Cluster bei Tönnies

Was wurde aus dem Corona-Ausbruch in Gütersloh?

Von Reiner Burger, Düsseldorf
12.08.2020
, 20:02
Gütersloh war der erste Kreis, in dem wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs eine regionale Einschränkung verhängt wurde. Über die Krankheitsverläufe gibt es nun eine Studie. Entwarnung gibt es noch immer nicht.

Als sich Ende Juni immer mehr Mitarbeiter im Stammwerk des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infizierten, versuchten der Kreis Gütersloh und die nordrhein-westfälische Landesregierung rasch gegenzusteuern. Mit rund 1500 festgestellten Infektionen war Rheda-Wiedenbrück damals binnen kürzester Zeit zum bisher größten Corona-Hotspot in Deutschland geworden. Die breite Streuung der Wohnorte der überwiegend aus Osteuropa stammenden Tönnies-Werkvertragsarbeiter berge ein „enormes Pandemie-Risiko“, warnte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) – und verhängte als erster und bisher einziger Landeschef einer Bund-Länder-Vereinbarung entsprechend strikte regionale Einschränkungen.

Etwas mehr als eineinhalb Monate später lohnt sich eine erste Zwischenbilanz. Anders als anfänglich befürchtet, gelang es dem Kreis Gütersloh relativ rasch, das Infektionsgeschehen einzuhegen. Bis Anfang August registrierten die Behörden rund 2100 Corona-Infektionen, die dem großen Ausbruch in der Fleischfabrik zuzuordnen sind; 1712 davon allein im Kreis Gütersloh.

Insgesamt erfasste der Kreis seit Beginn der Pandemie bisher rund 2700 laborbestätigte Corona-Infektionen, von ihnen gelten nach aktuellem Stand 2617 als genesen und 58 als noch infiziert, 55 befinden sich in häuslicher Quarantäne. Ein Kreissprecher betont allerdings: „Auch wenn es von außen so aussehen mag, als sei die Krise in Gütersloh vorbei, dem ist nicht so.“ Noch immer sei der Krisenstab der Behörde einberufen, noch immer befinde sich die Kreisverwaltung im Ausnahmezustand.

Glimpfliche Krankheitsverläufe

Vergleichsweise glimpflich stellten sich bisher die Krankheitsverläufe dar, der weit überwiegende Teil der Infizierten berichtet, keinerlei Symptome wahrgenommen zu haben. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums mussten bis Anfang August im Fall Tönnies 43 Personen im Krankenhaus behandelt werden. Ernsthaft erkrankt waren demnach bislang 27 Männer und Frauen. Zwei der im Fall Tönnies Erkrankten litten demnach an einer Pneumonie (Lungenentzündung), sechs an einem akuten schweren Atemnotsyndrom (ARDS), 19 klagten über eine unangenehm erschwerte Atemtätigkeit (Dyspnoe). Todesfälle gab es bisher im Zusammenhang mit dem Fall Tönnies nicht. Seit Beginn der Pandemie starben im Kreis Gütersloh 20 Personen an oder mit dem Virus.

Diversen Forschern diente und dient der Fall Tönnies dazu, das Wissen über das Virus zu verbreitern und zu vertiefen. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat das Ausbruchsgeschehen begleitet. Martin Exner, der Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn hat im Auftrag des Kreises die Ursachen des Ausbruchs untersucht. Er fand heraus, dass sich das Virus im Tönnies-Zerlegebetrieb deshalb so rasch auf so viele Arbeiter verbreiten konnte, weil Aerosole durch Umluft-Kühlgeräte über lange Zeit in Bewegung gehalten wurden. Gemeinsam mit dem RKI und dem NRW-Landeszentrum für Gesundheit bereitete Exner den Fall Tönnies auf, um technische Lösungswege für ähnliche Betriebe aufzuzeigen. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium hat eine „Gütersloh-Studie“ in Auftrag gegeben.

Dabei sollen die Laborproben der im Fall Tönnies positiv getesteten Personen molekulargenetisch ausgewertet und Viruspopulationen charakterisiert werden, um Aufschluss über Infektionsketten und Infektionsursprung zu gewinnen. In einer weiteren Studie lässt das Ministerium den Corona-Ausbruch bei Tönnies mit jenem in einem anderen Schlachtbetrieb vergleichen. Ergebnisse liegen bisher weder im einen noch im anderen Fall vor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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