Präsidentschaftswahlkampf

Amerika im Jugendwahn

Von Katja Gelinsky
03.11.2008
, 13:41
Jenseits der Lebensmitte: Cindy und John McCain, 54 und 72 Jahre alt
Falls John McCain an diesem Dienstag siegt, wäre er bei Amtsantritt der älteste Präsident der Vereinigten Staaten. Dort gilt Jugend als Vorzug, Alter als Bürde - deshalb spürt jeder den Zwang, sich immer wieder neu zu erfinden.
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New York: Cindy McCain posiert auf einer Chaiselongue am Pool. Ihr langes, blondes Haar weht im Wind. Für den Fototermin mit der Zeitschrift „Vogue“ trägt sie einen hellen, eleganten Pullover und enge Jeans von „Lucky Brand“, einer Marke, die auch von Hollywoodstars wie Gwyneth Paltrow und Hilary Swank geschätzt wird. Cindy McCain hat Jeansgröße 25, erfährt man in dem „Vogue“-Porträt. Gewöhnlich laufen junge Mädchen in Hosen dieser Konfektionsgröße herum. Cindy McCain feierte im Mai ihren 54. Geburtstag. Die perfekte First Lady, schwärmen ihre Bewunderer. Eine Anziehpuppe mit festgefrorenem Lächeln, behaupten Kritiker. Zu viel Make-up und zu viel Haarspray, um die frühere Schönheit zu konservieren.

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Als Cindy McCain von dem 42 Jahre alten Vietnamveteranen John McCain umschwärmt wurde, war sie 24 Jahre alt - drei Jahre jünger als Paris Hilton. Als „runzeligen, weißhaarigen Kerl“ hat das It-Girl den republikanischen Präsidentschaftsbewerber in einem Video verspottet. Mit 72 Jahren wäre McCain der bislang älteste für eine erste Amtszeit gewählte amerikanische Präsident.

„Mehr Narben als Frankenstein“

Und das ausgerechnet bei einem Rivalen, der wie ein junger Gott verehrt wird. Da heißt es Humor bewahren: „Ich bin steinalt und habe mehr Narben als Frankenstein“, ulkt McCain. Trotzdem wollte ein Schüler auf einer Wahlkampfveranstaltung wissen: „Machen Sie sich manchmal Gedanken, ob Sie vielleicht im Amt sterben oder an Alzheimer erkranken könnten?“ McCains Antwort darauf: „Danke für die Frage, du kleiner Idiot.“

Deutlich näher an der Lebensmitte: Michelle und Barack Obama, 44 und 47 Jahre alt
Deutlich näher an der Lebensmitte: Michelle und Barack Obama, 44 und 47 Jahre alt Bild: AP

Aussehen und Alter spielen im Wahlkampf zweifellos eine wichtige Rolle. So sehr, dass Michelle Obama befürchtet, die politische Statur ihres Mannes könne darunter leiden. „Stimmen Sie nicht deshalb für Barack, weil Sie denken, dass er süß ist, oder weil Ihnen sein Lächeln gefällt“, mahnte sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Ebony“. Doch ganz generell wird Jugend als Vorzug und Alter als Bürde betrachtet. „Im Gegensatz zu Sexismus und Rassismus gilt die Diskriminierung älterer Menschen als gesellschaftlich völlig akzeptabel“, sagt der Geschichtsprofessor Andrew Achenbaum, Fachmann für historische Altersforschung an der University of Houston. „Die zahlreichen Wahlkampfwitze über McCains Alter sind ein perfektes Beispiel dafür.“

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Der kräftige Wille, jung zu bleiben

In der Debatte darüber, ob jemand jenseits der Siebzig noch Präsident werden kann, tritt eine paradoxe Einstellung der Amerikaner zutage: Alter wird akzeptiert unter der Prämisse, dass man sich nach Kräften bemüht, jung zu bleiben. „Andy Pearson, der frühere Präsident von Pepsi, hat sich mit Begeisterung von seinen Enkeln Rap-Texte erklären lassen“, lobt der frühere Spitzenmanager Jack Welch in seiner Kolumne für das Wirtschaftsmagazin „Business Week“. Alter sei „ziemlich wertlos“, wenn es nicht begleitet werde von „dem Willen, ja von dem Verlangen nach Änderung“, behauptet Welch.

Tatsächlich wird jedoch alles darangesetzt, Veränderungen zu verhindern, die das Alter zwangsläufig mit sich bringt. Wenn Seniorensiedlungen in den Vereinigten Staaten als „active adult communities“ (Gemeinden aktiver Erwachsener) angepriesen werden, ist das nicht nur ein Euphemismus. Denn die Babyboomer, die bald in Rente gehen, fühlen sich nicht alt. Achenbaum führt dies auf die Prägung seiner Generation durch die Aufbruchstimmung und den Wandel in den sechziger Jahren zurück. „Wir Babyboomer fahren fort, uns zu erneuern.“ Der Historiker selbst will noch mindestens zwölf Jahre an der Universität bleiben. Dann ist er immerhin bereits 72.

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Keine Sonntagsspaziergänge

Generell gehört das Streben nach Neuem, die Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen und der Gedanke der Verjüngung zu den Grundpfeilern amerikanischen Selbstverständnisses. In der Bereitschaft und dem Anspruch, immer wieder aufzubrechen, lebt der Mythos der Frontier-Erfahrung fort, des Aufbruchs ins Ungewisse. Auch Religion spielt dabei nach Überzeugung von Carole Marks, einer Aktivistin für die Belange älterer Menschen, eine entscheidende Rolle. „Der evangelikale Protestantismus mit seiner Forderung nach Selbstverbesserung und Weiterentwicklung hat maßgeblich zum gegenwärtigen Jugendkult beigetragen“, lautet Marks kontroverse These.

Im amerikanischen Alltag zeigt sich der Drang zur Jugendlichkeit schon in der Art und Weise der Fortbewegung: Die Amerikaner machen keine Sonntagsspaziergänge. Wenn sie in ihrer Freizeit zu Fuß gehen, dann wandern oder klettern sie. Wie John McCain, der mit seinen Söhnen den Grand Canyon durchquert. Auch beim Radfahren geht es vielfach um körperliche Ertüchtigung. Entweder man hält es mit George Bush und verausgabt sich auf dem Mountainbike, oder man stärkt Herz, Kreislauf und Muskeln auf dem Rennrad. Gewiss wird Fitness nicht überall und in allen Bevölkerungsschichten gleich groß geschrieben. Doch selbst der letzte noch lebende Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, Frank Woodruff Buckles aus West Virginia, macht im gesegneten Alter von 107 Jahren täglich Hanteltraining.

2,8 Millionen Botoxinjektionen

Buckles kehrte damals unverletzt aus dem Krieg zurück. Doch in amerikanischen Hospitälern lagen Tausende amerikanischer Soldaten, viele mit fürchterlichen Gesichtsverletzungen. Operationen, durch die entstellte Soldaten „ihr Gesicht“ zurückerhalten sollten, markieren den Beginn der modernen plastischen Chirurgie in den Vereinigten Staaten. Seitdem zählt die rekonstruktive und ästhetische Medizin dort zu einem der größten und am schnellsten wachsenden medizinischen Spezialgebiete. Die Zahl der Amerikanerinnen, die sich die Gesichtshaut straffen, den Busen vergrößern, das Fett an Bauch und Oberschenkeln absaugen lassen, ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 450 Prozent gestiegen.

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2007 wurden in den Vereinigten Staaten 11,7 Millionen medizinische Kosmetikbehandlungen vorgenommen, so der Dachverband der Schönheitschirurgen „American Society for Aesthetic Plastic Surgery“. Am populärsten sind Botoxinjektionen: Voriges Jahr wurde das Nervengift, mit dem sich Gesichtsfalten glätten lassen, 2,8 Millionen Mal gespritzt - ein Anstieg von mehr als 80 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Die Gesichtsverjüngung ist natürlich nicht von Dauer, sondern muss alle paar Monate wiederholt werden. Medizinische Schönheitsbehandlungen werden damit ähnlich selbstverständlich wie der Friseurbesuch.

