Amerikas Hauptstadt

Viele hoffen auf den Zuzügler

Von Katja Gelinsky, Washington
29.01.2009
, 09:40
„Einen Half Smoke bitte”: Obama im Ben's Chili Bowl
„Jeder Präsident hat anfangs versichert, ihm liege die Hauptstadt am Herzen. Aber passiert ist dann nichts.“ Wohnt Obama nur in Washington, oder will er dort auch leben? Viele Hauptstädter warten auf Wandel.
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In „Ben's Chili Bowl“ herrscht ein Andrang, als ob es den legendären Hot Dog mit Chilisoße heute umsonst gäbe. Geschäftsleute, Touristen und Familien, Schwarze wie Weiße bevölkern das Imbisslokal in der U Street. „Ein Wahrzeichen Washingtons“ steht an der historischen Fassade. Als die U Street noch der „schwarze Broadway“ war, ließen sich Stars wie Duke Ellington, Miles Davis, Ella Fitzgerald und Bill Cosby bei „Ben's“ ihren „Chili Half Smoke“ schmecken, ein geräuchertes Würstchen aus Rind- und Schweinefleisch auf warmem Brötchen mit reichlich Senf, Zwiebeln und natürlich der hausgemachten Chilisoße.

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Die Wände des Lokals sind dicht behängt mit Fotos von Sängern, Schauspielern und Showgrößen. Man muss schon suchen, bis man das Bild des prominentesten Gastes findet. Wenige Tage vor seiner Amtseinführung kam Barack Obama überraschend mit Bürgermeister Adrian Fenty zum Lunch. Er schüttelte Hände, herzte Babys und verspeiste natürlich einen „Half Smoke“. Seitdem muss Kamal Ali noch häufiger den Fremdenführer geben. Gemeinsam mit seinem Bruder hat Ali das Lokal vom Vater übernommen, einem Einwanderer aus Trinidad. „Die Leute wollen wissen, wo der Präsident gestanden und gesessen hat, um dann Fotos zu machen“, sagt Ali, der eine Schirmmütze mit Obama-Emblem trägt. „Sein Besuch bedeutet eine ganz neue Dimension für uns.“

„Jeder Präsident hat anfangs versichert, ihm liege die Hauptstadt am Herzen“

Im hinteren Teil des Lokals beendet eine Gruppe schwarzer älterer Männer ihre Mittagsmahlzeit. Milton Wynder isst seinen Chilidog schon seit Jahrzehnten bei „Ben's“. Er kann sich noch genau erinnern, wie die U Street nach der Ermordung von Martin Luther King zum Epizentrum der Rassenunruhen in Washington wurde. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis das Viertel sich erholte, das in den siebziger und achtziger Jahren berüchtigt für seine Rauschgiftszene war. Mittlerweile ist das „Ben's“ wieder umgeben von Clubs, Cafés und Restaurants. Der U-Street-Korridor zählt zu den Trendvierteln der Hauptstadt. „Es hat sich ziemlich viel verändert“, sagt Milton Wynder nachdenklich. Aber er glaubt nicht, dass mit dem Wechsel zu Obama auch eine neue Ära in den Beziehungen zwischen Washington und Weißem Haus beginnt. „Jeder Präsident hat anfangs versichert, ihm liege die Hauptstadt am Herzen. Aber passiert ist dann nichts.“ Miltons Kameraden geben sich dagegen überzeugt, mit Obama werde alles anders. Der Besuch bei „Ben's“ sei doch ein vielversprechender Anfang gewesen.

