Islamische Organisationen in Deutschland

Rivalität und Konkurrenz

Von Uta Rasche
25.10.2001
, 11:05
Religionsvertreter beim Kanzler: Wen repräsentierte der Muslim Elyas?
Wer repräsentiert die drei Millionen Muslime in Deutschland? Darüber streiten sich der Islamrat und der Zentralrat der Muslime, türkisch dominiert der eine, arabisch dominiert der andere. Ditib als verlängerter Arm des türkischen Staats wird von keinem anerkannt.
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Manchmal ist Hasan Özodogan neidisch. Gerne wäre auch er von Bundeskanzler Schröder (SPD) eingeladen worden.

Wenige Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. 9. 2001 kamen die Repräsentanten der Kirchen, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas, im Kanzleramt zusammen, um ein Klima der Toleranz zwischen den Religionen in Deutschland zu demonstrieren.

Der damalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Kock, repräsentierte 27,4 Millionen Protestanten, der stellvertretende Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Mussinghoff, stand für 27,38 Millionen Katholiken. Spiegel vertrat etwa 75 000 Juden. Doch für wen stand Elyas?

Wer repräsentiert die drei Millionen Muslime in Deutschland?

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Nadeem Elyas, der mit 19 Jahren aus Saudi-Arabien nach Deutschland kam, um Medizin zu studieren, kann selbst nicht genau sagen, wie viele der etwa drei Millionen Muslime in Deutschland er repräsentiert.

Nach einer unveröffentlichten Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien für das Bundesinnenministerium fühlen sich 36 Prozent der Muslime in Deutschland einer Moscheegemeinde zugehörig. Die säkularen Muslime bilden keine Gruppierungen; sie finden sich in Parteien, Gewerkschaften und in Migrantenorganisationen wie der Türkischen Gemeinde in Deutschland oder dem Rat der Staatsbürger türkischer Herkunft.

Die Aufspaltung hat machtpolitische Gründe

Die Organisationen der religiösen Muslime sind in der Mehrzahl konservativ bis fundamentalistisch ausgerichtet und in viele Gruppierungen zersplittert. Die Aufspaltung hat nicht immer religiöse, sondern häufig machtpolitische Gründe.

Der Name „Zentralrat“ führt in die Irre

Zum Zentralrat der Muslime gehören 19 Mitgliedsorganisationen, die Muslime arabischer, deutscher, bosnischer und türkischer Herkunft vertreten. Der Name, der eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Zentralrat der Juden nahelegt, ist mit Bedacht gewählt.

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Doch er führt in die Irre: Während die jüdischen Gemeinden, die ihrem Selbstverständnis nach ebensowenig kirchenähnliche Strukturen ausbilden wie der Islam, sich entschließen konnten, trotz aller Differenzen eine gemeinsame Außenvertretung für den Verkehr mit Gesellschaft und Staat zu gründen, konnten sich die Moscheevereine in Deutschland nicht auf eine gemeinsame Struktur einigen.

Keine gemeinsame Struktur, aber ein hoher Anspruch

Mehrere Dachverbände erheben den Anspruch, die Muslime zu repräsentieren. Der bekannteste ist der Zentralrat der Muslime mit Elyas an der Spitze, aber er ist der kleinste. Elyas bemüht sich seit Jahren um den Dialog. Sitz des Zentralrats ist Elyas' Wohnort Eschweiler.

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Elyas sagt, 500 der 2400 Moscheen, die es in Deutschland gibt, gehörten dem Zentralrat an. Doch diese Zahl scheint zu hoch gegriffen.

Experte: Nur 200 Moscheegemeinden gehören dazu

Thomas Lemmen, Autor einer Studie über islamische Organisationen in Deutschland, meint, gerade einmal 200 Moscheegemeinden gehörten zum Zentralrat. Genaue Mitgliederzahlen sind kaum zu ermitteln, da die Religionszugehörigkeit der Muslime in Deutschland nicht erfaßt wird.

"Seit Jahren versucht man uns in einen Zahlenkrieg zu verwickeln, der zu nichts führt", beschwert sich Elyas. Es ärgert ihn, wenn seine Autorität angezweifelt wird. Elyas gilt als besonnen und diplomatisch, wenngleich in der Sache unerbittlich. "Wir hoffen, daß wir indirekt auch die Interessen derjenigen Muslime vertreten, die nicht unsere Mitglieder sind", sagt er.

Konkurrenz durch den Islamrat

Doch Elyas hat Konkurrenz: Auch der Islamrat will - möglichst alleiniger - Ansprechpartner für Politiker und Ministerien sein. Er hat seinen Sitz an der Adenauerallee in Bonn. Sein Vorsitzender, Hasan Özdogan, kam mit 16 Jahren nach Deutschland und arbeitet seit 1989 für Organisationen im Umfeld der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs.

