Kritik an Parteien

Kommission: Kindesmissbrauch spielt in Wahlprogrammen kaum eine Rolle

Von Heike Schmoll, Berlin
22.09.2021
, 10:26
Symbolbild: Kindesmissbrauch werde in Parteiprogrammen kaum thematisiert, kritisiert die Kommission zu dessen Aufarbeitung.
Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs kritisiert die Parteien: Sie befassten sich kaum mit dem Thema. Ungeklärt ist aber auch die Zukunft der Kommission selbst.
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Auch wenn immer weitere Fälle sexuellen Missbrauchs im Sport, in den Kirchen, in der Schule aufgedeckt werden, spielt die Aufarbeitung des leidigen Themas in den Wahlprogrammen der Parteien so gut wie keine Rolle. Zwar will die SPD auf Landesebene Schutzkonzepte in Kitas, Schulen und Jugendhilfe-Einrichtungen, sowie unabhängige Ombudsstellen unterstützen und fordert Standards für den Kinder- und Jugendschutz im digitalen Raum sowie eine kindgerechte Justiz.

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Die CDU spricht sich für eine Strafverschärfung für Täter aus, für eine groß angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne sowie für schnellere Interventionen im Verdachtsfall durch eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Jugendhilfen. Doch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs kommt überhaupt nicht vor, die Zukunft der Aufarbeitung auch nicht.

Das hat die Kommission und deren Vorsitzende bewogen, kurz vor der Bundestagswahl ein Positionspapier zu veröffentlichen, das einige grundsätzliche Forderungen für die künftige Arbeit formuliert.

Aussage kostet Betroffene große Überwindung

Andresen wies als Wissenschaftlerin auf den mangelnden Aufarbeitungswillen wissenschaftlicher Institutionen hin, auch in ihrer eigenen Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Keine Bereitschaft, sich mit den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sieht Andresen auch bei der Gesellschaft für Sexualwissenschaft, sowie beim Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Andresen betonte in einem abschließenden Gespräch noch einmal, dass das Vertrauen der Betroffenen für die Kommission an oberster Stelle stehe.

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Viele Betroffene kostet es enorme Überwindung, den jahrzehntelang verschwiegenen oder verdeckten Missbrauch in einer Anhörung oder in einem schriftlichen Bericht zur Sprache zu bringen. Nicht wenige riskieren dabei eine Retraumatisierung. Weil die Kommission ohne das volle Vertrauen der Betroffenen nicht agieren kann, war sie auch alles andere als begeistert vom Vorschlag des bisherigen Beauftragten Johannes-Wilhelm Rörig, einen Rat statt einer Kommission einzurichten. Je größer und unüberschaubarer das Gremium ist, desto schwerer wird es für die Betroffenen, Vertrauen zu fassen.

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„Berichte ignoriert, bagatellisiert oder zurückgewiesen“

Bisher haben sich mehr als 2800 Menschen an die Kommission gewandt. Sie berichteten, „wie ihnen als Kindern und später auch als Erwachsenen nicht zugehört und ihre Berichte über erlittene sexuelle Gewalt ignoriert, bagatellisiert oder zurückgewiesen wurden“, berichten die Kommissionsmitglieder. Die Aufarbeitung gebe diesen Menschen eine Stimme und sei deshalb ein grundlegender Bestandteil politischer und zivilgesellschaftlicher Verantwortung, heißt es im Positionspapier, das an diesem Mittwoch veröffentlicht wurde.

Mit dem Kabinettsbeschluss vom 12. Dezember 2018 wurde die Laufzeit der Kommission bis Ende 2023 verlängert. Diese Zeit wird aus der Sicht der Kommission auch dringend gebraucht und nicht einmal genügen. Sie wünscht sich eine Verlängerung um mindestens weitere fünf Jahre. Denn die Erkenntnisse aus den Berichten Betroffener aus allen Tatkontexten der Bundesrepublik und der DDR sind noch längst nicht ausgewertet. Es gibt noch große Themen, deren Aufarbeitung nicht einmal richtig begonnen hat: dazu zählen unter anderen die Missbrauchsfälle im Leistungs- und Breitensport sowie der Missbrauch in schulischen Kontexten und in Freizeiteinrichtungen. Derzeit arbeitet die Kommission an einer Fallstudie zur Arbeit der Jugendämter.

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Die sieben ehrenamtlich arbeitenden Mitglieder der Kommission halten außerdem ihre Unabhängigkeit für entscheidend. Sie wünschen sich war eine gesetzliche Absicherung über den Bundestag, aber wollen ihre Arbeit keinesfalls weisungsgebunden erfüllen, weil sie fürchten, den Bedürfnissen der Betroffenen auf diese Weise nicht mehr entsprechen zu können. Eine gesetzliche Grundlage werde schon deshalb gebraucht, um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte Betroffener zu wahren, heißt es in dem Positionspapier.

Aufarbeitung sexualisierter Gewalt über Fraktionsgrenzen hinweg

Der religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Lars Castellucci sprach sich dafür aus, die bis 2023 befristete Kommission zu entfristen und zu „verhauptamtlichen“ und sie finanziell so auszustatten, dass sie Gutachten und Evaluationen in Auftrag geben kann. Um wirklich unabhängig arbeiten zu können, brauche sie einen klaren gesetzlichen Auftrag und eine politische Verankerung mit Berichtspflicht etwa gegenüber dem Bundestag.

Will die Zukunft der Kommission sichern: Lars Castellucci, stellvertretender Landesvorsitzender der SPD Baden-Württemberg und religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
Will die Zukunft der Kommission sichern: Lars Castellucci, stellvertretender Landesvorsitzender der SPD Baden-Württemberg und religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Bild: Picture-Alliance

Castellucci versucht seit drei Jahren, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt politisch über die Fraktionsgrenzen hinweg voranzubringen. Gerade die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Kontexten könne nicht durch diese selbst geleistet werden, meint er. „Weder die Aufarbeitung noch die Betroffenenbeteiligung können Sache der Täterorganisation sein“, so Castellucci gegenüber der Badischen Zeitung.

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Auch für die Kommission selbst ist die Beteiligung der Betroffenen an der Aufarbeitung unbedingt nötig. Denn es geht darum, noch viel genauer darüber zu informieren, wie Täter vorgehen und darüber aufzuklären, was zu Vertuschung und Schweigen geführt hat. Auch die Anhörungen der Kommission – öffentlich oder vertraulich – leben davon, dass die Betroffenen den Rahmen bestimmen und dafür sorgen, dass die Rückblende für die Beteiligten nicht zu einem weiteren Trauma wird.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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