Islamistischer Terror

Wie finanziert sich der IS?

Von Lena Schipper
Aktualisiert am 23.11.2015
 - 14:50
Ausschnitt aus einem Propagandavideo des selbsternannten „Islamischen Staats“zur Bildergalerie
Menschenhandel, Erpressungen und Geschäfte aus erbeuteten Ölquellen: Die Terroristen des „Islamischen Staates“ sind finanziell gerüstet. Bei den Zellen in Europa kommt das Geld aber nicht an.

Der Januar war kein schlechter Monat für die Kommandeure der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in der Provinz Deir ez-Zor im Osten Syriens – zumindest in finanzieller Hinsicht. Gesamteinnahmen von 8,5 Millionen Dollar standen Ausgaben von 5,6 Millionen Dollar gegenüber, eine grundsolide Bilanz. Knapp die Hälfte der Einnahmen stammte aus nicht näher bezeichneten „Beschlagnahmungen“ in der Region, je rund ein Viertel aus Steuereinnahmen und aus dem Ölgeschäft. Von den Ausgaben entfielen etwa zwei Drittel auf militärische Zwecke und Personalkosten für Kämpfer und Geheimpolizei. Verwaltungskosten und Hilfen für die lokale Bevölkerung schlugen dagegen nur mit etwa einem Fünftel zu Buche. So zumindest steht es in Dokumenten des IS, die die Terrorforscher Aaron Zelin und Aymenn Jawad al-Tamimi vergangenen Monat im Internet veröffentlichten.

Der IS hat seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs weite Teile Nordostsyriens und Iraks erobert. Seitdem morden und brandschatzen die Kämpfer in den besetzten Gebieten, unterdrücken und versklaven die lokale Bevölkerung. Bis zu acht Millionen Menschen leiden unter ihrem Regime. Doch aus Sicht der Terroristen verursacht das Ganze vor allem: Kosten. Kämpfer müssen bezahlt, Waffen gekauft, lokale Honoratioren bestochen werden. Gelingt das nicht mehr, ist es mit den militärischen Erfolgen schnell vorbei. „Der Erfolg des IS hängt ganz entscheidend davon ab, dass er seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommt“, sagt Jake Shapiro, der an der Universität Princeton die Strukturen der Terrororganisation erforscht.

Die Dokumente aus Deir ez-Zor bieten eine Momentaufnahme der undurchsichtigen Geschäfte, mit denen der IS seinen Terror finanziert. Nicht nur die erkennbar professionelle Buchhaltung legt nahe, dass die Selbstbezeichnung der Terroristen als „Staat“ zumindest in finanzieller Hinsicht eine gewisse Rechtfertigung hat. Auch die Einnahmequellen bestätigen den Eindruck. Anstatt auf großzügige Spenden befreundeter Staaten oder reicher Sympathisanten angewiesen zu sein, wie es bei Terrororganisationen normalerweise üblich ist, bestreitet der IS nämlich einen Großteil seiner Einnahmen mit der Ausbeutung besetzter Gebiete.

Mehrere hundert Millionen Dollar im Jahr

Schutz- und Lösegelderpressung, Zwangssteuern, Enteignungen und der Schwarzmarkthandel mit Öl und Getreide bilden eine beinahe autarke Terror-Wirtschaft, die sich von außen schwer zerstören lässt. Dank ihrer ist der IS nicht nur reicher als viele konkurrierende Organisationen, sondern auch unabhängiger von äußeren Einflüssen.

Wie die Terrorwirtschaft funktioniert, lässt sich besonders gut an einer der wichtigsten Einnahmequellen erkennen: dem Schwarzmarkthandel mit Öl und Gas, den der IS betreibt, seit er die Kontrolle über viele ölreiche Provinzen in Syrien und im Irak übernommen hat. In Syrien profitieren die Terroristen davon, dass Öl vor dem Bürgerkrieg ein zentraler Wirtschaftsfaktor war. Das Land produzierte etwa 400.000 Barrel am Tag; knapp die Hälfte davon für den Export nach Europa. Wo heute der IS Angst und Schrecken verbreitet, organisierten globale Ölfirmen wie Shell die Förderung. Als der IS diese Gebiete eroberte, konnten die Kommandeure die bestehende Infrastruktur einfach weiter nutzen. Seitdem verdienen die Terroristen Schätzungen zufolge mehrere hundert Millionen Dollar im Jahr mit dem Verkauf von Rohöl und Treibstoff, der in mobilen Raffinerien hergestellt wird.

