Wahlkampf in Amerika

Weil ich Schuhe liebe

Von Katja Gelinsky, Washington
19.10.2008
, 14:35
Buchvorstellung im Bett: Meghan McCain im September in einem Hotel in Los Angeles
John McCains Tochter Meghan legt sich für ihren Dad ins Zeug - wie einst die fünf Jahre ältere ehemalige First Daughter Chelsea Clinton. Ihr Stil aber ist völlig anders: unorthodox und mit Mut fürs Banale.

„Ein politisches Amt? Oh, mein Gott, niemals!“ Da ist sich Meghan McCain mit Chelsea Clinton einig. Trotzdem hat sich Meghan, die 23 Jahre alte Tochter von John McCain, entschieden, kräftig in Amerikas Wahlkampf mitzumischen. Wie die fünf Jahre ältere ehemalige First Daughter Chelsea - und doch ganz anders.

Chelsea, die gescheite Mustertochter, unterstützte Hillary Clinton im Rennen gegen Barack Obama, indem sie bei Wahlkampfauftritten souverän die politischen Positionen ihrer Mutter verfocht, von der Gesundheitspolitik bis zum Irak-Krieg. Journalisten allerdings bissen bei ihr auf Granit. „Ich rede nicht mit der Presse“, wehrte Chelsea selbst ein neun Jahre altes Mädchen von einer Schülerzeitung ab. Meghan McCain dagegen lässt Journalisten sogar in ihren Kühlschrank schauen: ein paar Dosen Bier und zwölf Becher mit Wackelpudding.

Eigenwillig und nonkonformistisch

Die Tür zum Schlafzimmer bleibt aber zu. Mit Meghans Liebesleben ist ohnehin nicht viel los, seit sie mit Papa auf Wahlkampftour ist. Ein einziges „Date“ hat Meghan seitdem gehabt, und das beendete sie frühzeitig unter dem durchsichtigen Vorwand, sie habe Kopfschmerzen. Als Tochter eines republikanischen Senators habe man es mit den Männern sowieso schwer, klagte Meghan unlängst in einem Interview für die Männer-Lifestyle-Zeitschrift „GQ“. Investmentbanker seien die Einzigen, die sich trauten.

Selbstbewusst an der Seite ihres Vaters
Selbstbewusst an der Seite ihres Vaters Bild: AFP

Und ausgerechnet diese kann Meghan, die früher am liebsten mit tätowierten Jungs ausging und Obama „sexy“ findet, nicht leiden. Sie selbst hat sich einen kleinen Stern auf den rechten Fuß tätowieren lassen. Eine zweite Tätowierung soll bald dazukommen: „Zum Gedenken an die Präsidentschaftskampagne.“ Vielleicht „McCain“ in altenglischen Lettern genau über dem Gesäß.

Meghan McCain gibt sich eigenwillig, nonkonformistisch - und passt damit genau ins Bild: Noch ein „Maverick“ - als Unangepasste präsentieren sich auch ihr Vater und Vizekandidatin Sarah Palin. Ganz „Daddy's girl“, sagt Mutter Cindy McCain, die sich für manchen Geschmack zu eifrig bemüht, das Idealbild der First Lady zu verkörpern. Meghan will nur sie selbst sein: „Ich habe meine eigene Persönlichkeit, und ich bin echt.“ Die Kandidatentochter, die doch auf eine katholische Mädchenschule ging, schwärmt für Lieder des ermordeten Gangsta-Rappers Tupac Shakur und für die Edelstripperin und Dessousdesignerin Dita von Teese. Ins Modefach will Meghan, die einen Bachelor-Abschluss in Kunstgeschichte hat, vielleicht auch gehen, wenn die Wahl gelaufen ist. Eine Kollektion für füllige Frauen würde sie gern kreieren.

