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Nur nach Zigaretten riecht’s nicht mehr

Von MATTHIAS WYSSUWA und DANIEL PILAR (Fotos)

09.05.2019 · Popper, Politik und Mittelfinger: Ein Besuch mit Peer Steinbrück im Haus des früheren Kanzlers Helmut Schmidt.

Fast wirkt es so, als käme Helmut Schmidt gleich wieder nach Hause. Alles nur kurz zur Seite gelegt. Im Arbeitszimmer steht noch die Aktentasche neben dem Schreibtisch und in der Ecke, zusammengeklappt, ein Rollator. Auf einen Zettel neben dem Telefon sind Namen und Nummern gekritzelt. Überall im Haus verteilt Aschenbecher und kleine Boxen, in denen Zigaretten liegen. Nur nach Rauch riecht es nicht mehr. Hier hat sich schon lange niemand mehr eine angesteckt. Es riecht nur noch ein wenig nach warmen Schiffsplanken im Sommer, die Decke ist mit Holzpaneelen verkleidet.

Peer Steinbrück geht zügigen Schrittes hinein in das Haus, er kennt das natürlich alles, vorbei an dem berühmten Schachtisch ins Esszimmer, da steht der Kaffee bereit. Er ist gekommen, um über Schmidt zu sprechen und dessen Haus, das nun besichtigt werden kann, über Schmidt und sich selbst, über Politik und auch über Schach.

Ein kleines Kunstmuseum: Das Haus zeige eben auch, dass Schmidt kein reiner Pragmatiker gewesen sei, sagt Steinbrück. „Man sieht allerdings auch, dass er mit der Moderne des 21. Jahrhunderts nichts mehr im Sinn hatte. Ich übrigens auch nicht.“

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist 2015 gestorben, fünf Jahre nach seiner Frau Hannelore, genannt Loki. Im vergangenen Jahr wäre Schmidt hundert geworden, über Monate wurde das in seiner Heimatstadt gefeiert und gewürdigt. Es gibt eine Fotoausstellung, es gab einen Empfang im Rathaus, einen Festakt in der Elbphilharmonie – und seit kurzem dürfen nun auch Besucher in das Haus, in dem er mehr als 50 Jahre gelebt hatte. Organisiert wird das alles von der „Bundeskanzler Helmut Schmidt Stiftung“, deren Kuratoriumsvorsitzender Steinbrück ist. Ihn verbindet viel mit dem früheren Kanzler. Nicht nur der Schachtisch. Zu all den Jubiläumsveranstaltungen, zu all dem Gedenken hätte Schmidt wohl gesagt, dass man nicht zu viel „Gedöns“ veranstalten solle, sagt er. „Gedacht hätte er: Aber angemessen ist das schon.“

Als Helmut Schmidt mit seiner Frau in das Haus einzog, war er zwar gerade wieder in den Bundestag in Bonn gewählt worden, doch kurz davor, in Hamburg sein erstes wirklich wichtiges Amt zu übernehmen. Anfang 1961, so steht es in einem Buch über das Paar Schmidt von Reiner Lehberger, erfährt er über seine Verbindungen zur Neuen Heimat davon, dass in Langenhorn Häuser gebaut werden. Die Neue Heimat war ein Wohnungsunternehmen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das nach dem Krieg große Wohnsiedlungen hochzog und in Langenhorn eben auch drei Doppelhäuser baute. Ende 1961 ziehen die Schmidts mit ihrer Tochter ein, Neubergerweg 80, und Schmidt wird Innensenator in der Hansestadt. Wenige Monate später sollte er in ganz Deutschland bekannt werden. Da traf Hamburg eine Sturmflut, Schmidt bewies sich als Manager in der Krise. Es war die Grundlage für seine spätere politische Karriere. Aus dem Haus sollten er und seine Frau nie mehr ausziehen. Sie übernahmen irgendwann auch die hintere Hälfte, das Nachbarhaus zudem, in dem heute das Archiv ist, es gibt Um- und Anbauten. Aber es blieb ihr Zuhause. Beide starben hier auch.

„Das Haus spiegelt Helmut und Loki Schmidt“: Ende 1961 zieht Schmidt mit seiner Frau und seiner Tochter in das Haus in Hamburg Langenhorn. Sie werden nie wieder ausziehen.