Szenetreff: „Ben's Chili Bowl” auf der U Street in Washington war auch Obama schon einen Ausflug wert.
Szenetreff: „Ben's Chili Bowl” auf der U Street in Washington war auch Obama schon einen Ausflug wert. Bild: AFP

Wie so viele Politikerfamilien wollten auch die Obamas nicht nach Washington ziehen, als Barack Obama in den Senat gewählt wurde. Sobald die Arbeit in Washington getan war, flog der Senator zurück nach Chicago. Umso mehr beteuern der Präsident und First Lady Michelle Obama nun, sie wollten „gute Nachbarschaft“ zu den rund 580.000 Hauptstädtern pflegen. Symbolkräftig untermauert haben sie dies durch den „Nachbarschaftsball“, den Obama ins Festprogramm zur Amtseinführung aufnahm. Vor den Mitbürgern absolvierte das Präsidentenpaar den ersten Tanz des Abends.

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Politische Barrieren, ethnische Trennlinien

Die neuen Bewohner der Pennsylvania Avenue 1600 erleben ein Washington, das sich in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt hat. Das Klischee von der langweiligen, überwiegend weißen Politiker- und Bürokratenenklave inmitten einer schwarzen, verarmten Innenstadt stimmt längst nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Durch die Revitalisierung von Vierteln wie dem um die U Street sind junge Berufstätige, Weiße wie Schwarze, zum Arbeiten und zum Ausgehen nach Washington gekommen. Zugleich zogen etliche schwarze Familien in die Vororte.

Mit einem Anteil von 56 Prozent überwiegt weiterhin die schwarze Bevölkerung. Aber der Anteil der Weißen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. In anderer Hinsicht bleibt Washington allerdings eine stark segregierte Stadt. Junge Demokraten treffen sich in Stadtvierteln wie Dupont Circle, Adams Morgan oder eben U Street auf einen Drink, während einflussreiche Konservative den Vorort McLean in Virginia zu ihrer Bastion erkoren haben. Zu den politischen Barrieren kommen die sozioökonomischen und ethnischen Trennlinien. Im Nordwesten liegt der „weiße“, wohlhabende Vorort Potomac. Viele Bewohner fühlen sich dort so sicher, dass sie nicht einmal die Haustür abschließen. Im Südosten der Hauptstadt, im überwiegend von Schwarzen bewohnten Anacostia, ist die Kriminalität dagegen so hoch, dass alle High Schools mit Metalldetektoren ausgerüstet sind.

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Der „Obama-Effekt“

Demonstrativ offen und einladend präsentiert sich dagegen „THEARC“, ein 2005 eröffnetes Sozial- und Kulturzentrum in Anacostia. Unter dem Dach des hellen, modernen Gebäudes hat man Einrichtungen zur medizinischen und sozialen Versorgung mit einem umfangreichen Bildungs- und Kulturangebot vereint. Im Sommer 2007 kam Barack Obama für einen Wahlkampfauftritt, bei dem er sich als Anwalt der Armen empfahl. Anacostia ist der richtige Ort dafür. Jedes zweite Kind in dem Viertel lebt unterhalb der Armutsgrenze. „Solches Elend und solche Hoffnungslosigkeit dürfen wir nicht zulassen“, forderte Obama.

Edmund Fleet, der Leiter des „Town Hall Education, Art & Recreation Campus“ ist zuversichtlich, dass Obama seinen Worten Taten folgen lässt. „Zu uns ist noch nie ein Präsidentschaftskandidat gekommen, und in Chicago hat Obama gezeigt, dass er bereit ist, die Probleme der amerikanischen Innenstädte anzupacken.“ Mindestens ebenso wichtig sei, dass Obama Identifikationsfigur für Schwarze in sozialen Brennpunkten wie Anacostia sei. „Der Präsident gibt ihnen das Gefühl, es schaffen zu können.“ Ryana, eine schwarze, alleinerziehende Mutter aus dem Nordosten Washingtons, sieht den „Obama-Effekt“ bereits bei jungen Männern in ihrem Bekanntenkreis. „Sie bemühen sich stärker, einen Job zu finden, und kümmern sich mehr um ihre Kinder“, schildert die Zweiundzwanzigjährige. „Hoffentlich gibt es bald auch weniger Kriminalität.“ Mehrere von Ryanas Bekannten sind bei Schießereien ums Leben gekommen.

Staatlichen Schulen der Hauptstadt die schlechtesten im Land

Die Zahl der Gewaltverbrechen, die Washington in den neunziger Jahren den unrühmlichen Titel der „Mord-Hauptstadt“ eintrugen, ist seit den neunziger Jahren deutlich zurückgegangen. Mit großer Sorge beobachtet die Polizei jedoch, dass die Mordverdächtigen immer jünger sind. Ein weiteres, düsteres Kapitel ist das Thema Bildung. Die staatlichen Schulen in der Hauptstadt zählen zu den schlechtesten im Land; mehr als ein Drittel der erwachsenen Hauptstadtbewohner haben so wenig Lesen und Schreiben gelernt, dass es nicht für den Alltag reicht.

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Deshalb hatten auch nicht wirklich viele erwartet, dass die Obamas ihre Töchter Sasha und Maila in Washington auf eine staatliche Schule schicken würden. Ein entscheidendes Signal würde der Präsident jedoch senden, sollte er der Washingtoner Schuldezernentin Michelle Rhee Rückendeckung für ihre rigorosen Reformpläne geben. Frau Rhee will Lehrer an staatlichen Schulen durch innovative Anstellungsverträge zu mehr Leistung anspornen - ein Vorhaben, gegen das die Lehrergewerkschaft Sturm läuft, die Obama im Wahlkampf massiv unterstützte. Für die Verwirklichung ihrer Pläne ist die Schuldezernentin auf den Kongress und den Präsidenten angewiesen. Denn der Sonderstatus der amerikanischen Hauptstadt bringt es mit sich, dass ihr Budget vom Bundesparlament gebilligt und das entsprechende Haushaltsgesetz vom Präsidenten unterzeichnet werden muss.

Weniger Rechte für Hauptstädter

Seit mehr als zwei Jahrhunderten leben die Amerikaner mit dem Paradox, dass ausgerechnet die Bürger im politischen Zentrum ihres Landes weniger demokratische Rechte haben. Das hat historische Gründe. Der „District of Columbia“ (D.C.), wie die Hauptstadt offiziell heißt, sollte als Regierungs- und Parlamentssitz neutrales Gebiet sein, unabhängig vom Einfluss der Einzelstaaten. Doch die Washingtoner fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse. Sie zahlen mit die höchsten Bundessteuern und sind allen Bundesgesetzen unterworfen. Aber sie dürfen keinen Vertreter in den Senat wählen, und die Delegierte von D.C. im Repräsentantenhaus, Eleanor Holmes Norton, hat nur in Ausschüssen, nicht jedoch im Plenum Stimmrecht. Unlängst hat die Demokratin, unterstützt vom unabhängigen Senator Lieberman und dem republikanischen Senator Orrin Hatch, einen Gesetzesvorschlag eingebracht, Washington einen vollberechtigten Vertreter im Repräsentantenhaus zuzugestehen. Ähnliche - erfolglose - Anläufe hatte Frau Norton schon früher unternommen.

„Dieses Mal wird es mit Fürsprache von Präsident Obama hoffentlich klappen“, sagt der Lokalpolitiker Michael Brown. Der 43 Jahre alte, schwarze Jurist, der Obama im Wahlkampf unterstützte, sitzt als Unabhängiger im Stadtrat von Washington. Den Kampf um mehr politische Teilhabe betrachten er und etliche andere Hauptstädter als Test dafür, wie sehr sich der Präsident tatsächlich für seine neue Heimatstadt engagiert und sich selbst treu bleibt. „In der vergangenen Legislaturperiode“, sagt Brown, „gehörte Senator Obama zu jenen, die sich dafür eingesetzt haben, dass wir im Repräsentantenhaus volles Stimmrecht bekommen.“

Quelle: F.A.Z.
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