TV-Duell Obama-McCain

„Die Sache ist gelaufen“

Von Matthias Rüb, Washington
16.10.2008
, 16:42
Beinahe hätte McCain den falschen Ausgang genommen - den Rückstand auf Obama kann er wohl nicht mehr wettmachen
In der dritten und letzten Fernsehdebatte mit Barack Obama lief John McCain zur Höchstform auf, aber für einen Punktsieg reichte es trotzdem nicht. Die Sache sei gelaufen, sagen selbst konservative Kommentatoren. Doch für den zähen Kämpfer McCain kann es keinen besseren Ansporn geben.
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Das dritte direkte Aufeinandertreffen vor den Fernsehkameras war mit einigem Abstand das beste, zumal für John McCain, und das wegen zweier Formulierungen und natürlich wegen „Joe, dem Klempner“. Aber weil Barack Obama auch beim letzten Rededuell jederzeit die Ruhe bewahrte, sachlich und fast schon präsidial seinen Standpunkt erläuterte und keinen Fehler machte, stieg er nach eineinhalb Stunden unterhaltsamen und erhellenden Schlagabtauschs an der kleinen Hofstra-Universität auf Long Island nahe New York abermals als Sieger aus dem Ring.

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Von den zwei denkwürdigen Formulierungen McCains war eine gewollt und die andere nicht. Gegen Obamas seit Monaten angewandte Taktik, ihn zum politischen Klon von Präsident George W. Bush zu erklären, der vier oder gar acht Jahre einer gescheiterten Politik fortsetzen werde, wandte McCain ein: „Ich bin nicht Präsident Bush. Wenn Sie gegen ihn hätten antreten wollen, hätten Sie das vor vier Jahren tun sollen.“ Man darf sicher sein, diesen gewiss gut einstudierten Satz McCains in den letzten knapp drei Wochen vor der Wahl noch öfter von ihm zu hören.

McCains Freudsche Fehlleistung

Der zweite Merksatz war ein Versprecher: McCain sprach von seinem Herausforderer als „Senator Government“, also „Senator Regierung“, ehe er sich verbesserte und „Senator Obama“ sagte. Tatsächlich aber hatte McCain genau das im Sinn, was die Freudsche Fehlleistung offenbarte: Obama als einen ganz und gar unoriginellen und orthodoxen Vertreter des linken Flügels der Demokratischen Partei hinzustellen, der bei allen kleinen und großen Problemen nach der Regierung und nach mehr Steuern ruft.

Amerika
Der letzte Schlagabtausch
© reuters, reuters

Und darüber, ob das der richtige Weg aus der Krise ist, soll nun am 4. November eben „Joe, der Klempner“ entscheiden, um den es in der Debatte gleich mehrfach ging. Der Mann ist keine Erfindung, sondern der wirkliche Klempner Joe Wurzelbacher aus Toledo in Ohio. Der will sich gerne selbständig machen und hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung Obamas seine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, der demokratische Präsidentschaftskandidat werde im Falle von dessen Wahl ins Weiße Haus die Steuern erhöhen.

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„Sie wollen Joe, dem Klempner, und Millionen anderen Amerikanern höhere Steuern auferlegen“, sagte McCain gleich zu Beginn der vom CBS-Chefkorrespondenten Bob Schieffer sehr gut moderierten Debatte zu Obama. „Und das wird diese daran hindern, ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen und ihr eigenes Geschäft zu führen.“ Kristallklar wollte McCain die Unterschiede zwischen seiner konservativen Weltanschauung und den linken Ansichten Obamas darstellen, und das ist ihm nach Ansicht der meisten Fachleute auch gelungen.

„Joe, der Klempner“ spielt eine zentrale Rolle

Er wolle keine höheren Steuern für niemanden, versicherte McCain, schon gar nicht in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise; die Steuerbelastung der Unternehmen sei viel zu hoch, um Investitionskapital fließen und neue Jobs entstehen zu lassen. Obama aber wolle zum Klassenkampf blasen und mit Eingriffen der Regierung den Wohlstand umverteilen. Dagegen McCains Botschaft: Gerade jetzt keine höheren Steuern und niemandem dessen hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen, schon gar nicht „Joe, dem Klempner“.

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Das gleiche Argumentationsmuster wiederholte sich beim Streit über die Reform des Gesundheitswesens. Obama wolle Unternehmer bestrafen, sollten diese ihren Angestellten keinen Versicherungsschutz anbieten, sagte McCain, der in der Sache hart argumentierte, aber nicht ganz so zornig wirkte wie bei den beiden vorangegangenen Debatten. Wieder biete sein demokratischer Herausforderer als Lösung eine neue Regierungsbürokratie an, um möglichst vielen der 47 Millionen Amerikaner, die derzeit keine Krankenversicherung haben, den Weg in den Versicherungsschutz zu ebnen, geißelte McCain. Und sein Gegenkonzept seien auszahlbare Steuernachlässe für alle, damit jeder derzeit Unversicherte sich auf dem möglichst freien Markt eine Krankenversicherung eigener Wahl aussuchen könne.

