Strategie gegen Corona

Wissenschaftler empfehlen strikte Kontaktbeschränkungen

Von Claudia Bröll und Heike Schmoll
28.11.2021
, 17:55
Corona-Impfung im wiedereröffneten Impfzentrum in Lützen in Sachsen-Anhalt
Noch ist unklar, wie gefährlich die neue Corona-Variante Omikron ist. In Deutschland ringen Politiker über den richtigen Kurs in der Pandemie. Fachleute fordern, dass schnell etwas geschieht.
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„Welchen Sinn hätte die Impfung, wenn man dann doch in den Lockdown muss?“ Diese Frage stammt nicht etwa von Impfgegnern, sondern vom Gesundheitspolitiker der SPD und möglichen künftigen neuen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Sie trifft den Kern der politischen Debatte in der sich verschärfenden Corona-Krise mit täglich steigenden Inzidenzen und einer Virusvariante, über die bisher nur wenig bekannt ist. Lauterbach hält sie für gefährlich, weil sie fast alle Mutationen von Alpha, Beta, Gamma und Delta zusammen in sich vereint. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden etwa 30 Änderungen im sogenannten Spike-Protein festgestellt, aber auch viele Mutationen, deren Bedeutung unklar ist.

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Noch kann niemand sagen, wie sich die Vielzahl der Mutationen auswirkt, ob sie Omikron, wie die neue Variante genannt wird, ansteckender macht und zu noch schwereren, womöglich tödlichen Krankheitsverläufen führt. In etwa zwei Wochen wird man wissen, ob die derzeit gängigen mRNA-Impfstoffe wirken. Müssten diese Impfstoffe angepasst werden, wäre das binnen drei Monaten möglich. Die Impfstoffhersteller BioNTech und Moderna prüfen bereits eine Anpassung ihrer Vakzine. Selbst wenn Omikron den Immunschutz zum Teil durchbräche, lohnt sich die Auffrischimpfung nach Ansicht der Fachleute trotzdem, weil sie die Anzahl der Antikörper in die Höhe treibt.

Aus Südafrika, wo Wissenschaftler die Variante entdeckt hatten, kommen unterdessen erste beruhigendere Nachrichten. Infizierte, die sich mit Omikron angesteckt hatten, hätten einen milden Krankheitsverlauf ohne auffällige Symptome, berichtete die Vorsitzende des Verbands South African Medical Association, Angelique Coetzee. Die Betroffenen hätten weder den Geschmacks- noch den Geruchssinn verloren. Sie husteten nur leicht und erholten sich derzeit zu Hause. Die Verbandsvorsitzende, die selbst Ärztin ist, fügte jedoch hinzu, dass nur wenige Erkenntnisse über die neue Variante vorliegen und die Zahl der Infizierten überschaubar ist. Wissenschaftler vermuten allerdings, dass die neue Variante für den jüngsten Anstieg der Infektionszahlen in Südafrika verantwortlich ist. Zuletzt wurden dort knapp 3000 Neuinfektionen am Tag gezählt, vor einer Woche waren es weniger als 900. Die Sieben-Tage-Inzidenz in dem Land liegt derzeit bei 50.

„Es gibt nichts, was nicht in Betracht gezogen werden kann“

Ganz anders in Deutschland. Am Sonntag wies das RKI eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 447 aus. Die Zahl der Covid-19-Patienten, die auf den Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt werden müssen, stieg auf 4459. Sie belegten fast jedes fünfte Intensivbett im Land, Tendenz steigend. „Wir werden alles tun, was nötig ist. Es gibt nichts, was nicht in Betracht gezogen werden kann“, twitterte der künftige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Samstag. Zuvor hatten schon die Ko-Vorsitzenden von SPD und Grünen, Saskia Esken und Annalena Baerbock, bekräftigt, dass auch einschneidende Schritte nicht ausgeschlossen seien.

