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Iran

Hilfe vom „Großen Satan“

Von Rainer Hermann, Istanbul
 - 18:32

Die verheerenden Erdstöße in Iran haben zu einer Verbesserung der diplomatischen Beziehungen mit mehreren Ländern geführt, die in der Vergangenheit abgekühlt, eingefroren oder abgebrochen waren. Von "Erdbebendiplomatie" ist die Rede. Der Begriff war nach einem ähnlich schweren Erdbeben in der Türkei geprägt worden. Dort waren am 17. August 1999 östlich von Istanbul mehr als 17 000 Menschen gestorben. Die ersten ausländischen Rettungsmannschaften kamen damals aus Griechenland. Als dann die Erde am 5. September desselben Jahres in Athen bebte, revanchierten sich die Türken für die erfahrene Hilfeleistung. Die lange miteinander verfeindeten Völker zeigten endlich Sympathien füreinander, nachdem die Politiker beider Länder schon eine vorsichtige Annäherung eingeleitet hatten. Nun begann sich auch die öffentliche Stimmung zugunsten einer politischen Einigung zu wandeln.

Nach der Katastrophe von Bam ist wieder etwas "Erdbebendiplomatie" in Gang gekommen, in diesem Fall zwischen Iran und den Vereinigten Staaten. Der iranische Revolutionsführer Chomeini hatte 1979 für Amerika das Wort vom "Großen Satan" geprägt. Amerika erwiderte, indem es Iran auf die "Achse des Bösen" setzte. Die Rhetorik zwischen den beiden Hauptstädten war lange Zeit an Feindseligkeit kaum zu übertreffen. Doch aus einem gemeinsamen Interesse gegenüber dem Irak sind sich die beiden Länder in den vergangenen Monaten schon nähergekommen. Nachdem das Erdbeben von Bam Zehntausende Menschenleben gekostet hat, ist es zwischen Iran und Amerika nun erstmals wieder zu ranghohen direkten Kontakten gekommen.

Keinerlei politischer Bezug

Der stellvertretende amerikanische Außenminister Richard Armitage rief zunächst in New York den ständigen Vertreter Irans bei den Vereinten Nationen, Mohammad Dschawad Zarif, an, um mit ihm über Möglichkeiten humanitärer Hilfe zu sprechen. Der Sprecher des State Department rechtfertigte die direkte Kontaktaufnahme mit der Dringlichkeit der Hilfe und beeilte sich hinzuzufügen, daß die humanitäre Hilfe Washingtons keinerlei politischen Bezug enthalte. Am Ton Washingtons gegenüber Teheran werde sich nichts ändern, hieß es. Doch dieser Ton war in den vergangenen Monaten schon um so zurückhaltender geworden, je mehr die Vereinigten Staaten im Irak auf die Schiiten zu setzen begonnen hatten. Dafür erkannte Teheran den von den Amerikanern ernannten Übergangsrat als Vertretung des irakischen Volks an.

Sogar der Sprecher des Weißen Hauses, McClellan, ließ verlauten, die Vereinigten Staaten würden "mit den iranischen Behörden, den Vereinten Nationen und dem Internationalen Roten Kreuz zusammenarbeiten", um so rasch wie möglich Hilfe in das Land zu bringen. Am Sonntag morgen kam die Hilfe an. Erstmals seit der gescheiterten Geiselbefreiung im April 1980 landeten auf iranischem Boden wieder amerikanische Flugzeuge. Die diplomatischen Beziehungen waren abgebrochen, seitdem iranische Revolutionäre am 4. November 1979 in der amerikanischen Botschaft 66 Geiseln genommen hatten. Das Scheitern der "Operation Desert One" zur Befreiung der Geiseln kostete Präsident Carter die Wiederwahl, nach 444 Tagen kamen die Geiseln aber frei.