Freilich gelang es auch Obama, der sich zwar in die Defensive gedrängt sah und wie üblich etwas zu professoral und zu wenig leidenschaftlich auftrat, McCains Angriffe als vorsätzliche Verdrehungen seiner wirklichen Reformvorschläge zu entkräften. 95 Prozent der Amerikaner würden gemäß seinen Plänen gerade weniger Steuern zahlen. Allenfalls müssten die Superreichen - „wie zum Beispiel mein Freund und Unterstützer Warren Buffett“, so Obama - mit einer höheren Steuerlast rechnen, und natürlich auch die Ölkonzerne, die bekanntlich Rekordgewinne erzielt hätten und von den Republikanern um Bush und McCain dazu noch mit Steuergeschenken verhätschelt worden seien.

„Zu hundert Prozent negativ“

Auch bei der Reform des Gesundheitswesens gehe es gerade nicht darum, eine umfassende neue Bürokratie zu schaffen, versicherte Obama. Wer mit seinem gegenwärtigen Versicherungsschutz zufrieden sei, könne diesen behalten. Kleinunternehmer wie der am Mittwochabend ein ums andere Mal zum Kronzeugen für Amerikas Mittelklasse herbeizitierte „Joe, der Klempner“ müssten gerade keine Strafe zahlen, wenn sie ihren Angestellten keinen Arbeitgeberanteil für den Versicherungsschutz bieten könnten. Vielmehr sollten sie mit Steuernachlässen dazu ermuntert werden.

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Bezeichnend war, dass die Außen- und Sicherheitspolitik in der Debatte allenfalls beiläufig erwähnt wurde. Es war dann jeweils McCain, der Obama gefährliche Blauäugigkeit im Umgang mit Diktatoren wie dem Venezolaner Hugo Chávez vorhielt und den demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten Joseph Biden für Fehlurteile kritisierte. Dafür gab es einen ausführlichen Schlagabtausch darüber, welcher der beiden Kandidaten sich mit mehr negativen Wahlwerbespots im Fernsehen stärker hervorgetan habe als der andere.

McCain warf Obama vor, dieser gebe so viel Geld wie noch nie in der Geschichte des amerikanischen Wahlkampfes aus, um ihn anzuschwärzen. Und anschließend schwärzte McCain seinerseits Obama an wegen dessen Beziehung zum einstigen Vietnamkriegsgegner William Ayers, der in den sechziger Jahren die radikale, gewalttätige Organisation „Weather Underground“ mitgegründet hatte. Obama wies wie üblich die Anschuldigung zurück und warf McCain seinerseits vor, dessen Wahlwerbespots seien „zu hundert Prozent negativ“, was nichts anderes als ein Verzweiflungsmanöver zur Ablenkung von jenen wichtigen Wirtschaftsproblemen sei, um welche es den Amerikanern wirklich gehe.

58 Prozent sehen Obama als Sieger

McCain, so waren sich linke wie rechte Beobachter der Debatte einig, hat mit einem starken Schlussauftritt bei den drei Fernsehdebatten getan, was er tun konnte. Er vermochte die konservative Basis abermals zu mobilisieren, auch mit seinem eindeutigen Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens in der Debatte über die Abtreibung. Doch bei den Wechselwählern der unteren Mittelklasse hat McCain die Trendwende noch lange nicht erreicht. Es war wiederum der 47 Jahre junge Obama, der aus seiner Position des in allen Umfragen allmählich komfortabel Führenden heraus präsidiale Ruhe und Stärke ausstrahlte, während der 72 Jahre alte McCain mit jugendlichem Ungestüm gegen einen vor seinen Augen in den Krisenhimmel wachsenden Rückstand anrannte.

Bei einer Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN kurz nach Debattenende äußerten 58 Prozent der Befragten die Ansicht, Obama habe die Diskussion für sich entschieden; 31 Prozent sahen McCain als Sieger. Noch ehe die Zahlen bekannt wurden gab der konservative Kolumnist Charles Krauthammer beim Sender „Fox News“ eine rabenschwarze Prognose für die Republikaner ab: Die Sache sei gelaufen, Obama werde die Wahl gewinnen. Doch für den zähen Kämpfer McCain, der schon bei manchem vermeintlich verlorenen Rennen dann doch noch als erster über die Ziellinie kam, kann es keinen besseren Ansporn geben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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