Ein Lockdown für Geimpfte, Genesene und Ungeimpfte wäre für die künftigen Ampelkoalitionäre allerdings mit einem erheblichen Gesichtsverlust verbunden – hatten sie doch oft genug darauf hingewiesen, dass es solche Notbremsungen mit ihnen nicht mehr geben werde, wofür das neue Infektionsschutzgesetz sorgen werde. Denn das macht generelle Maßnahmen unmöglich. So können nicht mehr flächendeckend Versammlungen, Veranstaltungen, Aufzüge, religiöse und weltanschauliche Zusammenkünfte, Reisen, Übernachtungen, Gastronomie, Einzel- und Großhandel untersagt werden.

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Möglich wären solche Schritte nur, wenn das Gesetz verschärft würde oder der Bundestag abermals die epidemische Lage nationaler Tragweite erklärte, die gerade ausgelaufen ist. Unterlässt der Bundestag das, enden die Maßnahmen der Pandemiebeschränkung nach dem Infektionsschutzgesetz am 19. März 2022. Der Bundestag kann diese Frist einmalig um drei Monate verlängern. Ein bundesweiter Lockdown ist derzeit nicht möglich.

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Kommunikativ würde es schwierig, Geimpften oder Genesenen plausibel zu machen, dass sie sich möglichst rasch eine Auffrischimpfung holen sollen, wenn sie von empfindlichen Einschränkungen genauso betroffen sind wie Ungeimpfte. Doch das sogenannte Boostern von 30 Millionen vollständig Geimpften bis Weihnachten halten die Forscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina für unbedingt erforderlich.

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Fachleute sprechen sich für eine allgemeine Impfpflicht aus

In ihrer zehnten Ad-hoc-Stellungnahme, die unter anderen vom Direktor des Instituts für Virologie der Charité in Berlin, Christian Drosten, von der Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Göttingen, Jutta Gärtner, sowie von dem Bochumer Rechtswissenschaftler und Gesundheitsrechtler Stefan Huster und dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité, Heyo Kroemer, unterzeichnet ist, hatte die Leopoldina eine sofortige Beschleunigung der Auffrischimpfungskampagne durch impfende Hebammen, Amtsärzte, Zahnärzte und Pflegekräfte gefordert. Auch für die rasche Einführung einer Impfpflicht für medizinisches Personal, für eine allgemeine Impfpflicht sowie für strenge Kontaktbeschränkungen hat sie sich ausgesprochen.

Zwei Handlungsoptionen hat sie der Politik vorgeschlagen. Entweder sollten die Kontakte schon in der kommenden Woche deutlich reduziert werden – etwa im privaten Bereich, in Innenräumen, Bars, Clubs und bei Veranstaltungen. Bei unvermeidlichen Kontakten soll die 2-G-Regel mit einer FFP2-Maskenpflicht streng durchgesetzt werden. Der geschäftsführende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angekündigt, dass die Impfpflicht für medizinisches Personal noch im Dezember kommen soll. Werde nur die 2-G-Regel strikt befolgt und Kontaktbeschränkungen auf Ungeimpfte beschränkt, wäre das in den Augen der Leopoldina-Wissenschaftler weniger effektiv und deshalb mit einer längeren Dauer der vierten Welle der Infektionen und mit mehr Todesopfern verbunden.

Auch außerhalb der Nationalakademie halten viele Wissenschaftler die 2-G-Regel für einen Teil des Pro­blems, vor allem dann, wenn sie mit einem Verzicht auf Masken in Innenräumen verbunden ist. Dafür wirkten die Impfstoffe auch bei der Delta-Variante und den derzeitigen Inzidenzen nicht stark genug, wenden Epidemiologen und Virologen ein. Für Kinder empfiehlt die Leopoldina noch vor der Ständigen Impfkommission die Impfung von fünf Jahren an. In Schulen sollten von Lehrern und Schülern ausnahmslos Masken getragen werden, außerdem seien drei Tests in der Woche nötig sowie ein Vorziehen der Weihnachtsferien. Das Auftreten der Omikron-Variante des Coronavirus, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „besorgniserregend“ eingestuft wird, mache dringendes Handeln schon in der kommenden Woche unumgänglich, mahnen die Wissenschaftler.

