Kommentar

Pock'n'Roll

22.02.2003
, 19:16
Pocken! Pocken und Puhdys!" Ich schrie und weinte vor Freude. Die Leute schauten mitleidig. Sollten sie. Seit einer Woche ist, mir zumindest, endlich klar, daß und wie alles im Kern miteinander zusammen hängt.
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Pocken! Pocken und Puhdys!" Ich schrie und weinte vor Freude. Die Leute schauten mitleidig. Sollten sie. Seit einer Woche ist, mir zumindest, endlich klar, daß und wie alles im Kern miteinander zusammen hängt.

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Das hatte mit der Schauspielerin Katrin Saß zu tun, der sie in dem Film "Good Bye Lenin" vorgaukeln, die DDR lebe weiter und die Westautos vorm Haus gehörten bundesdeutschen Flüchtlingen. Sie erinnerte mich nicht nur an meine Pionierleiterinnen, sondern auch an die freundlichen Impfärztinnen. Und in diesem Moment begriff ich auch, warum der Auftritt der Puhdys bei der Friedensdemo in Westberlin so aussah wie Ostberlin ca. 1988, Festival des Politischen Liedes oder so: Weil es stimmte! Weil die Wahrheit der Katrin Saß aus dem Film wirklich die Wahrheit ist! Weil die Westdeutschen Flüchtlinge sind und in die DDR wollen! Ich begriff endlich, warum sie alle das Buch "Zonenkinder" kaufen und in diesen Film rennen, den sich Westdeutsche von der DDR gemacht haben: Weil sie uns brauchen, weil nur wir ihnen helfen können, wenn die Pocken kommen. Ich krempelte sofort den Ärmel hoch und hielt die Impfnarben in die Menge: "An den beiden Oberarm-Flecken könnt ihr uns erkennen! Wir wissen wie das läuft mit der Impfpflicht, nicht nur gegen Pocken wie bei Euch, sondern gegen alles: Mumps, Masern, Dyphterie; Saddam ist ja unberechenbar!" Viel ist vom Gesundheitsvorsprung zwar nicht geblieben, 13 Jahre Westen haben uns schon genauso schwächlich und allergisch gemacht; aber vielleicht ließ sich das Ruder noch rumreißen. Ich klopfte an alle Bauwagen Berlins, immer in der Hoffnung, es seien schon die ersten Impfzüge. Für Impfärzte sahen die Leute da drin allerdings arg verwahrlost aus. Lederjacken und Alkoholfahnen sprachen Bände über den Zustand unseres Gesundheitswesens. Ich strich ihnen tröstend über die Rastalocken und versprach Besserung, Polikliniken, Zwangsarbeit für alle depressiven Hausfrauen, die mit ihren Psychosomaten-Kuren die Krankenkassen crashen. Dann legte ich Axt an den föderalen Kompetenzdschungel in der Seuchenvorsorge, schrieb eine Eingabe an den Kanzler und forderte ihn auf, die Sache endlich in die Hand zu nehmen: Die Lage ist schließlich ernst, Pocken bedrohen die friedliche Koexistenz. Als er daraufhin zugab, daß man bei aller Friedensliebe gewaltbereit bleiben müsse, organisierte ich für alle Schüler der 9. Klassen die ersten Wehrlager seit der Wende. Nichts stärkt die Abwehrkräfte so gut, wie gemeinsames Rumrobben im Schlamm. Nur die Zivilverteidigung für die Mädchen müßte bitte jemand anderes übernehmen. Ich will nicht schuld sein, wenn sie sich beim Handgranatenweitwurf die Maniküre versauen. Könnte mir da jemand mal unter die Arme greifen? Frau Saß, Sie vielleicht?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.2.2003
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