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Irak

Der zweite Krieg gegen Saddam Hussein

 - 06:53

Für den zweiten Krieg gegen Saddam Hussein hat sich das amerikanische Militär eine Schock-Strategie ausgedacht. Anders als beim Golfkrieg 1991, als der Bodenkrieg erst nach fünf Wochen währenden Luftangriffen begann, sollen die irakischen Truppen diesmal von Beginn an von allen Seiten massiv angegriffen werden. Nach den bisher in Washington bekanntgewordenen Szenarien würde der Krieg mit großangelegten Luftangriffen beginnen, bei denen alleine in den ersten 48 Stunden 3000 Präzisionsbomben abgeworfen werden sollen. Bevorzugte Ziele sollen nicht nur irakische Flugabwehrstellungen und die Kommunikationseinrichtungen der irakischen Armee sein, sondern auch "politische Ziele" wie die Paläste Saddam Husseins und Regierungsgebäude.

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Die meisten Bomben würden über Bagdad niedergehen, um die Führung des Landes zu treffen. Mitarbeiter des Pentagons wurden in amerikanischen Zeitungen mit der Aussage zitiert, in der ersten Kriegsnacht würden voraussichtlich mehr Bomben auf die irakische Hauptstadt abgeworfen als während des gesamten Golfkrieges 1991, der 43 Tage dauerte. Zivile Opfer sollen dabei nach Kräften vermieden werden, auch wenn das amerikanische Militär nicht ausschließen mag, daß auch Zivilisten getötet werden.

Fast zur gleichen Zeit soll der Vormarsch der Bodentruppen von Kuweit aus beginnen. Etwa 130 000 amerikanische und britische Soldaten stehen an der Südgrenze des Iraks mit großen Panzerverbänden und Kampfhubschraubern bereit. Die amerikanischen Heeresverbände würden dem Vernehmen nach vom Westen Kuweits aus in Richtung Euphrat vorstoßen, um so schnell wie möglich nach Bagdad zu gelangen. Die britischen Verbände (in Kuweit etwa 25 000 Mann) sollen gemeinsam mit der amerikanischen Marineinfanterie weiter östlich auf Basra zumarschieren und die Stadt einnehmen. Basra ist nicht nur die größte Stadt im Süden des Landes, sondern sie ist auch das Tor zu den nahe gelegenen südlichen Ölfeldern des Landes, die ebenfalls rasch von den einrückenden Truppen gesichert werden sollen. Wegen möglicher Angriffe mit biologischen oder chemischen Waffen werden die Soldaten mit Schutzanzügen ausgestattet.

Ursprünglich war vorgesehen, daß auch vom Norden aus ein starker Vorstoß gen Bagdad stattfindet. Die Kriegsplaner im Pentagon wollten mit zunächst etwa 20 000 Soldaten eine Nordfront eröffnen. Die Weigerung des türkischen Parlaments, das eigene Land für den benötigten Aufmarsch zur Verfügung zu stellen, hat dieses Vorhaben jedoch erschwert. Zwar scheint man in Ankara nun zur Gewährung von Überflugrechten bereit zu sein. Es bleibt jedoch eine große logistische Herausforderung, viele Soldaten mit schwerem Gerät mit Flugzeugen in die Kurdengebiete des Nordiraks zu verlegen. Deshalb dürfte der amerikanische Aufmarsch hier fürs erste kleiner ausfallen und aus leichter bewaffneten Einheiten bestehen.

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Mit dem gleichzeitigen Angriff aus der Luft und vom Boden aus verfolgen die amerikanischen Militärs vor allem psychologische Ziele: Das irakische Militär soll mit einem so überwältigenden Ansturm konfrontiert werden, daß es demoralisiert wird und rasch aufgibt. Bei der zivilen Führung des Landes soll mit der Bombardierung von Regierungseinrichtungen der gleiche Schrecken erzeugt werden. Gleichzeitig hofft Washington, daß dem irakischen Volk deutlich wird, daß sich der Krieg nicht gegen die Zivilbevölkerung richtet, sondern gegen das Regime. Große Hoffnungen setzt man in Washington auch auf einen schnellen Erfolg in Basra. Da die Stadt mehrheitlich von Schiiten bewohnt wird, die Saddam schon immer feindlich gegenüberstanden, hofft man in Washington, daß hier Szenen von jubelnden Irakern zu sehen sind, die Amerikaner und Briten als Befreier begrüßen. Die Militärs überlegen sogar, ob sie Fernsehkorrespondenten mit Hubschraubern in die Stadt fliegen sollen, um solche Bilder rasch in alle Welt auszustrahlen.

Die amerikanischen Planer rechnen sich gute Chancen aus, daß diese Strategie zu einer frühen Kapitulation der irakischen Truppen führt. Die Hoffnung lautet, daß Saddam schon die Soldaten weggelaufen sind, bevor die Angreifer Bagdad erreichen und dort in einen womöglich langwierigen und verlustreichen Häuserkampf verwickelt werden. Genau das ist freilich die Strategie des irakischen Diktators.

Quelle: nbu., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2003, Nr. 67 / Seite 6
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