Rechter Populismus

Immerschlimmerismus

Von Matthias Horx
30.06.2016
, 12:26
Anklage voller Wut: unfähiger Staat, korrupte Politiker, Versager, Nichtskönner.
Alles geht den Bach runter: eine Behauptung, die sich in der öffentlichen Debatte verfestigt. Das nutzt der rechte Populismus – zu einer Rebellion der Gefühle. Ein Gastbeitrag.

Neulich war ich bei einem melancholischen Dinner von Alt-68er-Kulturschaffenden eingeladen. Es gab Carpaccio vom Seehecht, Spargel und atlantischen Lachs vom Bio-markt. Zusammen saßen Journalisten, Verleger, Filmemacher, Schauspieler, Intellektuelle, lauter kluge, liebenswerte Menschen mit hohem moralischen Anspruch. Die Stimmung war düster. Ein Hauch von Zauberberg, von Weimar lag in der Luft. Man klagte zunächst über fehlende Honorare und institutionelle Streichungen, und dann kam die geballte Ladung linker Systemkritik, die sich seit einem halben Jahrhundert kaum verändert zu haben scheint. Die Spaltung zwischen Arm und Reich wird „immer größer“ – kein Wunder, dass die neuen Nazis, die Rechtspopulisten, sich vermehren wie die Fliegen, sie sind ein Produkt des Neoliberalismus! Die Umwelt wird vernichtet, weil Konzerne die Rohstoffe plündern. Der Staat ist unfähig, die Politiker sind allesamt korrupt, Versager, Nichtskönner. TTIP ist, na klar, eine neue Form des Imperialismus; die Amis haben ihren Einfluss in der Welt verloren, den wollen sie zurück.

Es hätten nur noch einige Wörter wie „Volk“ und „Wut“ gefehlt, um eine lupenreine FPÖ-AfD-Rede zu generieren. Danach sprach man etwas entspannter über mögliche Emigrationsländer wie Südafrika, Costa Rica, Kanada. Und ging dann beim Käse aus dem Perigord und einem vortrefflichen Sauvignon dazu über, zu erörtern, wie man noch eine halbe Million in sinnvolle Immobilienprojekte in Berlin anlegen könnte.

Matthias Horx ist Publizist und Gründer des Zukunftsforschungsinstituts in Frankfurt.
Matthias Horx ist Publizist und Gründer des Zukunftsforschungsinstituts in Frankfurt. Bild: dpa

Das Phänomen, um das es hier geht, ist ein elitärer Pessimismus. Er handelt von der Zukunft oder genauer, von ihrem Verlust. Und er beschränkt sich nicht auf ein kleines Milieu von Gutmenschen. Man muss nur ein beliebiges Magazin aufschlagen oder eine Panik-Talkshow einschalten, um jenem Immerschlimmerismus zu begegnen, mit dem die Zukunft preisgegeben wird. Alles wird immer schlechter, immer gefährlicher. Nirgends ist eine Lösung in Sicht. Dabei ist es eigentlich egal, um welches Thema es geht.

„Heimsuchung“

Im Mai erschien zum Beispiel ein „Spiegel“-Titel mit der religiösen Aufschrift „Heimsuchung“ und der Unterzeile: „Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein!“ Eine leuchtende dämonische Gestalt schlägt im Dunklen auf etwas ein. Gezeichnet wird eine Gesellschaft im Notstand – verbrecherische Banden an jedem Gartentor, Politiker, Behörden, Polizei verharmlosen unaufhörlich. In der Tat sind die Einbrüche in Deutschland in den vergangenen Jahren um fünfzig Prozent gestiegen, was zum großen Teil auf professionelle ausländische Banden zurückgeht. Doch wenn man sich etwas nüchterner damit beschäftigt, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Um die Jahrtausendwende gab es noch viel mehr Einbrüche in Deutschland. Ein Teil des Anstiegs geht auf ein verändertes Meldeverhalten zurück. Die Zahl der Alarmanlagen steigt, auch das trägt dazu bei, dass die registrierten Fälle zunehmen. Ein Einbruch alle drei Minuten, 300.000 Einbrüche im Jahr, das heißt, dass in jeder Wohnung statistisch alle 130 Jahre eingebrochen wird. Meist sind die Schäden gering. Mehr und mehr Leute geben ihr Vermögen in den Banktresor, der Hausrat ist oft versichert.