Langenhorn liegt im Norden Hamburgs, dort wo die Stadt langsam ausfranst und die Flugzeuge tief über die Häuser dröhnen. Auffällig unspektakulär ist das Viertel, durchschnittliche Häuser stehen in Reih und Glied an durchschnittlichen Straßen, und hinter Büschen steht dann auch das Schmidtsche Haus. Neben dem Tor eine kleine Kammer, die nun leer steht. Hier war einst eine Polizeistation, um den Zugang zu kontrollieren. Über einen schmalen Pfad geht es zum Eingang, nur ein Plastikschutz auf dem Teppich hin zum Wohnzimmer weist darauf hin, dass hier nicht mehr gewohnt wird, sondern besichtigt. 24 Plätze für Besucher gibt es im Monat, groß ist der Andrang und ebenso groß scheint die Faszination zu sein für die Räume, in denen Schmidt gelebt hat. Weil man daraus womöglich abzuleiten glaubt, wie er wirklich war? Wie er gedacht, gelebt und gekocht hat? Weil man hofft, über das Alltägliche und Gewöhnliche einen anderen Blick auf ihn zu bekommen? Aus schierer Neugier? Ein Ort der Geschichte ist es, viele wichtige Personen haben hier Platz genommen und diskutiert. Aber was erzählt das Haus tatsächlich? Steinbrück sagt: „Das Haus spiegelt Helmut und Loki Schmidt.“ Es sei keine Villa, kein Palast. „Es ist so, wie die beiden gestrickt waren. Das ist Neue Heimat und nicht die Villa an der Elbchaussee. Die Leute können hier sehen, dass sie nicht protzig gelebt oder auf Statussymbole Wert gelegt haben.“

Bücher, überall Bücher: Das Wohnzimmer im Hause Schmidt, auf dem Sofa saß schon der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew.

Vom Flur geht die Küche ab und dann das große Wohnzimmer, eine lederne Couchgarnitur als Mittelpunkt. Es gibt Bilder aus den siebziger Jahren, auf denen Schmidt auf dem Sofa sitzt, als Gäste sind der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew sowie der SPD-Vorsitzende Willy Brandt gekommen, mit Zigarette in der Hand. Die Wände sind voller Bücher, ein Klavier steht vor den bodentiefen Fenstern und ein Schallplattenspieler im Regal, Klassik, Swing, Jazz und alte Reden auf Vinyl. In einer fensterlosen Kammer gleich um die Ecke ist eine Bar, „Ottis Bar“, benannt nach einem Personenschützer Schmidts. Manche Flaschen halbvoll, andere ungeöffnet, wie der Cognac aus dem Jahr 1918, den einst Valéry Giscard d’Estaing Schmidt geschenkt haben soll. Auch von ihm gibt es ein Foto, wie er hier sitzt, Schmidt hinter dem Tresen. Eine Louis-Armstrong-Puppe singt auf Knopfdruck. Und dann ist da noch das Esszimmer, ein langer Tisch in der Mitte, viel Kleinkram, Figuren, Münzen von all den Reisen. Überall Teakholz. „Das Haus ist eigentlich ein Museum für dänisches Möbeldesign der sechziger Jahre“, sagt Steinbrück.

Ein Drink in „Ottis Bar“: Die kleine Bar im Hause Schmidt ist nach einem früheren Personenschützer benannt, der hier auch bediente.

Und es ist auch ein kleines Kunstmuseum. Wo keine Bücher an der Wand sind, hängen Bilder oder stehen Figuren. Von Ernst Barlach, der ihm wichtig war, von Marc Chagall und auch von dem ostdeutschen Künstler Bernhard Heisig, der Schmidts Kanzlerporträt malen durfte. Das Haus zeige eben auch, dass er kein reiner Pragmatiker gewesen sei. „Man sieht sein hohes Interesse an Kunst und Musik. Es sind einige bemerkenswerte Bilder hier“, sagt Steinbrück. Wenn auch nur bis zu einer bestimmten Zeit. „Man sieht allerdings auch, dass er mit der Moderne des 21. Jahrhunderts nichts mehr im Sinn hatte. Ich übrigens auch nicht.“

Als Hilfsreferent hatte Steinbrück Schmidt einst kennengelernt, der war Kanzler und konnte sich später nicht mehr daran erinnern. Dann, es war in den neunziger Jahren und Steinbrück war Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, lud Schmidt ihn zu sich ein. „Wenn er jemand das erste Mal eingeladen hat, war er stets gut vorbereitet. Er wusste genau, was er fragen wollte“, sagt Steinbrück. „Es folgte dann eine geradezu inquisitorische Befragung, an die kann ich mich erinnern. Irgendwann am Ende hieß es dann: Peer, haben Sie jetzt Fragen?“ Es lief jedenfalls gut zwischen den beiden, schnell wurde Steinbrück auf einen Gin Tonic an die Bar eingeladen. „Das war der Ritterschlag.“

„Ihn Freund zu nennen wäre vermessen“: Oft war Steinbrück Gast im Hause Schmidt – ihr Verhältnis fand spätestens durch den Gesprächsband „Zug um Zug“ in ganz Deutschland Beachtung. Da empfahl Schmidt Steinbrück der SPD als Kanzlerkandidaten. Er hätte auf die Streichung der Passage bestehen sollen, sagt Steinbrück heute.