200 Ärzte und 70 Tonnen Hilfsgüter

Nun landeten nach Angaben von CNN am Sonntag auf dem Flughafen der Provinzhauptstadt Kerman zwei amerikanische Militärflugzeuge. Sie hatten die ersten von insgesamt 200 Ärzten und anderem Rettungspersonal sowie 70 Tonnen Hilfsgüter an Bord. Die amerikanischen Helfer setzen sich aus den erfahrenen Rettungsmannschaften von Boston, Los Angeles und Fairfax zusammen. Damit nicht genug. Unterwegs sind auch Arzneimittel, die die Amerikaner aus ihren Lagern in Kuweit nach Bam schicken.

Die Erdbebendiplomatie um Bam wird das Eis zwischen den beiden verfeindeten Regierungen nicht brechen, aber weiter antauen. Denn selbst der religiöse Führer Chamenei, der dem Lager der iranischen Hardliner vorsteht, könnte sich vorsichtig auf eine Aussöhnung mit dem "Großen Satan" vorbereiten. Immerhin hatte er unlängst den smarten Mohammad Dschawad Ardeschir Laridschani zu seinem Berater im Umgang mit der großen Diplomatie im allgemeinen und den Vereinigten Staaten im besonderen ernannt. Der stramme Revolutionär war einst in Kalifornien ausgebildet worden, und er hatte maßgeblichen Anteil daran, daß Chamenei im Oktober der Offenlegung des iranischen Atomprogramms und der Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zugestimmt hat.

Prüfung für das iranische Volk

Nach außen wird das Erdbeben von Bam die bedächtige Annäherung an die Vereinigten Staaten weiter fördern, im Innern der Islamischen Republik wird die Unzufriedenheit aber weiter steigen. Vor allem die Reformzeitungen prangern das Scheitern des Staats an. So macht die Zeitung "Sharq" für die hohe Zahl der Opfer den Menschen verantwortlich, der die Gesetze der Natur mißachte. Wären die Häuser in Bam mit modernen Materialien gebaut worden und nicht mit Lehmziegeln, hätte es diese Katastrophe nicht gegeben, schreibt die Zeitung vorwurfsvoll. Die englischsprachige "Iran News" erinnert an ihre zahlreichen eigenen Leitartikel und Analysen, in denen sie gefordert habe, daß umgehend entschlossene Maßnahmen zur Erdbebenvorsorge ergriffen würden. Unglücklicherweise hätten aber diejenigen nicht zugehört, die das Land regierten, bedauert die Reformzeitung.

Demgegenüber beschreibt die radikale Zeitung "Dschomhuri-ye Eslami", die dem religiösen Führer Chameini nahesteht, das Erdbeben von Bam als eine Naturkatastrophe, die eine Prüfung für das iranische Volk sei. In dieser Prüfung könne es zeigen, daß es der göttlichen Gnade würdig sei. Die Zeitung erwähnt aber nicht, daß ein Erdbeben der Stärke 6,3 in westlichen Staaten, wie jüngst in Kalifornien, kaum Schäden verursachen würde.

Aussagen wie diese von "Dschomhuri-ye Eslami" fordern iranische Wissenschaftler wie Mohsen Abutorabi und Bahram Akascheh geradezu heraus. Aboturabi, Professor für Architektur in England, führt die hohe Zahl von Opfern auf die schlechte Qualität der Baumaterialien und auf die unzureichende Bauüberwachung bei gewöhnlichen Häusern zurück. Akascheh, der als einer der führenden Erdwissenschaftler und Geologen Irans gilt, kritisiert vor allem den Fatalismus, mit dem viele Iraner der Gefahr von Erdbeben begegneten, und die vollkommen unzureichende Aufklärung über Erdbeben. "Die meisten glauben, was Gott will, das geschieht", sagte der Professor von der Universität Teheran. "Das ist aber völlig falsch", fügt er hinzu. Am liebsten wäre es ihm deshalb, wenn sogar die Hauptstadt Teheran an einen anderen Ort verlegt würde. Denn für Teheran wird, wie für Istanbul und San Francisco, ein verheerendes Erdbeben mit einer Stärke von erheblich über sieben erwartet. Das kleinere Beben von Bam läßt ahnen, was der Stadt dann bevorsteht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2003, Nr. 301 / Seite 3
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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