Kommentar

Arabellion und Scharia

EIN KOMMENTAR Von Wolfgang Günter Lerch
26.10.2011
, 14:52
Fänden sich in der arabischen Welt traditionelle Kräfte und solche eines säkularen Aufbruchs zusammen, wäre schon viel gewonnen. Islamische Kräfte werden bei der Gestaltung der neuen Ordnungen überall ein erhebliches Wort mitreden.

Die Voraussagen sind eingetroffen: Bei der ersten freien Wahl in Tunesien hat die islamisch-integristische Partei Ennahda (Wiedergeburt) die meisten Stimmen erhalten. So wird sie in der Verfassunggebenden Versammlung, die eine neue Konstitution erarbeiten soll, ein gewichtiges Wort (mit)sprechen. Viele Tunesier haben dieser Gruppierung ihre Stimme gegeben, weil die Neuordnung des Landes ihrer Auffassung nach mehr den islamisch geprägten Traditionen und Werten und damit ihrer fast eineinhalb Jahrtausende alten Geschichte entsprechen soll als der Ordnung des gestürzten Regimes, die den meisten Gängelei und Repression einbrachte und die sozialen Verwerfungen sowie bedrängende Probleme wie die Arbeitslosigkeit der Jugend nicht beseitigen konnte.

Für Ennahda bedeutet das Wahlergebnis eine Wiedergeburt. In den siebziger und frühen achtziger Jahren war diese Partei in Tunesien, was in den neunziger Jahren die Nationale Heilsfront (FIS) in Algerien wurde: eine radikale, doch insgesamt schon differenziertere, auch weniger gewaltgeneigte islamistische Bewegung. Unter dem im Januar gestürzten Präsidenten Ben Ali war sie verboten worden, viele ihrer Anhänger wurden inhaftiert. Ihr Vorsitzender Rachid Ghannouchi floh ins Exil nach London. Nun ist er zurück und kann den Triumph seiner Partei an der Wahlurne auskosten.

Im Wahlkampf gab sich Ennahda als gemäßigt islamische Gruppierung. Jedoch ist das Misstrauen groß, insbesondere bei jenen Protagonisten der Arabellion, die der religiös geprägten Lebenswelt der Mehrzahl der Tunesier fernstehen: Verschleiern die Integristen nicht ihre wahren Ziele? Ausgeschlossen ist das nicht - trotz gegenteiliger Beteuerungen. Sein Vorbild sei die türkische Regierungspartei AKP, sagt Ghannouchi. Sie sei im Islam verwurzelt, betreibe aber eine eher pragmatische Politik, insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaft.

Auch in Indien klaffen die Usancen auseinander

Schon jetzt hat das „Abschütteln“ (intifada) der arabischen Autokraten zwischen Tunis und Kairo - zuletzt traf es Gaddafi in Libyen, Salih im Jemen und Assad in Syrien könnten bald folgen - gezeigt, dass islamische Kräfte bei der Gestaltung der neuen Ordnungen überall ein erhebliches Wort mitreden werden. Schon hat der Nationale Übergangsrat in Libyen mitgeteilt, die Scharia solle Grundlage des neuen Libyen sein. In Kairo kam es schon im Sommer zu einer machtvollen Demonstration der Muslimbrüder auf dem Tahrir-Platz, bei der die ägyptischen Islamisten - auch sie sind um ein gemäßigtes Image bemüht - die Rechte des Islam einforderten. Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden alle neuen Ordnungen geprägt sein von größeren Spannungen zwischen stark islamisch gefärbten konservativen Kräften und den Verfechtern einer weltlichen Zivilgesellschaft, die am Ursprung der Arabellion standen.

Als gottgegebener religiös-gesellschaftlicher kollektiver „Heilspfad“ ist die Scharia eine Ordnung, die zwar interpretiert, aber nicht verändert werden darf. Daher ist sie bis in die alltägliche Lebenswelt hinein auf weite Strecken mit der Demokratie westlicher Prägung nicht vereinbar. Dies gilt für ihre Strafpraxis, für das Familien- und Personenstandsrecht, vor allem jedoch für die individuellen Freiheitsrechte, wie sie in der westlichen Hemisphäre in Jahrhunderten erkämpft worden sind.

Freilich klaffen auch in der indischen Demokratie die seit Jahrzehnten eingeübten demokratischen Usancen und das Wertesystem der Hindus auseinander - das Kastenwesen ist Beispiel genug. Auch europäische Länder waren schon demokratisch verfasst, als ihre allgemein verbindlichen Wertvorstellungen sich von den heute als selbstverständlich erachteten, unter Freiheit subsummierten Regeln noch erheblich unterschieden. Mit dem Segen des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt gestehen viele auch den Chinesen das Recht auf den eigenen Weg zu.

Die Revolutionäre verdienen zunächst einmal Anerkennung und Zuspruch

Die islamische Welt ist in den vergangen zweihundert Jahren von zwei großen Strömungen geprägt worden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwarf Mehmed Ali in Ägypten das Modell einer am Westen und seinem zivilisatorischen Fortschritt ausgerichteten drastischen Modernisierung von oben. Diesem Modell sind über Kemal Atatürk und den Schah von Iran bis heute viele gefolgt, nicht zuletzt jene, die nun stürzen.

Die zweite Strömung begann mit dem gegen die westliche Moderne gerichteten Panislamismus des 19. Jahrhunderts und fand ihre Fortsetzung in den Richtungen des politischen Islam im 20. Jahrhundert. In ihrer äußersten Zuspitzung endete der politische Islam im Terrorismus und verfehlte auch dort, wo er an die Macht kam, weitgehend seine hochgesteckten ökonomischen und sozialen Ziele.

Dass die Arabellion binnen weniger Jahre zu entwickelten demokratischen Systemen führen wird, ist schwer zu glauben; doch jene, die ihre repressiven, teilweise Jahrtausende alten Ordnungen durch etwas Besseres ersetzen wollen, verdienen zunächst einmal Anerkennung und Zuspruch. Wenn sich in Tunesien, Libyen und Ägypten traditionelle Kräfte und solche eines zivilen, säkularen Aufbruchs zusammenfänden, wäre schon viel gewonnen.

Quelle: F.A.Z.
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