2004 stimmte sie gegen George Bush

Ihre eigenen Kurven präsentiert die Blondine im Wahlkampf selbstbewusst in figurbetonter Garderobe, zu der sie mit Vorliebe High Heels oder Stiefel trägt, deren Schäfte bis über die Knie reichen. Bilder von Meghan im Wahlkampf kann man in ihrem Internetblog „McCainBlogette“ anschauen. Unter dem Motto „Grübeleien und Popkultur auf der Wahlkampftour“ versorgt die Kandidatentochter die Internetgemeinde mit Fotos und Videos von der Kampagne ihres Vaters. Dazu gibt es Listen von Liedern, die sie in ihrem iPod hat, und Textschnipsel, wie spaßig das Rennen auf das Weiße Haus ist. Das Blogkonzept ist neu, entspricht aber dem Drehbuch für Präsidentschaftskampagnen, das den Kindern der Kandidaten die Rolle von Cheerleadern zuweist. Alle sind „wunderbar“: die Wähler, das Wahlkampfteam und vor allem „Dad“, auf den Meghan unglaublich stolz ist.

Mit ihrem Blog will Meghan die Amerikaner hinter die Kulissen schauen lassen. Aber was man zu sehen bekommt, sind viele und vielfach langweilige Bilder der McCain-Mannschaft auf dem Weg zum nächsten Auftritt. Und Meghan McCains „Grübeleien“ reichen nicht tiefer als bis zu den Schuhen von Henry Kissinger, die sie für ihren Blog ablichten ließ. „Weil ich Schuhe liebe, und wer will nicht wissen, was für Schuhe Dr. Kissinger trägt?“

Die Älteste unter den vier Kindern, die John und Cindy McCain gemeinsam haben, war schon im Wahlkampf dabei, bevor sie laufen oder sprechen lernte. 2004 stimmte sie für George W. Bushs demokratischen Herausforderer John Kerry. Beinah hätte sie sich auch noch als Demokratin registrieren lassen, „um rebellisch zu sein“, begnügte sich dann aber mit der Eintragung als parteilich nicht gebundene Wählerin. Im Juni wechselte sie dann zu den Republikanern. Als Vatertagsgeschenk für „Dad“.

Nicht immer auf Linie der Republikaner

Dennoch wurden manche Berater McCains nervös, als sie von Meghans Blogprojekt erfuhren. Denn es ist kein Geheimnis, dass die Tochter in gesellschaftlichen Fragen nicht auf der Linie der Republikaner ist. Meghan sieht darin kein Problem. Sie schreibt einfach nicht über Politik. „Das ist nicht meine Aufgabe, weil ich nicht die Kandidatin bin.“ Dass sie stattdessen Wahlkampf als persönliche Realityshow betreibt, finden manche „erfrischend“. Linke Blogger-Konkurrenten dagegen werfen ihr vor, mit Banalitäten von politischen Inhalten abzulenken. „Subversive Propaganda“ sei das, entrüstet sich der politische Klatschblog „Wonkette“.

Aber Meghan McCain macht auch Wahlkampf auf klassische Art - bis hinein ins Kinderzimmer. In ihrer Bilderbuch-Biographie „My Dad, John McCain“ erfahren schon die Jüngsten, dass es keinen Besseren als ihren Vater für das Präsidentenamt gibt. Das Kinderbuch ist in den Vereinigten Staaten ein Bestseller. Ein weiteres Buch soll folgen, sobald das Rennen entschieden ist. Dann will Meghan satirische Betrachtungen zum Wahlkampf veröffentlichen.

Ob die Familie McCain nach dem 4. November Sinn für Komisches haben wird, ist aber mehr als ungewiss. Am Mittwochabend hatte der Republikaner in der letzten Fernsehdebatte die vermutlich letzte Chance, ernsthafte Zweifel an der Eignung seines Konkurrenten zu säen. McCain mühte sich, ging in die Offensive - und am Ende fanden 58 Prozent, Obama habe gesiegt. Auch in den Umfragen über die Wahlabsichten der Amerikaner liegt der Demokrat jetzt deutlich vor McCain - so „großartig“ dieser als Dad auch sein mag.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot