am Ende meine Lieblingskoalition als Regierung steht? Wir wissen, dass es einen Typus Wähler gibt, der Umfragen genau im Blick hat und seine politische Ausrichtung auch an der Machtperspektive ausrichtet.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Steppat, Timo
Timo Steppat
Redakteur in der Politik.
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