„Nationalsozialistischer Untergrund“

Mit ein wenig Hilfe von den Kameraden

Von Peter Carstens, Berlin
21.11.2011
, 16:25
Das Viertel mit Loch: In der Frühlingsstraße in Zwickau wohnte das Trio zuletzt
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Ein Leben im Untergrund ist ohne Helfer kaum denkbar. Um die Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ hatte sich offenbar ein dichtes Netz von ihnen geknüpft. Ob sie auch von den Taten des Trios wussten, ist unklar.
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„In den Untergrund gehen“, das sagt sich im dicht durchregelten Deutschland leichter als es getan ist. Jedenfalls dachte man bisher so. Denn immerhin ist es den drei Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Z. gelungen, fast vierzehn Jahre lang versteckt vor den Sicherheitsbehörden, zugleich aber überwiegend offen zu leben. In seiner letzten Wohnumgebung, der Zwickauer Frühlingsstraße, war das „Trio“ als Paar und dessen Bruder nachbarschaftlich bekannt, beispielsweise dem griechischen Lokalbesitzer im Hause Nummer 26, über dem die konspirative Terroristenwohnung lange lag. Jedenfalls in den letzten Jahren hatte das Trio sich neben bürgerlicher Harmlosigkeit eingerichtet und beging aus diesem sicheren Umfeld heraus und unbehelligt von jedweder Sicherheitsbehörde reihenweise Banküberfälle und Morde.

Bild: REUTERS

Wenn es stimmt, das die Gruppe seit 2003 eine erste Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße und dann von 2007 an die Wohnung in der Frühlingsstrasse bewohnte, dann hat sie von diesen aus möglicherweise neun Banküberfälle und sechs ihrer mutmaßlich zehn Morde begangen, um jeweils anschließend wieder dorthin zurückzukehren. Sogar die bei den Überfällen benutzten, jeweils angemieteten Wohnmobile seien dort nach Zeugenaussagen gesichtet worden, heißt es nun. Möglich wurde dieses Dasein ohne eigenen Ausweise, ohne Krankenversicherung, Gehaltsnachweis und alles, was man sonst an Unterlagen im Leben braucht, durch ein offenbar großes Netz an Helfern und Unterstützern. Die seit anderthalb Wochen ermittelnden Sonderkommission „Trio“ aus Bundes- und Landeskriminalämtern ermittelt täglich neue Verbindungen und Personen, die mit Führerschienen, Ausweisen, Mietverträgen, Bahncards oder auch Geldsammlungen die Terrorgruppe unterstützt haben.

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Unterstützer aus dem „Thüringer Heimatschutz“

Nicht alle werden das ganze Ausmaß des mörderischen und räuberischen Treibens umfassend gekannt haben, aber klar war in den meisten Fällen, dass man abgetauchten „Kameraden“ half. Professorensohn Mundlos, sein Freund Böhnhardt und und die Begleiterin Beate Z., gelernte Gärtnerin, stammten aus Jena und waren dort vor ihrem Untertauchen in der Neonazi-Szene aktiv. Dem sogenannten „Thüringer Heimatschutz“ (THS) wurden dort Ende der neunziger Jahre etwa 150 bis 170 Personen zugerechnet. Aus diesem Umfeld kamen meistens auch die Unterstützer und möglichen Mittäter.

Etwa Holger G. aus Jena-Lobeda. Während seiner Neonazi-Karriere in Thüringen wohnte er noch bei seiner Mutter, später zog er nach Niedersachsen, wo der Verfassungsschutz seine Spur für ein Jahrzehnt verlor. Holger G. lieh dem Trio mehrfach Führerschein und Reisepass, auf seinen Namen wurden in wenigstens drei Fällen die Reisemobile angemietet, von denen die Täter aus dann mit Fahrrädern zum jeweiligen Tatort fuhren. So auch beim Heilbronner Polizistenmord 2007 und auch beim letzten Banküberfall am 4. November 2011 in Eisenach.