Das Geschäft ist lukrativ, weil es im Bürgerkriegsgebiet ausreichend Abnehmer gibt, wie Beobachter aus der Region erzählen: Rebellengruppen sind genauso auf Treibstoff angewiesen wie die lokale Bevölkerung; selbst das Assad-Regime und die kurdischen Peschmerga, die den IS eigentlich bekämpfen, sollen den Terroristen schon Öl abgekauft haben. Über Mittelsmänner kommt es auch in den Nachbarländern auf den Markt. Solange der Bürgerkrieg andauert, dürfte diese Einnahmequelle kaum versiegen.

„Der IS kontrolliert nicht die ganze Lieferkette“

Ganz ohne Hindernisse ist das Ölgeschäft des IS allerdings nicht: Viele Ingenieure, die einst für die Ölfirmen arbeiteten, sind geflüchtet. Um die Quellen weiter bewirtschaften zu können, müssen die Terroristen entweder die wenigen verbliebenen durch Drohungen zur Arbeit zwingen – oder mit hohen Gehältern neue Arbeitskräfte ins Kriegsgebiet locken, was umso schwieriger wird, je unerträglicher die Lage in den umkämpften Gebieten ist. Mit der Zeit werden die Quellen dadurch weniger ertragreich. Auch Luftangriffe russischer oder amerikanischer Kampfjets bringen die Produktion immer wieder zum Erliegen.

Weil der IS als terroristische Organisation keinen Zugang zum Weltmarkt hat, muss er das Öl mit hohen Preisabschlägen in der Region verkaufen oder über umständliche Schmuggelrouten außer Landes bringen. Dabei verlangt jeder Mittelsmann seinen Anteil. „Der IS kontrolliert nicht die ganze Lieferkette“, sagt Terrorforscher Jake Shapiro. Das schmälert die Erträge. Umso schlimmer, wenn der Ölpreis dann auch noch so niedrig ist wie im Moment. Für ein echtes Staatswesen dürften die Erträge aus dem Ölgeschäft also auf Dauer kaum ausreichen, zudem nach den Anschlägen von Paris auch die Franzosen begonnen haben, die IS-Infrastruktur mit aller Macht zu bekämpfen.

Doch das Ölgeschäft ist bei weitem nicht die einzige Einnahmequelle des IS. „Sie verfolgen ein diversifiziertes Geschäftsmodell“, sagt die Terrorexpertin Louise Shelley von der George Mason University in Washington D.C. „Wenn eine Einkommensquelle austrocknet, kann eine andere die Verluste auffangen.“ Dazu gehören auch Geschäfte wie die Erpressung von Lösegeld, der Verkauf gestohlener Antiken oder der Menschenhandel, für die der IS immer wieder in den Schlagzeilen landet. Allerdings tragen sie nach Ansicht vieler Experten einen eher geringen Anteil zum Umsatz bei. „Diese Einkommensquellen sind erratisch“, sagt Terrorforscher Shapiro.

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Wie wird ein friedfertiger Mann zum IS-Henker?
© dpa, Afp

Schutzgelderpressung und Raubzüge

Ganz anders die quasistaatlichen Strukturen des IS, neben dem Ölgeschäft die lukrativste Geldquelle der Terroristen. Bis zu acht Millionen Menschen leben in den IS-Gebieten, eine erkleckliche Basis für Enteignungen, Schutzgelderpressung und Zwangssteuern auf Einkommen. „Die Auspressung der Menschen in seinem Herrschaftsgebiet ist eine sehr wichtige Finanzquelle für den IS“, sagt Bente Scheller, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, die den IS seit Jahren beobachtet.

