Insel des Elends

Text und Fotos von LIVIA GERSTER
Inmitten von Menschen und doch ganz allein: Nooria Husain im Camp Moria

12. Februar 2020 · Auf Lesbos liegen die Nerven blank. Die Griechen wollen, dass die Flüchtlinge verschwinden. Die wollen, aber können nicht. Zu Besuch zwischen den Fronten.

A uf einer Insel, weit weg von Athen und noch weiter von Berlin und Brüssel, wissen sie nicht mehr weiter. Sie haben hier schon viele Völker gesehen und viele Sprachen gehört. Doch noch nie waren es so viele auf einmal: Arabisch, Persisch, Französisch, Dari, Paschtunisch, Urdu, Bengalisch, Mandarin, Somali, Hausa, Swahili und bestimmt noch viele andere.

Zu Sechzigtausend lebten sie hier gut, auf Lesbos, im Osten der Ägäis. Im Sommer kamen die Touristen, im Winter waren immerhin die Fische da. Jetzt sind sie zwanzigtausend mehr. In Hamburg wäre das nicht viel, aber sich eine Insel zu teilen, das ist etwas anderes. Auf Lesbos gibt es nur ein Krankenhaus, eine einzige Nationalstraße, die von der Hafenstadt Mytilini alle größeren Orte miteinander verbindet, und sehr wenige Busse.

Der nach Moria ist immer brechend voll. Es dauert zehn, fünfzehn Minuten, bis sich alle neben- und übereinandergestapelt haben. Manche haben Gemüse dabei, andere einen Eimer Fische. Damit fahren sie zurück ins Camp, aber vielleicht ist auch jemand dabei, der nicht ins Camp will, sondern ins Dorf – zum Frisör: Irene Hair Experts in Moria. Waschen, schneiden, föhnen 12 Euro, außerdem Maniküre, Extensions und Keratin-Therapie.

In diesen Friseursalon kommen sie von der ganzen Insel. Wahrscheinlich kriegt man auf ganz Lesbos keinen besseren Haarschnitt. Die Frisörin will das aber nicht von sich selbst sagen. „Das überlasse ich den Leuten“, sagt Irene Kourtoglou auf Deutsch. Sie ist nämlich in Iserlohn aufgewachsen, kam nach der Lehre zurück und machte sich einen Namen. Das war harte Arbeit. „Schau, meine Hände“, schreit sie gegen den tosenden Föhn und zeigt die Risse, Druckstellen und fein manikürten Nägel in Altrosa. Seit neun Jahren hat Kourtoglou ihren eigenen Salon, fünf lederne Stühle und ein großes schwarzes Sofa, auf dem die Kunden warten. Und jetzt sieht sie all das bedroht. Von den Menschen mit den vielen Sprachen, die in der weißen Zeltstadt auf dem gegenüberliegenden Hügel wohnen.

  • Zum Einkaufen in die Stadt: Flüchtlinge am Hafen von Mytilini
  • Am Hafen von Mytilini
  • Das alte Lesbos: Straße im Dorf Moria
  • Im Dorf Moria sieht man immer mehr Flüchtlinge auf den Straßen.

Erst vor kurzem hat Kourtoglou renoviert: viel Licht, Pastelldrucke, Glas und Lack. Ihre Töchter hantieren neben ihr, alle drei tragen Schwarz und hohe Absätze. Es pfeift und surrt, und alle paar Minuten klingelt das Telefon. „Parakalo“, ja bitte, brüllt Irene Kourtoglou hinein, klemmt es sich zwischen Ohr und Schulter, rasiert den grauen Schopf vor sich einhändig weiter. Rechts wird einer alten Dame der Kopf gewaschen, links krauses Haar glatt gebügelt, und auf dem Sofa lässt eine junge Frau die Farbe einwirken.

Auf das Stichwort der Frisörin reden sie alle mit. Laut und gleichzeitig, sodass Kourtoglou nicht nachkommt mit dem Übersetzen. „Es ist dramatisch“, sagt der Herr vor ihr. „Auf der Straße habe ich Angst“, meint die junge Frau unter der Folie. „Sie schlachten unsere Tiere und verkaufen sie im Camp!“, echauffiert sich die Dame. Und nicht nur das: Die Olivenbäume fällten sie für Brennholz. Nachts kletterten sie über die Mauern, um Apfelsinen von den Bäumen zu pflücken. Und sogar in die Küchen kämen sie herein, und nähmen alles mit, was sie tragen könnten. Früher, da sei man abends spazieren gegangen. Jetzt hockten alle in ihren verriegelten Häusern. So schimpfen die Griechen.

