Amerika

Wahlkampf in der Endlosschleife

Von Stefan Tomik, Richmond
02.11.2008
, 14:38
Jede Geste einstudiert, jeden Tag die gleiche Rede
Sarah Palin hat wieder Tritt gefasst und weiß, wie sie einfache Amerikaner gegen Barack Obamas Steuerpläne aufbringen kann. Doch auf die gesamte Wählerschaft will die Begeisterung ihrer Fans nicht überspringen. Und auch die eigene Partei bleibt gespalten.

Dass die Wahl entgegen allen Umfragen noch nicht entschieden sei und also John McCain und Sarah Palin durchaus noch eine Chance haben, beteuern die Strategen der Republikaner in diesen letzten heißen Wahlkampftagen in allen Interviews. Dass laut einer Umfrage von Associated Press und Yahoo jeder siebte Wähler noch unentschlossen und daher zu überzeugen ist, lässt für sie einen Funken Hoffnung glühen in einer Situation, in der Barack Obama in allen landesweiten Umfragen führt - mit bis zu 13 Prozentpunkten. Bloß keinen wichtigen Staat verloren geben, bloß keine Wähler frustriert zurücklassen, das fordert den Kandidaten in diesem Finale alles ab. Die Wahlkampfmaschine der Republikaner läuft auf hohen Touren. Und auch Sarah Palin hat ihre Rolle darin gefunden.

Die Schlange von Menschen, die die Gouverneurin von Alaska am Samstagabend in Richmond in Virgina sehen wollen, ist schon zu Beginn des Einlasses um halb sieben mindestens eine Meile lang. Sie windet sich über den riesigen Parkplatz der Deep Run High School und rings um das Schulgebäude. Schnell hat sich das Stadion gefüllt mit tausenden Fans, es sind fast ausschließlich Weiße.

„Nobama!“

Scheinwerfer werden kalibriert, Jubelutensilien an den Mann und Fans für die Fernsehkameras in Position gebracht. Etwas erhöht hinter der Bühne gibt ein Mitarbeiter der Kampagne Zeichen. Auf sein Signal werden tausende Schilder und Fähnchen in die Höhe gereckt, ein ohrenbetäubendes Johlen brandet auf. Nichts überlässt die Wahlkampfmaschine dem Zufall.

Auch die Umarmung der Kinder mit Down-Syndrom gehört zum Wahlkampf
Auch die Umarmung der Kinder mit Down-Syndrom gehört zum Wahlkampf Bild: AP

Ein unbekannter Vorredner macht schließlich den Anfang und bringt die Menge in Schwung. Nichts sei entschieden bei dieser Wahl, sagt er, obwohl „die liberalen elitären Medien uns das weismachen wollen“. Die Menge antwortet mit Sprechchören: „Nobama!“ „Dieses Land“, fährt der Sprecher fort, „ist nicht irgend ein Staat da drüben in Europa. Dies sind die Vereinigten Staaten von Amerika!“ Und die Menge skandiert wie aus einem Munde „U.S.A.! U.S.A.!“ An Patriotismus mangelt es nicht an diesem Abend.

Dann wird gebetet, für die Kandidaten McCain und Palin, dass sie die Wahl gewinnen und im Weißen Haus die richtigen Entscheidungen für das Land treffen mögen. Anschließend Auftritt dreier Vietnam-Veteranen, die zusammen mit McCain in vietnamesischer Gefangenschaft waren. McCains Führungsstärke wird gepriesen, Obamas Unerfahrenheit in der Außenpolitik gegeißelt, den Soldaten im Irak und in Afghanistan gedankt.

Der frühere Gouverneur von Virginia Jim Gilmore, der sich nun für einen Sitz im Senat bewirbt, betritt die Bühne und macht der Menge klar: Obama wird die Steuern erhöhen, „er wird euer Geld anderen geben“, er hat die Truppen im Irak im Stich gelassen und keine Erfahrung in der Außenpolitik. Immer wieder prasseln diese Botschaften auf die Zuschauer nieder.