Das politische Verhältnis von Schmidt und Steinbrück wurde spätestens 2011 in ganz Deutschland bekannt und relevant – da erschien ihr gemeinsamer Gesprächsband „Zug um Zug“. Es ging um Themen, die noch heute aktuell sind. Der Weg Chinas zur Weltmacht, die Unsicherheit in Amerika, die schwierige Lage der SPD (Steinbrück sagt heute: „Der SPD ist ja Gerhard Schröders Basta-Politik mächtig gegen den Strich gegangen. Heute habe ich den Eindruck, ein bisschen mehr Basta-Politik täte ihr ganz gut.“) und das ewig währende Elend des HSV. Tagelang saßen sie in der Kammer hinter Schmidts Arbeitszimmer, wo heute die Besucher ihre Garderobe aufhängen. Das Buch erregte aber vor allem aus zwei ganz anderen Gründen Aufsehen – wegen der Kanzlerkandidatenfrage und wegen des Schachtisches.
Der Schachtisch stand auf dem Titelfoto nämlich falsch herum. Das war für viele Beobachter amüsant. Für Steinbrück eher nicht. „Das zeigte doch die idiotische Empörungsbereitschaft von Teilen der deutschen Gesellschaft, die sich zu erregen meinte, dass wir kein Schach spielen könnten, weil unten rechts ein schwarzes Feld war“, sagt er heute. Und ganz genau kann er noch nachzeichnen, wann etwas wo dazu geschrieben stand. Dabei war die Ursache für den Fehler recht banal. Geschossen wurde das Bild in dem Haus vor den Fenstern zum Garten, und es blieb nur wenig Zeit. Oder wie Steinbrück es sagt: „Es war nur ein Termin für die Fotografin, und Helmut Schmidt war sehr ungeduldig.“

Als würde Schmidt gleich wieder nach Hause kommen: Details aus dem Arbeitszimmer und der Bar

Dass das zweite Thema Erregung provozieren würde, konnte aber weder Schmidt noch Steinbrück überrascht haben – schließlich hatte die SPD damals noch den realistisch anmutenden Anspruch, einen Kanzler zu stellen, und Steinbrück gehörte als früherer Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und als früherer Bundesfinanzminister neben Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier zu jenen, denen die Kandidatur für die Wahl 2013 zugetraut wurde. Schmidt nahm sich dieses Themas also in einer Passage des Buchs offensiv an. Heute sagt Steinbrück: „Ich hätte auf die Streichung dieser Passage bestehen sollen.“ Und: „Er war es aber, der darauf bestanden hatte, dass diese Passage im Buch bleibt. So sah es dann aber aus, als ob König Artus den Knappen Steinbrück zum Ritter schlug. Das erschien manchen zu absolutistisch.“

Schmidt sagte in dem Buch jedenfalls: „Und ob Ihnen das nun sonderlich in den Kram passt oder nicht, Peer, ich bin aus zwei Gründen der Auffassung, dass die SPD gut beraten wäre, Sie als Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers zu nominieren.“ Weil seine Reichweite die Reichweite der Partei übertreffe und weil er bewiesen habe, dass er regieren könne. Kandidat wurde Steinbrück dann auch. Kanzler aber nicht. Kurz vor der Wahl hatte er auf einem Magazintitel noch den Mittelfinger in die Höhe gestreckt. Schmidt habe das gleich für eine schlechte Idee gehalten. „Er hat gesagt, das hätte ich niemals machen dürfen“, sagt Steinbrück. „Weil dies nicht nur als undiszipliniert wahrgenommen wird, sondern als mangelnde Selbstkontrolle. Solche Leute wollten die Bürger nicht im Kanzleramt haben, hat er gesagt.“ Und was denkt Steinbrück? „Ich bin da heute eher bei ihm, es war ein massiver Fehler – und der Schlüsselbegriff ist Selbstkontrolle.“

Steinbrück geht nach dem Kaffeegespräch noch einmal durchs Haus. Hinein in die Bar, vorbei an den vielen Kunstwerken, zu denen auch er viel zu sagen hat, und hinauf in das Büro, wo die Werke von Karl Popper im Bücherregal gleich ins Auge fallen. „Das Falsifikationsprinzip war für mich sehr wichtig, darüber haben wir gesprochen“, sagt er. „Fortschritt durch Widerlegung von Thesen, nicht durch Bestätigung. Das ist das Gegenteil von Ideologie.“ Steinbrück sagt über sein Verhältnis zu Schmidt: „Ihn Freund zu nennen wäre vermessen.“ Er sei ihm ein Vorbild gewesen, jenseits jeder Überhöhung. Sein Politikverständnis „Pragmatismus in sittlicher Haltung“ habe er geteilt. „Umgekehrt bin ich für ihn vielleicht jemand aus der nachfolgenden Politikergeneration gewesen, auf den er neugierig war und den er ernst genommen hat.“ Und dann geht er wieder hinaus aus dem Haus des früheren Bundeskanzlers.


Quelle: F.A.Z.