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„Wir brauchen jetzt die Notbremse“

Genau darum hatte sich der geschäftsführende Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) mit den Chefs der Staatskanzleien der Länder in der vergangenen Woche bemüht. „Wir brauchen jetzt eine Notbremse“, hatte Braun nach Angaben von Teilnehmern gefordert und die Koalitionäre der neuen Regierung aufgefordert: „Entweder macht die Ampel ein Gesetz, oder wir brauchen eine Ministerpräsidentenkonferenz, die eine klare Notbremse beschließt.“ Braun hatte angeboten, den von der Ampel geplanten Krisenstab im Bundeskanzleramt sofort einzusetzen. Die Lage erlaube kein Zögern und keine geschäftsführende Zurückhaltung. Sachsen und Bayern, die besonders schwer von der Pandemie betroffen sind, haben Brauns Initiative unterstützt.

Für eine Vorverlegung der für den 9. Dezember geplanten Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) sprachen sich auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann (Grüne) aus. „Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Länder dringend das volle Instrumentarium für weitgehende Beschränkungen brauchen“, sagte Kretsch­mann der Deutschen Presse-Agentur. Der Vorsitzende der MPK, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), zeigte sich offen dafür. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) forderte eine „Notbremse“. Keine Notwendigkeit für ein neuerliches Treffen sehen indessen Schleswig-Holstein und Hamburg.

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Der FDP-Vorsitzende und designierte Finanzminister Christian Lindner lehnt härtere Maßnahmen ab, denn die Bundesländer hätten „noch nicht alle bestehenden Möglichkeiten genutzt“, die es zur Eindämmung des Virus gebe. Das Ziel einer vorgezogenen MPK könnte eine Bund-Länder-Vereinbarung sein, der zufolge drastische Kontaktbeschränkungen überall in Deutschland nicht erst bei einem Schwellenwert von 1000, sondern bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 300 oder 400 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner verhängt werden. Außerdem könnten sich die Länder verabreden, überall Großveranstaltungen mit Publikum – etwa im Profifußball – abzusagen.

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Empörung in Südafrika über Flugverbote

In Südafrika wächst unterdessen die Empörung über die von zahlreichen Ländern beschlossenen Flugverbote und Beschränkungen für Reisende aus dem südlichen Afrika. „Wir respektieren zwar das Recht aller Länder, die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz ihrer Bürger zu treffen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Pandemie Zusammenarbeit und den Austausch von Fachwissen erfordert“, sagte die Ministerin für internationale Beziehungen und Zusammenarbeit, Naledi Pandor. „Unsere unmittelbare Sorge gilt dem Schaden, den diese Beschränkungen für Familien, die Reise- und Tourismusbranche und die Wirtschaft bedeuten.“

Exzellente wissenschaftliche Arbeit müsse zudem gelobt und dürfe nicht bestraft werden, hieß es. Südafrika gehört international zu den Vorreitern bei der Genom-Sequenzierung von Viren. Wegen der jahrzehntelangen Forschung über HIV/Aids gibt es in dem Land etablierte Institute für klinische Forschung, die auch vom Staat unterstützt werden. Die Regierung habe damit begonnen, mit Ländern, die Reiseverbote verhängt haben, in Kontakt zu treten, um sie zu einem Umdenken zu bewegen, sagte die Ministerin weiter. Südafrika schließe sich der Sicht der WHO an. Diese hatte an Politiker aus aller Welt appelliert, sich nicht auf „Kurzschlussreaktionen“ einzulassen, und davor gewarnt, Reisebeschränkungen zu verhängen.

Quelle: F.A.Z.
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Claudia Bröll
Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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