Soundbites vom Fließband

Doch dann gerät die Wahlkampfmaschine ins Stocken: Sarah Palins Ankunft verzögert sich. Ein Musikstück nach dem anderen wird eingespielt, Tina Turners „Simply the Best“ läuft schon zum zweiten Mal. „Sarah ist auf dem Weg“, versichert ein Mitarbeiter, um die Menge bei Laune zu halten. „Aus Alaska?“, fragt jemand. Eine Traube Menschen ringsherum lacht. Dann wieder Musik. Es geht jetzt schon auf die zehn Uhr zu, die Kälte frisst sich in alle Glieder, einige Palin-Fans verlassen die Veranstaltung. Erst um fünf nach zehn schreitet Sarah Palin endlich unter Fanfarenklängen auf das Mikrofon zu. Im Publikum blitzen die Fotoapparate, der Jubel erfüllt die Erwartungen der Veranstalter.

Dann spult Palin dieselbe Rede ab, die sie in den vergangenen Tagen schon bei Auftritten im ganzen Land gehalten hat. Sie beginnt mit der Vorstellung ihres Mannes Todd als „first dude of Alaska“ (etwa „coolster Kerl in ganz Alaska“) und reicht bis zur Beschwörung, nun sei wahrlich nicht die Zeit für sozialistische Experimente à la Obama. McCain und sie würden dagegen die Steuern „für jeden Amerikaner und jedes Unternehmen“ senken und Washington von „Gier und Korruption“ befreien. Außerdem sei Obama den Anforderungen der Außenpolitik nicht gewachsen. „Seine Reden können Stadien füllen, aber keine nationale Sicherheit schaffen.“

Die Wahlkampfmaschine liefert jetzt Soundbites wie in einer Endlosschleife. Und die Zuschauer sind begeistert. Hier an der Deep Run High School wird Sarah Palin gefeiert wie ein Popstar.

„Jung attraktiv, unverfroren“

Sarah Palin hat die Menge im Griff an diesem Abend. Sie weiß, wie sie ihr Publikum erreicht, sie hat viele treue Fans, aber in der eigenen Partei auch Gegner. An der jungen, unbedarft wirkenden Gouverneurin scheiden sich die Geister. Prominente Republikaner wie der frühere Außenminister Larry Eagleburger halten sie für das Amt eines Vizepräsidenten für ungeeignet. Der konservative Kommentator Bill Kristol dagegen lobt die „junge, attraktive, unverfrorene“ Politikerin in höchsten Tönen.

Um die konservative Rechte zu umgarnen hatte McCain Palin als Vizepräsidentin ausgesucht, und soweit ist sein Plan anscheinend aufgegangen. Doch auf die gesamte Wählerschaft überträgt sich die Begeisterung nicht: Mittlerweile sagen 59 Prozent der befragten Wähler, dass Palin für das Amt zu unerfahren sei.

Schon kurz nach ihrer Nominierung hatte sie sich in Interviews um Kopf und Kragen geredet. In einem Gespräch mit dem Sender CBS lief sie der Moderatorin Katie Couric ins offene Messer. Mittlerweile hat Palin aber wieder Tritt gefasst. Im Fernsehduell mit dem Demokraten Joe Biden schlug sie sich tapfer und konnte grobe Fehler vermeiden. Anders als früher beantwortet sie nun auch spontan Fragen von Journalisten.

„Sie ist eine Diva“

Innerhalb des Wahlkampfteams vertritt Palin offenbar eine härtere Gangart gegenüber Obama. Auch öffentlich hat sie McCain schon widersprochen und etwa die Entscheidung kritisiert, Michigan aufzugeben und den Wahlkampf dort einzustellen. Ungenannte Berater McCains hatten sich in den vergangenen Tagen darüber beschwert, Palin sei beratungsresistent und führe sich wie eine „Diva“ auf. Manche sagen ihr eine steile Karriere voraus, auch wenn sie nicht die erste Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten werden sollte.

Danach sieht im Moment alles aus. Die tausenden Menschen, die Palin am Samstagabend in Richmond zujubelten, müssen nicht mehr überzeugt werden, wo am 4. November das Kreuz zu setzen ist. Wer dreieinhalb Stunden ansteht, bis Sarah Palin die Bühne betritt, wird sicherlich auch am Wahltag den Weg zur Urne finden. Fragt sich nur, wie McCain und Palin auch die anderen Wähler noch erreichen wollen.

Quelle: FAZ.NET
Stefan Tomik - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stefan Tomik
Redakteur in der Politik.
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