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Milli Görüs ("nationale Weltsicht") betreibt in Deutschland etwa 500 Moscheen und gilt als der europäische Arm der in der Türkei verbotenen Tugendpartei. Die Organisation, die den Islamrat dominiert, wird seit ihrer Gründung in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet. Ihr wird vorgeworfen, die laizistische Ordnung in der Türkei abzulehnen und auf die Errichtung eines islamischen "Gottesstaates" auch in Deutschland hinzuarbeiten. Die Innenminister von Niedersachsen und Bayern wollen sie verbieten.

Islamrat: Wir sprechen für 900 Moscheegmeinden

Özdogan behauptet, die dreißig Mitgliedsorganisationen des Islamrats hätten zusammen 900 Moscheen; damit spreche er für eine Million Muslime. Lemmen hält das für übertrieben, es seien wohl etwa 600 Moscheegemeinden.

Gleichwohl ist Özdogans Islamrat größer als der Zentralrat, der im vergangenen Jahr einen empfindlichen Aderlaß hinnehmen mußte. Im August 2000 erklärte der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ), die bis dahin größte Organisation in diesem Dachverband mit etwa 300 Moscheen, seinen Austritt.

Grund war ein Wechsel in der Führung des VIKZ in der Türkei. Der Verband schottete sich ab; seine Repräsentanten, auf denen große Hoffnungen für den interreligiösen Dialog ruhten, sind seither von der Bildfläche verschwunden.

Ditib vertritt den türkischen Staatsislam

Der größte islamische Verband im Bundesgebiet, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. (Ditib), versteht sich selbst nicht als Dachorganisation der Muslime in Deutschland. Denn er vertritt den türkischen Staatsislam mit dem Prinzip der Trennung von Staat und Religion und wird deshalb von anderen islamischen Organisationen nicht anerkannt.

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Nach der Studie des Zentrums für Türkeistudien besuchen 72 Prozent der Türken in Deutschland Ditib-Moscheen. Seine Imame werden vom türkischen Staat finanziert; der Verband kämpft für islamischen Religionsunterricht ausschließlich in türkischer Sprache. Anfragen zum Dialog sagt Ditib ab, sobald andere islamische Organisationen mit eingeladen sind.

Islamrat arbeitet mit Gaddafi zusammen

Wichtiger als die Mitgliederstärke ist aber bei der Suche nach Repräsentanten der Muslime die inhaltliche Ausrichtung der Verbände. Der Islamrat kam schon deshalb als Gesprächspartner für Politik und Verwaltung bisher kaum in Betracht, weil er von Milli Görüs dominiert wird.

Vor wenigen Wochen wurde durch interne Streitigkeiten bekannt, daß der Islamrat eng mit der vom libyschen Revolutionsführer Gaddafi ins Leben gerufenen "World Islamic Peoples Leadership" zusammenarbeitet. Diese fundamentalistische Organisation ist eine panislamische Sammlungsbewegung, die weltweit die Muslime zur Vorherrschaft bringen will.

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Die Sehnsucht nach Anerkennung ist groß

So eng die Kontakte zur fundamentalistisch-islamischen Welt sein mögen - die Sehnsucht nach Anerkennung in Deutschland ist groß. Der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts für den Islamrat, den auch der Zentralrat für sich fordert, wäre ein Zeichen einer solchen Anerkennung; islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen, die Ausbildung von Imamen an staatlichen Universitäten, die Erlaubnis zum Schächten, dem Schlachten nach muslimischen Regeln, ebenfalls.

Die Verbände fordern die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen

Wenngleich die Verbände miteinander rivalisieren, arbeiten sie aber auch zusammen, etwa bei Gerichtsprozessen zur Einführung des islamischen Religionsunterrichts. Fusionsangebote des Islamrats hat der Zentralrat bisher abgelehnt. Beide Dachverbände fordern die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen - doch ihnen wird entgegengehalten, daß sie nicht gleich sind: Die weltanschauliche Neutralität des Staates, die von den Kirchen ausdrücklich als positiv anerkannt wird, wird von islamistischen Organisationen nur hingenommen. Was aber wäre, wenn der Islam in Deutschland eines Tages vorherrschte?

Die Mehrheit sind liberale Muslime

Die Süssmuth-Kommission, die auch einen Vertreter der Migranten in ihren Reihen haben wollte, wählte einen anderen Weg und lud den türkischen Reiseunternehmer Vural Öger ein. Zwar hat auch Öger kein Mandat, für alle Muslime zu sprechen; doch möglicherweise repräsentiert er die Mehrheit der liberalen Muslime in Deutschland besser als einer der bestehenden Dachverbände.

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