Die Möglichkeiten zur finanziellen Ausbeutung sind vielfältig: Neben hohen Steuern auf Einkommen und Unternehmertum erpresst der IS zum Beispiel Schutzgeld von Christen, die auf seinem Gebiet überleben wollen, und kontrolliert den für die Bewohner lebenswichtigen Weizenhandel. Dank ihrer Geheimpolizei haben die Terroristen genaue Informationen über die Vermögensverhältnisse in den unterschiedlichen Gebieten. Wer sich der Besteuerung entziehen will, dessen Vermögen wird einfach ganz konfisziert. Hinzu kommen die Erträge aus den Beutezügen während der Eroberung neuer Gebiete.

So raubte der IS etwa beim Einmarsch in Mossul im vergangenen Jahr Millionen von Dollar aus den Tresoren der örtlichen Banken – ganz zu schweigen von der Aneignung des Militärgeräts der irakischen Armee, die Hals über Kopf aus der Stadt geflüchtet war und den Terroristen damit einiges an Ausgaben ersparte. Zudem pfändet der IS die Konten von Einwohnern, die geflüchtet sind oder in den Kämpfen getötet wurden.

Ähnlich wie das Ölgeschäft lassen sich diese Einnahmequellen auch mit großer Mühe kaum von außen abschneiden – in die IS-Gebiete hineinzugelangen und wieder herauszukommen ist schwierig. Und selbst an denjenigen, denen die Flucht gelingt, verdient der IS noch Geld: Sie müssen oft mehrere tausend Dollar Wegezölle entrichten.

Europäische Terrorzellen finanzieren sich selbst

Die Strukturen, denen sich diese Einnahmen verdanken, haben die Terroristen nicht über Nacht aufgebaut. „In Mossul hat der IS schon vor der Eroberung viel Schutzgeld eingesammelt“, sagt Bente Scheller. Gerade in einigen irakischen Provinzen konnte der IS seine Strukturen auch deshalb ausbauen, weil die dort lebenden Sunniten sich von der schiitisch geprägten irakischen Zentralregierung jahrelang im Stich gelassen fühlten und die Kooperation mit den Terroristen anfangs vielfach als das geringere Übel wahrnahmen, zumal der IS brave Untertanen auch an seinen Geschäften beteiligt. „Wir hören immer wieder, dass sie bessere Gehälter zahlen als vorher die Regierung“, sagt Scheller.

Großangriff
Russland greift mehr als 400 terroristische Ziele in Syrien an
© reuters, reuters

Eines allerdings finanzieren die wirtschaftlichen Aktivitäten der Terroristen in Syrien und im Irak nicht: Terroranschläge in Europa. „Die Finanzierungsstrukturen dafür sind völlig unabhängig“, sagt Forscherin Louise Shelley. Die europäischen Terrorzellen seien in der Regel selbst finanziert, vor allem durch kleinkriminelle Aktivitäten wie den Verkauf geschmuggelter Zigaretten oder gefälschter Turnschuhe, Überfälle auf Tankstellen und Supermärkte oder den lokalen Drogenhandel. „So ein Terroranschlag ist nicht teuer“, sagt Shelley. Ein paar tausend Euro für Waffen vom Schwarzmarkt, selbstgemachten Sprengstoff und den ein oder anderen Mietwagen sind schnell erwirtschaftet, insbesondere wenn die Täter, wie der Drahtzieher der Pariser Anschläge, ohnehin aus dem kleinkriminellen Milieu stammen. Deswegen gibt es auch nur wenig verdächtige Geldflüsse zwischen den IS-Gebieten und europäischen Städten.

Die Finanzstrukturen machen es schwierig, den IS wirtschaftlich zu bekämpfen, weil es wenig Ansatzpunkte gibt, um die Geldströme zu kappen. Andererseits macht die Terrorautarkie die Terroristen auch verletzlich. Steuern und Schutzgeld lassen sich nur erheben, solange dafür noch eine wirtschaftliche Basis besteht. In Mossul, einst blühendes Zentrum der irakischen Bauindustrie, ist die Wirtschaft seit der Eroberung durch den IS großteils zum Erliegen gekommen. „Irgendwann ist nichts mehr da, was man besteuern kann“, sagt Bente Scheller. Die Frage ist nur, wie lange das dauert.

Quelle: F.A.S.
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