Ein paar Tage zuvor hatte Sandra Maischberger in ihrer Talkshow zum selben Thema getitelt: „Kann der Staat uns noch schützen?“ Wie immer in den Fragesätzen, die eine Talkshow einleiten, ist die negative Antwort inklusive: Natürlich nicht! Im Hintergrund der Diskussionsrunde stand ein großes Foto mit einem Waffenkäufer in einem Waffenladen. Man kann sich leicht vorstellen, dass am nächsten Tag die Zahl der Waffenkäufe stieg. In der Kognitionspsychologie nennt sich das „Selbst-Priming“. Ein übertriebenes Problem wird zur Ursache einer Scheinlösung, die das Problem verstärkt. Wir starren so lange auf ein Problem, bis es unlösbar erscheint. Dass Waffen gekauft werden, ist wiederum der Beweis dafür, dass das Problem monströs wächst.

Mentale Stoff rechter Bewegung

Das ist der mentale Stoff, aus dem die rechte Bewegung geformt ist: Die Schilderung der Wirklichkeit als gigantisches „Versagen“. Und so dreht sich die Spirale unaufhaltsam nach unten. Die Strukturen des medialen Alarmismus prägen längst den gesamten öffentlichen Diskurs. Da ist zum Beispiel der „Niedergang der deutschen Mittelschicht“: Das ist keine Tatsache, sondern bestenfalls eine Vermutung, und viele seriöse Studien sagen, dass sie eher auf wackeligen Füßen steht. Die deutsche Mittelschicht ist ziemlich stabil. Trotzdem gibt das Thema immer wieder ein warnendes Wirtschaftsfeuilleton oder ein Titelbild ab, auf dem verzweifelte Menschen in der Gosse sitzen. 80 Prozent der Deutschen empfinden sich als Mittelschicht, und 80 Prozent der Deutschen haben Angst vor der Zukunft.

Generation Wutbürger: Die Angst und Ablehnung gegen Migranten wird neu geschürt.
Generation Wutbürger: Die Angst und Ablehnung gegen Migranten wird neu geschürt. Bild: dpa

Oder die „Alterung der Gesellschaft“. Seit Frank Schirrmacher seinen Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ veröffentlichte, hat sich die kollektive Meinung verhärtet, dass in der Tatsache des längeren Lebens ein apokalyptischer Schaden für unsere Gesellschaft entsteht. Überalterung, Vergreisung, Rentenkatastrophe, Generationenkrieg: Das ist verbales Maschinengewehrfeuer. Dass es nicht wenige Sozialforscher gibt, die in der Alterung einen Segen für Kultur und Ökonomie sehen – wen kümmert’s?

Schimpfen über Globalisierung

Oder die Globalisierung: Wie viel Ahnung vom globalen Wandel haben die, die darüber schimpfen? Das Ende des Euros: Es ist noch nicht lange her, dass ein kleines Land namens Griechenland einen derartigen Hysterie-Sturm auslöste, dass der Euro tatsächlich fast gescheitert wäre – und zwar genau daran. Erregungsepidemien schaffen ihre eigenen Realitäten.

Die Debatten sind im Innersten populistisch. Sie verlaufen in einem primitiven Schwarzweißdenken, in ideologischen Dumpfheiten, die wir seit den neunziger Jahren längst zugunsten eines komplexeren Denkniveaus überwunden geglaubt hatten. Die Schauspielerin Maria Schrader sagte neulich in einem Interview: „Wir erleben gerade eine Zwangshysterisierung.“ Und so codiert sich die gesamte Wirklichkeit ins Dunkle um. Familien sind Horte düsterer Vernachlässigung, Städte Brutstätten von Einsamkeit und Mieterhöhungen. Unternehmen beuten ihre Mitarbeiter schlimmer aus, als es Günter Wallraff je aufdecken konnte. In jedem Krankenhaus lauert der Tod, in jedem Schwimmbad der Übergriff islamischer Männer; Elternschaft ist lediglich narzisstische Selbstverwirklichung mit schrecklichen Folgeschäden oder gleich regrettingmotherhood.com.

„Elitärer Pessimismus“

In die anschwellende Gewissheit, dass die Welt ein Pfuhl von Unsicherheit und Ungerechtigkeit ist, treten nun die neuen Rechten mit höhnisch einfachen Botschaften, die sie geschickt mit den Mitteln des Internets verstärken. Erstens: Es ist noch schlimmer, die eigentliche Wahrheit wird unterdrückt! Zweitens: Bei uns wird’s endlich besser, weil wir „Deutsche“ sind.

Schon Alexis de Tocqueville schrieb: „Je freier die Menschen sind, desto mehr versklavt sie die öffentliche Meinung.“

Wann hat der elitäre Pessimismus begonnen, unsere Zukunftsdiskurse zu zerstören? Schwer zu sagen. Vielleicht mit den Hartz-Gesetzen, einer der ersten mutigen Großreformen der Politik, die gerade deshalb, weil sie funktionierten, unentwegt in die ideologischen Raster der Vergangenheit eingepasst wurden („Ungerecht!“, „Soziale Kälte!“). Vielleicht hat auch das Aufkommen des Internets, das jeden Diskurs in eine Reihung von Klicks verwandelt, einen Beitrag dazu geleistet. Vorher gab es jedenfalls noch Debatten, in denen ernsthaft um Zukunftslösungen gerungen wurde: Wie können wir Arbeit erfolgreich flexibilisieren? Wie entwickeln wir Demokratie weiter? Wie gelingt gutes Leben? Heute lauten die Fragen: „Immer mehr Ausbeutung – Arbeitswelt vergiftet?“, „Gift in der Nahrung – werden wir alle krank?“ und „Gestresst und abgebrannt – Volkskrankheit Burnout?“ Suggestive Fragen, auf die es nur resignative Antworten geben kann.

Keine Frage von rechts oder links

Der elitäre Pessimismus ist keine Frage von rechts oder links. Er ist auch weniger eine Frage der Meinungen oder Ideologien, sondern vor allem ein Produktionsprozess für die eigentliche Knappheitsressource der Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit.

Elitärer Pessimismus misst die Welt von einer hohen Warte moralischer Überlegenheit. Und des unbedingten Harmoniebedarfs. Alles soll, bitte schön, perfekt funktionieren. Jedes Problem ist Pars pro Toto das Anzeichen dafür, dass „das ganze System“ versagt. Wenn ein Politiker korrupt ist, heißt das, dass alle Politiker korrupt sind. Wenn ein schrecklicher Mord geschieht, zeigt das, dass die ganze Gesellschaft auseinanderfällt. Soziale Marktwirtschaft? Nur eine Lüge, funktioniert sowieso nicht! Nichts kann Ausnahme sein, Zufall, Abweichung von etwas, was an sich ganz gut funktioniert und was wir in Richtung morgen verbessern können. Für das wir kämpfen, uns engagieren könnten.

Neue Form des Imperialismus? Initiative gegen das Freihandelsabkommen TTIP.
Neue Form des Imperialismus? Initiative gegen das Freihandelsabkommen TTIP. Bild: dpa

Elitärer Pessimismus zerstört das Vertrauen in die Welt und richtet sich gemütlich am Abgrund ein. Negativität erzeugt moralische Selbstgewissheit. Es gibt so etwas wie einen Eitelkeitseffekt des Weltuntergangs, den die Historikerin Eva Horn in ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“ beschreibt. Die Idee der finalen Katastrophe, schreibt Horn, erzeuge eine fiktive Gleichheits- und Gerechtigkeitsvision. In der Apokalypse, die zwangsläufig bevorsteht, verfügen die Deuter des Zusammenbruchs über ein geradezu überirdisches Privileg. Sie können Angst machen und gleichzeitig Rettung verheißen. Nichts ist verführerischer als (angebliches) Weltretten. Das wussten schon die alten Kirchen.

Und genau darauf setzen die Rechten auch. Inzwischen nur viel professioneller. Und, ehrlicherweise: attraktiver.

„Konstruktiver Journalismus“

Eine Hoffnung ist, dass sich der Begriff der Achtsamkeit in den vergangenen Jahren zu einem Gegentrend etabliert hat. Immer mehr Menschen verstehen, dass die von den medialen Angstagenturen vermittelte Wirklichkeit nichts als eine depressive Konstruktion ist. Wenn man den ganzen Wahnsinn abschaltet, die larmoyanten Jammerdiskurse ignoriert, kann man erleben, wie die Wirklichkeit wieder lebendig wird. Wie es plötzlich wieder Verantwortung gibt, Pläne, Dinge, die man tun kann. Schönheit und Liebe.

Eine weitere Hoffnung ist, dass wir allmählich wieder eine echte Mediendebatte bekommen – jenseits der „Lügenpresse“-Rhetorik. Der dänische Fernseh- und Rundfunkchef Ulrik Haagerup hat mit seiner Parole des „Konstruktiven Journalismus“ eine Diskussion um die Zukunft der Medien losgetreten. Er ist einer der wenigen Medienmacher, die die gefährlichen Folgen des Skandal-Alarmismus problematisieren. Und er zieht Konsequenzen: Im dänischen Fernsehen laufen inzwischen Talkshows-Formate, in denen alle gesellschaftlichen Gruppen an einer Lösung für ein bestimmtes Problem arbeiten.