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Genannt wird in Sicherheitskreisen auch der Name des Neonazi-Aktivisten Ralf W., der als aktives NPD-Mitglied zugleich eine Verbindungsglied zwischen Rechtsterror und rechtsextremer Partei sein könnte. Ralf W. soll gemeinsam mit einem anderen Rechtsextremen in Altlobeda zudem ein Wirtshaus gekauft haben, das als Treffpunkt der örtlichen Szene diente und den Namen „Braunes Haus“ (nach der einstigen NSDAP-Parteizentrale in München) trägt. Der Mann wird verdächtigt, beim Untertauchen 1998 einer der ersten Helfer der Gruppe gewesen zu sein, möglicherweise auch einer derjenigen, die Geld bei sogenannten „Solidaritätskonzerten“ der rechten Szene für Böhnhardt, Mundlos und Beate Z. sammelten. Ein Kamerad von Ralf W. ist der Anführer der „Kameradschaft Jena“. Andre K., der als „enger Freund des Trios“ bezeichnet wird und angeblich den Flüchtenden sein Auto zur Verfügung stellte. Andre K. soll zudem mit Ralf W. der Käufer des „Braunen Hauses“ sein.

Einen möglichen Begleiter und Unterstützer der Untergetauchten sehen die Sicherheitsbehörden in dem Versandhändler André E. Flugblätter seiner Firma fanden sich nach Angaben der Zeitschrift „Der Spiegel“ in den Trümmern der Zwickauer Wohnung. André E. wird zudem für imstande gehalten, bei der Anfertigung des Bekennervideos im Jahre 2007 wenigstens behilflich gewesen zu sein. Bahncards, möglicherweise verfälscht durch Fotos des Trios, von André E. und dessen Frau fanden sich in dem Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos starben. Aktiv im Neonazi-Milieu war auch Andrè E.s Zwillingsbruder, der als Funktionär der NPD-Jugendorganisation gilt.

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Matthias D., der aus Johanngeorgenstadt stammende gelernte Fleischer, hatte für das Trio die beiden Zwickauer Wohnungen angemietet. Dabei stellte er jeweils seine Daten, möglicherweise auch den Gehaltsnachweis zur Verfügung. Die Mietzahlungen - zuletzt etwa 500 Euro - gingen über sein Konto. Sofern er diese Summe nicht aus eigener Tasche finanziert hat, bedeutet das auch, das er regelmäßig Kontakt zu der Gruppe hatte. Sein Anwalt behauptet laut „Stern.de“, Mattias D. habe „nie etwas mit der rechten Szene zu tun gehabt“, er sei lediglich „hilfsbereit und naiv“ gewesen.

Das könnte auf eine oder andere Weise auch auf die Person zutreffen, deren name mit Mandy S. aus Schwarzenberg angegeben wird. Papiere der Erzgebirglerin, die ebenfalls der rechtsextremen Szene und einer „Brigade Ost“ zugerechnet wird, seien, so wird berichtet, von Beate Z. zumindest gelegentlich verwendet worden. Die beiden sähen sich wenigstens oberflächlich ähnlich. Nicht erklären, wie sein Pass in die Hände des NSU gelangen konnte, kann sich nach „Spiegel“-Angaben ein gewisser Max B. aus Dresden, dessen vermeintlich oder tatsächlich verlorener Reisepass ebenfalls in dem ausgebrannten Wohnmobil gefunden worden war.

Schließlich ist da noch Tino Brandt, einst Spitzenquelle des Thüringer Verfassungsschutzes mit Spitzenbezahlung (etwa 100.000 Euro insgesamt). Der THS-Führer war später als NPD-Funktionär aktiv und galt Ende der neunziger Jahre als Schlüsselfigur der Thüringer Szene.

Der Verdacht, Teile seines V-Mann-Lohnes könnten an das Trio geflossen sein, ließ sich bislang nicht belegen. Vielleicht aber ist ohnehin noch ein Mann oder, allerdings weit unwahrscheinlicher, eine Frau zu suchen, der oder die als „Chef“ das Trio lenkte. Neben den aktiven Helfern und Unterstützern könnte es, ebenfalls unbemerkt von Verfassungsschützern und Polizei, eine ganze Szene gegeben haben, die von den Verbrechen wusste und sie ideell unterstützte. So wird beispielsweise gefragt, ob das Bekennervideo von 2007 Angehörigen der Neonazi-Szene bekannt war. Interessant wird es auch sein, die Herkunft der zahlreichen Pistolen, Revolvern und Gewehren nachzuzeichnen, die sich im Besitz der NSU-Mörder zu einem ganzen Arsenal türmten.

Quelle: F.A.Z.
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