Tränensäcke schlecht für Karriere

Doch nicht nur aus Eitelkeit begeben sich immer mehr amerikanische Frauen - und zunehmend auch Männer - zum Schönheitschirurgen. Wie schon damals bei den Kriegsheimkehrern, denen man mit der Wiederherstellung ihrer Gesichter die Suche nach Arbeit erleichtern wollte, spielt inzwischen auch die „Ökonomie des Aussehens“ eine Rolle. Falten und Tränensäcke könne man sich heutzutage nicht mehr im Beruf leisten, meinen viele Amerikanerinnen. Schließlich hat mehr Erfolg, wer jung und hübsch ist.

Darin ist auch Lisa sich sicher. Die Vierzigjährige aus dem noblen Washingtoner Vorort Potomac verwöhnt reiche Kundinnen in einem Schönheitssalon. Sie selbst sei aber eher „der natürliche Typ“. Das hinderte Lisa allerdings nicht, sich erst die Brust vergrößern, dann die Lippen mit Collagen auffüllen und vor kurzem die Stirnfalte mit Botox wegspritzen zu lassen. Man sollte meinen, dass Frauen wie Bree Walker sich diesem Trend entgegenstemmen. Die 1953 geborene Moderatorin, Journalistin und Schauspielerin gilt als Ikone für den offenen Umgang mit Behinderungen. Durch eine angeborene Fehlbildung (Ektrodaktylie) sind ihre Finger und Zehen verkümmert. Im Fernsehen hat sich Walker demonstrativ zu ihrer Behinderung bekannt. Zum Beispiel in einer Episode von „Nip/Tuck - Schönheit hat ihren Preis“, einer Fernsehserie, in der satirisch-deftig das Leben von zwei Schönheitschirurgen karikiert wird.

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Drastisches Facelifting

Paradoxerweise begab sich die Aktivistin jedoch im richtigen Leben selbst unters Skalpell. Um die Spuren ihres Alters zu kaschieren, hat Walker sich einem drastischen Facelifting unterzogen. Ihr einst schönes und lebhaftes Gesicht gleicht seitdem einer Maske. Mehr noch als ihr Anblick verstört, dass die Vorkämpferin für das Bekenntnis zu Behinderungen damit selbst zum Opfer des Jugend- und Schönheitskults geworden ist. Doch wahrscheinlich empfindet sie es gar nicht so. Denn Schönheitsoperationen werden als Instrumente individueller Persönlichkeitsentfaltung und -gestaltung vermarktet und angenommen. „Self-Improvement“ und „Self-Empowerment“ lauten die Zauberworte.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass es in Wahrheit um Flucht geht: vor der eigenen Unzulänglichkeit und Vergänglichkeit. Über den dadurch entstandenen Kollektivschaden schreibt die Geschichtsprofessorin Elizabeth Hailen, der Boom von Schönheitsoperationen habe eine „Kultur des Narzissmus“ produziert, in der gesellschaftspolitische Probleme ignoriert würden. „Gemeinsam haben Schönheitschirurgen und Patienten das Bild geformt, dass Gesichtsstraffungen eine vernünftige, praktische und relativ einfache Lösung für das gesellschaftliche Problem des Altwerden sind“, schreibt sie in ihrem historischen Abriss zur Schönheitschirurgie „Venus Envy“.

Deutsche denken anders

Wer nicht mitmacht, hat also selbst Schuld, wenn er alt aussieht. „Amerikaner denken, dass sie die Verantwortung tragen, wenn sie eine negative Einstellung haben und nicht erfolgreich altern“, sagt die Psychologieprofessorin Jasmin Tamahseb McConatha, die ländervergleichende Forschung zum Thema Altern betreibt. Deutsche dächten anders. „Sie haben das Gefühl, der Staat oder das Schicksal sind mitentscheidend dafür, was aus ihnen wird.“ Die Deutschen hätten zwar eine negativere Einstellung zum Alter als Amerikaner. „Aber dafür scheinen sie den Alterungsprozess realistischer zu sehen“, sagt McConatha, die in der Nähe von Philadelphia an der West Chester University of Pennsylvania lehrt. Amerikaner dagegen neigten dazu, das eigene Altern zu leugnen. Wer nur entschieden genug kämpfe, so die trügerische Überzeugung, der bleibt jung.

Quelle: F.A.S.
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