Im Grunde geht es um einen Mangel an Lebendigkeit. Der neue rechte Radikalismus ist das Symptom einer gesellschaftlichen Depression. Eines Fehlens von Vitalität, das einer Fehlevolution unseres Kognitionssystems entspringt. Unser evolutionär entstandenes Hirn ist die flirrende Überkomplexität einer hypermedialen Gesellschaft nicht gewohnt. Es reagiert mit Panikattacken und sich selbst verstärkenden Hysterien. Deren letzte Protuberanz ist der rechte Radikalismus selbst.

Rechts sein heißt heute vital sein – sich plötzlich wieder selbstmächtig zu fühlen in einer Welt, die als finaler Ohnmachtsort erscheint. Rechts sein ist die neue Rebellion der Gefühle.

Wie wird das enden?

Wie wird das alles enden? Vielleicht muss erst ein rechtes Regime ein Land in Europa vollständig ruinieren. Aber sie werden nicht durchkommen. Der neue Rechtsradikalismus wird am Ende scheitern. Das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist nicht Weimar. Die Megatrends wie die Globalisierung, Urbanisierung, Individualisierung, Konnektivität und Pluralisierung lassen sich auf Dauer nicht aufhalten. In einer Welt, in der der vernetzte Urbanismus neue kosmopolitische Struktur-Mehrheiten hervorgebracht hat, haben die „Identitären“ am Ende nur sich selbst als schräge Minderheit anzubieten, als „Szene“ eben. Und so wird sich die Geschichte der Achtundsechziger-Bewegung wiederholen: Radikalisierung, Deutungsmacht, Spaltung, Marginalisierung.

Negativität erzeugt moralische Selbstgewissheit: In ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“ beschreibt die Historikerin Eva Horn so etwas wie einen Eitelkeitseffekt des Weltuntergangs.
Negativität erzeugt moralische Selbstgewissheit: In ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“ beschreibt die Historikerin Eva Horn so etwas wie einen Eitelkeitseffekt des Weltuntergangs. Bild: Friedemann Bieber

Aber auf die Motive und Erfolge der Rechten zu starren ist so falsch, wie sich in einer Beziehungskrise auf das Verhalten des anderen zu fixieren. Schauen wir auf uns selbst! Wie können wir unsere „Future Fitness“ stärken, unseren Kontakt zu dem, was besser werden kann, wiederherstellen?

Die Welt, das ganze Leben, ist komplex. Es gibt nur wenige Eindeutigkeiten in einer vernetzten, globalen Welt, in der Ströme von Ideen, wirtschaftlichen Interessen, kulturellen Einflüssen eindeutige Antworten unmöglich machen. Für denjenigen, der im Lebendigen ist, ist diese Komplexität ein Segen. Sie ist Fülle und Vielfalt. Es ist gut, dass die Welt nicht mehr so einfach ist wie „damals“, als wir früh heirateten, enge Normen hatten und die Gesellschaft in Klassen-Marschordnungen aufgeteilt war. Es ist ein Fortschritt, den wir feiern können und den wir jetzt verteidigen müssen.

Komplexe Welt

Ein vitales Bewusstsein bejaht auch Krisen, weil es in ihnen eine Information sieht, die in die Zukunft führt. Wer noch nie eine Ehe/Liebes-Krise überwunden hat, dessen Beziehung bleibt meistens ziemlich öde.

Wer lebendig ist, vertraut den Beziehungen, die ihn mit der Welt verbinden. Daraus entsteht Zukunft im Sinne eines „Arbeitens am Detail“. Wer im Leben ist, versteht, dass vieles sich selbst organisiert und regeneriert, dass in jedem System Selbstheilungskräfte existieren, die uns tragen. Und dass wir, wenn wir die Komplexität der Welt richtig erkennen, sehr wohl etwas bewegen können.

Immer mehr Menschen verstehen, dass Politiker keine nichtsnutzigen Idioten sind, die man allenfalls im Ton des patzigen Verhörs befragen kann, sondern Leute, die eine schwierige Arbeit machen. In einer Welt, in der jedes gesellschaftliche Problem der genauen Abwägung bedarf. Immer mehr Menschen ahnen, dass die rechten Gröler nur dann weitermarschieren, wenn wir selbst ihnen das Feld der Zukunft räumen.

No pasarán, skandierte man im spanischen Bürgerkrieg. Sie werden nicht durchkommen! Der Kampf ging damals verloren, und die europäische Zivilisation fiel in ein finsteres Tal. Diesmal sind wir stärker. Unsere Waffen sind Ideen, Zuversicht, konstruktive Dialoge, Differenzierung, Neugier, Kreativität, echtes Sein. Sie werden nicht durchkommen, solange wir ihr Spiel nicht mitspielen.

Der Autor ist Publizist und Gründer des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.S.
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