Multitasking: Irene Kourtoglou in ihrem Friseursalon

Die Frisörin rührt Farbe an. Igora Royal Kupfergold einer Düsseldorfer Firma. „Nur das Beste aus Deutschland.“ Die Dame mit dem Kopf im Becken redet weiter gestikulierend mit der Decke über ihr. Die Frisörin fasst den Wortschwall pragmatisch zusammen: „Das ist Afghanistan hier.“

Es ist nicht so, dass die Griechen in Moria die Leute im Camp für Unmenschen halten. Aber sie verstehen auch nicht, warum ausgerechnet ihre Insel das heillos überfüllte Wartezimmer Europas sein muss. Am Anfang haben sie Klamotten gesammelt und gekocht, mittlerweile sind vier Jahre vergangen, und als letzte Woche zur Demonstration aufgerufen wurde, waren sie alle dabei, unten in der Stadt.

„Ja, wir haben einen Anstieg der Kriminalität verzeichnet“, hat der Mann im Rathaus von Mytilini gesagt, einem verwitterten Glasbau mit dem Charme eines insolventen Einkaufszentrums. Aber Basos Talis von der Stadtverwaltung hat auch gesagt: „Das ist doch kein Wunder, wenn Menschen unter diesen Bedingungen leben müssen. Sie haben Hunger, sie frieren. Wir fühlen mit ihnen. Aber so geht es nicht weiter.“

Basos Talis von der Stadtverwaltung in Mytillini findet, so könne es nicht weitergehen.

Im Friseursalon steht ein Elektriker in der Tür, er braucht eine Unterschrift. Für die Lichter im Garten und vor der Tür. Auch eine Alarmanlage hat Kourtoglou gekauft. Einen neuen Zaun. Und Gitter für die Kellerfenster.

Manchmal kommen Frauen aus dem Camp in den Salon, wollen schöne Nägel und Haare. Anfangs bekamen sie, wonach sie verlangten, in schweigender Sprachlosigkeit. Kourtoglou windet sich: Mittlerweile schickt sie die Frauen weg. Obwohl alle bezahlt und sich immer anständig benommen haben. Kourtoglou ist das unangenehm. „Ich hätte auch nicht gewollt, dass die Deutschen so was mit mir machen.“ Sie holt Luft. „Aber ich habe mich auch immer angestrengt! Es ist doch so: Wenn du nicht gut bist, kriegst du nichts in Deutschland. Keine Lehre, keine Arbeit, kein Glas Wasser.“ Sie schüttelt den Kopf, wiederholt murmelnd: „Kein Glas Wasser.“


„Ja, wir haben einen Anstieg der Kriminalität verzeichnet.“
BASOS TALIS

Irene Kourtoglou hat ihre Lehre nicht irgendwo gemacht, sondern im Friseursalon Kaiser in Iserlohn. Mit Freundlichkeit und Beharrlichkeit hat sie es dort hingeschafft. Sie hält die geschundenen Hände vor sich, als balanciere sie ein Tablett. Energisch: „Du musst geben, damit du kriegst!“ Sie sagt aber nicht, was die Flüchtlinge geben sollen.

Vor einiger Zeit hat sie eine Kundin aus Mytilini frisiert, da hätten zwei Jungs versucht, deren Motorrad wegzurollen. Die Kundin sei nie wieder gekommen. Danach hat Kourtoglou eine Entscheidung getroffen: gegen die Leute aus dem Camp und für ihre Stammkunden. Sie bedient keine Flüchtlinge mehr, weil die Stammkunden das nicht wollen.

Kourtoglou geht zum Sofa, hebt prüfend die Folie auf dem Kopf einer Kundin an, nickt. Alles so, wie es sein soll. Das Mädchen darunter kichert nervös: eine neue Haarfarbe ist doch ein großer Schritt. Die ältere Dame ist mittlerweile trockengeföhnt und lässt gern ein Foto von sich machen. Zufrieden betrachtet sie das Ergebnis: „Schau an, was ich für einen stattlichen Busen habe!“ Gelächter im Salon. Und eine Hauptstädterin in Lederleggings, eben noch schwarzhaarig, ist plötzlich platinblond. „Wie ein Popstar!“, finden die andern.

  • Frisörin Irene Kourtoglou und ihre Tochter (links) mit Kunden
  • Freut sich über ihren „stattlichen Busen“: Kundin Dimitra Triandafilou
  • Nur die beste Farbe aus Deutschland

Die Frisörin sagt: „Hätte ich noch ein Leben, würde ich wieder Frisöse werden. Hier sind die Leute glücklich. Sie fühlen sich schön.“ Ihren Namen hat Kourtoglou von den Osmanen, lange herrschten sie auf Lesbos, die verfallenen Moscheen zeugen davon. Auch die Patrizier aus Genua waren da, aber seine Blüte hatte Lesbos im siebten vorchristlichen Jahrhundert, als Sappho hier ihre Freundinnen besang. „Was schön ist, ist gut, und was gut ist, wird bald schon schön sein“, schrieb sie.

Was Weisheiten angeht, hält sich Koutoglou lieber an den heiligen Taxiarchis, den Patron von Lesbos. Er hat ihr schon immer beigestanden. Auch damals, als sie es in Deutschland endlich geschafft hatte und dann doch alles zurückließ. Als die Ehe zerbrach. Regelmäßig bringt sie ihm kleine Schuhe aus Stoff in die Kirche. Darauf kann er am Abend hinaus gehen und Gutes tun. „Wenn ich wiederkomme, sehe ich, dass sie getragen sind“, haucht sie.

Es gibt nicht viele Pausen in Kourtoglous Leben. Von neun Uhr bis neunzehn Uhr schneidet sie Haare, dienstags bis samstags, und montags die Buchhaltung. Aber wenn sie zwischen einem Kunden und dem nächsten mal innehält, aus den bodentiefen Fenstern hinaus ins Grüne blickt, über die Hügel, hinter denen das Meer liegt, dann fühlt sie Frieden. „Ich liebe diese Insel sehr.“

Im Camp einen Kilometer weiter gibt es keinen Frieden. Die Kinder hier spielen im Abwasser, zwischen Bergen von Müll und schwimmenden Plastikflaschen, überall schwarzer Rauch über offenen Feuern. Dreitausend Leute haben in diesem Flüchtlingslager theoretisch Platz. In Wirklichkeit sind es siebenmal so viele. Sie hausen auf jedem Zentimeter der Zeltstadt und überall drum herum, im Schlamm der Olivenhaine. „Ich war in Gaza und im Ebola-Gebiet in Sierra Leone“, sagt eine Ärztin ohne Grenzen. „Überall sind die Flüchtlingslager besser als hier.“ Immer mehr werden krank. Nass kommen sie aus den Schlauchbooten von der türkischen Küste, nass waten sie durch den Regen, wollen weiter nach Westen, doch von Lesbos kommt keiner so schnell weg. Es ist Europa, und doch nur ein kleiner Vorposten, umgeben vom Meer.

Video: Livia Gerster, Bearbeitung FAZ.NET

In einem blauen Zelt kauert eine junge Frau. Sie heißt Nooria Husain. Nooria sagt den Satz, der auch im Frisörsalon fiel: „Das ist Afghanistan hier.“ Nachts trägt sie Windeln, weil sie nicht zum Klo laufen will. Das Problem ist nicht der Siff der Toiletten, das Problem sind die Männer davor, die sie auf den Hals küssen und ihr Fusel unter die Nase halten. Vergewaltigungen sind Alltag in Moria, Messerstechereien auch. Kurden gegen Araber, gegen Afghanen, gegen Somalis. Der Anlass kann eine Frau sein, ein Stück Brot oder eine Steckdose.

  • Heillos überfüllt: Das Lager Moria
  • Sie spielen im Schlamm, weil sie nichts anderes haben: Die Kinder von Moria
  • Und überall stapelt sich der Müll.
  • Vergewaltigung und Messerstechereien sind in Moria Alltag.

Nooria ist aus Afghanistan vor der Sorte Männer geflohen, die sie hier wiedergetroffen hat. Sie sagt: „Vielleicht kann Afghanistan ein schönes Land sein. Aber für mich gibt es dort keinen Platz.“ Und sie erzählt, wie der verschuldete Vater sie mit 17 an einen Mann verkauft hat und ihr Leben von da an aus Kochen, Putzen und Warten bestand. Warten auf die nächste Vergewaltigung. Sie sagt nicht Vergewaltigung. Vielleicht weil ihr das Wort auf Englisch fehlt, vielleicht weil sie es scheut. Sie sagt: „Ich war klein. Ich wusste nicht, was Ehe bedeutet. Jeden Abend kam er betrunken zu mir, und es war sehr schlimm.“ Sie zeigt eine große Narbe: Als er ihr das Messer in den Bauch rammte, war der Sohn drei. Nach der Scheidung durfte sie ihn nicht wiedersehen und die Eltern auch nicht. Sie schlug sich als Putzfrau in Kabul durch, der Ex-Mann lauerte ihr immer wieder auf, drohte. Da entschied sie sich. Zurücklassen musste sie ja nichts. Und so floh sie ganz allein, nach Iran, in die Türkei und ins Schlauchboot.


„Vielleicht kann Afghanistan ein schönes Land sein. Aber für mich gibt es dort keinen Platz.“
NOORIA HUSAIN

Die anderen jungen Frauen im Zelt lachen über ihre kurzen Finger, erzählt Nooria. Doch sie zeigt sie stolz her. „Schau“, sagt sie, und man sieht Risse, Druckstellen und Reste von glitzerndem Nagellack. Vom Teppichknüpfen. Jeden Nachmittag nach der Schule habe sie neben der Mutter auf dem Boden gesessen, den Kopf voller Wörter und Zahlen von der Tafel. Es war ihre glücklichste Zeit.

Nooria Husain hat nicht viele Wörter auf Englisch, aber eines, das sie hat, ist beautiful: beautiful hair, beautiful nails. Wenn sie Strom auf dem Handy hat, bringt sie sich neue Wörter bei. Sie will so gut werden wie die anderen Frauen im Zelt. Paschtuninnen, die keine Teppiche geknüpft haben und nicht mit 17 verheiratet wurden. Nooria gehört der Ethnie der Hazara an.

  • Hier ist sie einigermaßen sicher: Nooria Husain in ihrem Zelt
  • Haben ihren Frohsinn noch nicht verloren: Geschwister in Moria
  • Ordnung ins Chaos bringen: Afghaninnen aus Moria

Auf ihrem Hals sind vier fliegende Kraniche tätowiert. Sie wendet den Kopf, damit man sie besser sehen kann. „Wie heißt das“, murmelt sie und ruft etwas auf Dari quer durchs Zelt. „Refugees“, ruft die Freundin zurück und Nooria nickt: „Refugees“, sagt sie. Und dann schreibt sie mit dem Kugelschreiber ein Datum in ihre Handfläche: 4. 5. 2020. Dann ist ihre Anhörung bei den Behörden.

Blau scheint das Sonnenlicht durch die Zeltwand auf ihre Haut. Es dämpft das Geschrei von draußen, das Kinderlachen und Fußgetrappel und die Klänge der vielen Sprachen. Tief in ihrem Herzen hegt Nooria einen geheimen Wunsch. „In einem Flugzeug arbeiten“, flüstert sie. In feinen Strümpfen und mit einem Lächeln für die Passagiere. Genau: Stewardess. Bedächtig wiederholt sie das Wort, saugt es in sich auf. „Ich weiß nicht, ob es möglich ist.“


„Ich will nur einen ganz kleinen Platz auf der Welt“
NOORIA

Jeden Morgen zieht sie sich die Augenbrauen nach, tuscht die Wimpern. Ihr Glitzerlack hebt sich gegen den Schlamm ab, wie ihre Hoffnung gegen die Angst. „Ich will nur einen ganz kleinen Platz auf der Welt“, sagt Nooria und zieht ein Tuch aus einer Plastiktüte. Strahlend weiß. Darauf breitet sie andächtig eine Kette aus grünen Perlen und einen kleinen Gebetsstein aus. Neben dem Tuch leuchtet Google Translate durch den zersplitterten Handyschirm. Ihr ganzer, wertvoller Besitz.

Zwei Wochen hat Nooria Husain zwischen Männern in einer Halle schlafen müssen, bevor sie hierher kam. Nachts fährt einem die nasse Kälte in die Glieder, und zum Weinen steigt sie aus dem Reißverschlussfenster, sucht sich einen Winkel im Schlamm, in dem sie das Gesicht in den Jackenkragen stecken kann.

Küstenwache der EU-Grenzschutzagentur Frontex

Die Handys der anderen klingeln oft. Die Eltern rufen an, die Geschwister und Tanten. Wie es Nooria geht, will keiner wissen. Ihre Augen verschwimmen, die Tränen tropfen in das weiße Tuch und die Pappe darunter. Sie hält kurz inne, dann wischt sie das Nasse weg, das Kugelschreiberblau im Handinnern verwässernd. Und sie erzählt von einem Abend vor etwa zwei Wochen: Da habe ihr eine der Freundinnen das Handy ans Ohr gedrückt. Die Mutter der Freundin war dran. Und Nooria lauschte der Stimme im Hörer, erwiderte etwas hier, gab Antwort da. Fünf Minuten sprach sie mit dieser fremden Mutter. Fünf Minuten, in denen sie sich vorstellte, dass irgendjemand irgendwo zu ihr gehört.

12.02.2020
Quelle: F.A.S.