Panama Papers

Panama ist kein Verbrechernest

Von Matthias Rüb, São Paulo
06.04.2016
, 14:47
„Das Dubai Lateinamerikas“: Die Skyline von Panama-Stadt muss keine Vergleiche scheuen.
Panama-Stadt ist der Musterknabe Mittelamerikas. Sicher, modern und mit einer gesunden Wirtschaft, da passen die Panama-Papiere schlecht zum Selbstverständnis.

Die Konferenz war auch heuer wieder ein toller Erfolg. Jedes Jahr im Februar lädt die in Baltimore im amerikanischen Bundesstaat Maryland veröffentlichte Monatszeitschrift „International Living“ zur „Lifestyle and Opportunity Conference“ nach Panama-Stadt. Die Konferenzgebühren sind gesalzen. Selbst Frühbucher, die den „reduzierten Sensationspreis“ ergattern, werden ordentlich zur Kasse gebeten. Doch die Plätze für die dreitägige Konferenz sind Jahr um Jahr binnen kurzem ausgebucht. Als Unterkunft wählen die Konferenzteilnehmer gerne die großzügig geschnittenen Suiten im „Trump Ocean Club International Hotel & Tower“. Natürlich bekommen die Frühbucher auch im Trump-Hotel „sensationell reduzierte“ Preise. In Wahrheit ist der Blick aus dem höchsten Gebäude Mittelamerikas auf den Golf von Panama und auf die Skyline von der Stadt unbezahlbar.

Zugegeben, die Leute von „International Living“ sind geborene Verkäufer. Jeden, der auch nur das leiseste Interesse an ihren Angeboten zeigt, nebeln sie mit einem Feuerwerk an Zahlen und Zeugnissen ein. Gegründet wurde die Zeitschrift 1979 von dem Finanzberater Bill Bonner, ist „International Living“ längst zum Zentralorgan für die amerikanische „Living Abroad“-Bewegung geworden. Vor allem amerikanische Jungsenioren, die sich die einheimischen Ruhestandsparadiese in Florida, Arizona oder Texas nicht leisten können gehören zur Klientel.

Zum Beispiel Mitzi und Bill Martain, zwei ausgesprochen rüstige Mittsiebziger aus North Carolina. Sie sind vor gut zehn Jahren nach Panama gezogen. Es war die beste Entscheidung ihres Lebens, sagen sie. Sie leben in einem schmucken Eigenheim mit Gästehaus auf dem Grundstück in dem Dorf Santa Fe in der klaren Bergluft der Westprovinz Veraguas, etwa auf halber Strecke von Panama-Stadt nach Costa Rica gelegen. Wenn sie ans Meer wollen, können sie zwischen der Pazifikküste im Süden und der Karibik im Norden wählen, kaum zwei Stunden Fahrt ist beides entfernt. „Wir können gut von unserer staatlichen Rente leben, die daheim in Amerika kaum zum Nötigsten reichen würde. Und wir legen sogar noch so viel zur Seite, dass wir jedes Jahr zum Familienbesuch nach Amerika fliegen können“, sagt Mitzi.

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© Reuters, reuters

Ruhestandprogramm

Mehr als 21.000 amerikanische Pensionäre lassen sich ihre Rente in Mittelamerika und in der Karibik auszahlen. Panama ist die bei weitem beliebteste Destination für Rentner aus den Vereinigten Staaten und auch aus anderen wohlhabenden Ländern der nördlichen Erdhalbkugel. Das ist kein Zufall, denn Panama hat nach Ansicht der Fachleute von „International Living“ das „weltweit beste Ruhestandsprogramm“. Man muss nicht einmal das Rentenalter erreicht haben, um in den Genuss der vielen Privilegien des „Programa de Pensionado“ zu kommen. Wer lebenslange Zahlungen von einer staatlichen Versorgungseinrichtung von tausend Dollar monatlich nachweisen kann, erhält ein unbefristetes Rentnervisum.

Wer sich in Panama eine Immobilie im Wert von mindestens 100.000 Dollar kauft, bekommt sein „Pensionado Visa“ schon bei monatlichen Rentenzahlungen von 750 Dollar. Für solchermaßen anerkannte Rentner gleich welchen Alters sind Tickets fürs Kino, für Konzerte und Sportveranstaltungen um 50 Prozent reduziert, auch Hotelübernachtungen kosten von Montag bis Donnerstag nur die Hälfte. Busse und Fähren sind 30 Prozent billiger, Luftfahrtgesellschaften und Restaurants gewähren 25 Prozent Rabatt. Bei Ärzten, Krankenhäusern und Apotheken spart der „Pensionado“ zwischen zehn und zwanzig Prozent.

Verlockender Zwergenstaat

Es ist kein Zufall, dass das verlockende Angebot des panamaischen „Programa de Pensionado“ irgendwie an die Dienstleistungen jener Kanzleien und Finanzinstitute erinnern, die durch die Veröffentlichung der „Panama Papers“ nun arg in Verruf geraten sind. Nur dass die Rentner zu ihren Briefkästen auch etwas „Echtes“ dazukaufen, nämlich meistens Immobilien. Panama ist mit rund vier Millionen Einwohnern – nach dem „Zwergstaat“ Belize – das bevölkerungsärmste Land Mittelamerikas. Seit der Unabhängigkeit vom großen und mächtigen östlichen Nachbarn Kolumbien, die das Land im November 1903 nur dank tatkräftiger Hilfe der noch größeren und mächtigeren Vereinigten Staaten erreichte, folgt Panama dem Überlebens- und Wachstumsgebot, Menschen und Ressourcen aus aller Welt auf den zentralamerikanischen Isthmus zu locken. Denn Panama selbst hat von beidem seit je zu wenig.

Historische Einweihung des Panamakanals durch den Frachter „Acon“: Bei der Entstehung der Seestraße kamen über 22.000 Menschen um.
Historische Einweihung des Panamakanals durch den Frachter „Acon“: Bei der Entstehung der Seestraße kamen über 22.000 Menschen um. Bild: Picture-Alliance

Schon der Bau des Panama-Kanals hatte mit dem Land, dessen Namen er trägt, eigentlich nichts zu tun. Von 1881 bis 1888 versuchten sich zunächst die Franzosen unter Ferdinand de Lesseps und Gustave Eiffel an dem Jahrhundertprojekt. Sie scheiterten zum Preis von gut 22.000 toten Wanderarbeitern aus Jamaika und der Karibik, dazu hunderten von gestorbenen Ingenieuren und Facharbeitern aus Europa, die an Malaria, Gelbfieber, Typhus und Cholera zugrunde gingen. Die Amerikaner übernahmen 1903 das unfertige Projekt und erfüllten sich und der Menschheit nach weiteren zehn Jahren Bauzeit den Traum von einer Wasserstraße zwischen Pazifik und Atlantik. Am 15. August 1914 durchquerte der amerikanische Dampfer „SS Ancón“ als erstes Schiff den gut achtzig Kilometer langen Panama-Kanal. Seither haben ihn mehr als eine Million Schiffe passiert.

Magnet für schmutziges Geld

Es sollte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dauern, bis Panama die vollständige Souveränität über sein Territorium erlangte. Auf der gesamten Länge des Kanals von gut 80 Kilometern sowie in einer Breite von knapp 17 Kilometern herrschten die Vereinigten Staaten über die Kanalzone. Bis Ende 1999 war die Kanalzone von Panama faktisch ein Teil der Vereinigten Staaten – mit High Schools und gelben Schulbussen, mit Football-Teams und Cheerleadern, Supermärkten und Hamburger-Restaurants. Die amerikanische Invasion in Panama von Dezember 1989 bis Januar 1990 zum Sturz des korrupten Diktators und Drogenkönigs Manuel Noriega war nicht nur aus der Sicht von Washington eine innere Angelegenheit der Vereinigten Staaten. Der republikanische Senator John McCain wurde 1936 in Coco Solo nahe Colón in der Kanalzone geboren. Als sich McCain 2008 um den Einzug ins Weiße Haus bewarb, stellte niemand die Frage, ob der Präsidentschaftskandidat eigentlich gemäß Verfassungsgebot ein „geborener Staatsbürger“ der Vereinigten Staaten sei. Faktisch kam McCain auf dem Territorium Panamas zur Welt.

Ramon Fonseca, Mitgründer der Kanzlei Mossack Fonseca, klagt über doppelte Standards: „Weil es sich um Panama handelt, wird es zur Titelgeschichte von Zeitungen in aller Welt.“
Ramon Fonseca, Mitgründer der Kanzlei Mossack Fonseca, klagt über doppelte Standards: „Weil es sich um Panama handelt, wird es zur Titelgeschichte von Zeitungen in aller Welt.“ Bild: AFP

Die Übernahme der Kontrolle über Kanal und Kanalzone zu Beginn des Jahres 2000 ist so etwas wie die zweite, die eigentliche Unabhängigkeitserklärung für Panama. Die Transitgebühren des Kanals spülen seither jährlich gut eine Milliarde Dollar in die Staatskassen, das entspricht etwa sechs Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Die glitzernde Skyline von Panama-Stadt spiegelt die wachsende Wirtschaftskraft des zentralamerikanischen Banken- und Handelszentrums wieder. Wegen der topographischen Nähe zu Kolumbien ist Panama seit je der natürliche Magnet für schmutziges Geld aus dem Drogenschmuggel, das in der panamaischen Dollar-Ökonomie mit ihren laxen Kontrollen leicht weißgewaschen werden kann. Gleiches gilt für Korruptionsgewinne russischer und ukrainischer Oligarchen oder brasilianischer Industriekapitäne sowie für die unversteuerten Millionen von dubiosen Geschäftsleuten und Sternchen aus aller Welt. Es wäre freilich zu kurz gegriffen, Panamas Fortschritt der vergangenen anderthalb Jahrzehnte allein der Schattenwirtschaft zuzuschreiben. Legitimer Kapitalzufluss, ein Boom im Fremdenverkehr und Investitionen in die Bauindustrie und in die Infrastruktur haben zu den mit Abstand höchsten Wachstumsquoten Lateinamerikas von durchschnittlich 8,5 Prozent während des letzten Jahrzehnts geführt.

Unterschiedliche Maßsstäbe

Ramon Fonseca, Mitgründer der Kanzlei Mossack Fonseca, sagte nach der Veröffentlichung der Panama-Papiere, es sei unfair, was seinem Unternehmen und dem Land Panama widerfahre. „Hier wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen“, beklagte sich Fonseca in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP: „Wenn so etwas mit einem Unternehmen im amerikanischen Bundesstaat Delaware geschehen würde, würde sich kein Mensch darum kümmern. Aber weil es sich um Panama handelt, wird es zur Titelgeschichte von Zeitungen in aller Welt.“ mag nicht sein wie das verschlafene Delaware und das Land ist im Vergleich zu anderen mittelamerikanischen Staaten wie El Salvador, Guatemala und Honduras ein anständiger Ort. Zumal für Amerikaner ist wegen der in der Bevölkerung weit verbreiteten englischen Sprachkenntnisse und dank der Dollarwährung ein beliebtes Reiseziel – und das nicht nur für Rentner.

Panama-Stadt, wahlweise als „Miami Mittelamerikas“ oder „Dubai Lateinamerikas“ beschrieben, hat den Städten im Süden Floridas den Rang als beliebtestes Shopping-Ziel für Reisende aus Südamerika abgelaufen. Der Flughafen Tocumen von Panama-Stadt ist Luftkreuz für Flüge von und nach Südamerika und in die Karibik. Die Hauptstadt Ciudad de Panamá, wo rund ein Drittel der Einwohner des Landes lebt, ist die einzige Metropole Mittelamerikas mit einer U-Bahn. Die Altstadt Casco Viejo, vor zehn Jahren noch ein verrufenes Armenviertel, wurde mit öffentlichen und privaten Mittel zu einem Schmuckstück der Kolonialarchitektur herausgeputzt.

Ein Kolibri im Soberania Natioalpark:  In dem kleinen Land gibt es mehr Arten von Vögeln, Säugetieren und Reptilien als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen.
Ein Kolibri im Soberania Natioalpark: In dem kleinen Land gibt es mehr Arten von Vögeln, Säugetieren und Reptilien als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen. Bild: dpa

Doch ist nicht nur Panama-Stadt. In Colón, der Stadt an der nördlichen Kanalausfahrt in die Karibische See mit ihren einfachen Holzhäusern und heruntergekommenen Sozialwohnungen, zeigt sich das andere Gesicht des Landes. Es ist das Panama jener 40 Prozent der Bevölkerung, die in Armut leben und die am schwersten davon betroffen sind, dass das Bildungswesen zu den leistungsschwächsten der Welt gehört. Jeder zweite in Colón hat keine Arbeit, die Stadt nimmt einen traurigen Spitzenplatz bei Gewaltverbrechen und Diebstahldelikten ein. Die schon 1953 eingerichtete Freihandelszone am Hafen von Colón hat bis heute nicht die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt.

Auch das ist Panama

Und auch das ist Panama: In dem kleinen Land gibt es mehr Arten von Vögeln, Säugetieren und Reptilien als in den Vereinigten Staaten und Kanada zusammen. Im Oktober 2014 wurde das spektakuläre „BioMuseo“ des kanadisch-amerikanischen Architekten Frank Gehry eröffnet. Die multimediale Ausstellung zeichnet die Entstehung der zentralamerikanischen Landenge seit deren Auffaltung aus dem Ozean vor rund drei Millionen Jahren bis zur Bedrohung ihres fragilen Ökosystems von heute nach. Die Ausstellung verbindet Klassenzimmer und Pausenhof: Bald wird der Besucher an Schautafeln zur Evolutionsgeschichte pädagogisierend an die Hand genommen, bald darf er sich beim Betrachten von Dutzenden gewaltiger Tierskulpturen – etwa des Hai-Vorfahren Megalodon – sozusagen austoben. Die durchgehend spanisch- und englischsprachige Ausstellung ist binnen kurzem zu einem der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen geworden.

Nach den Worten von Präsident Juan Carlos Varela zeigt das Museum die Identität Panamas als „Brücke der Welt und des Lebens“. Der Satz des bedrängten Präsidenten, der nun aller Welt die Zusammenarbeit bei der Ausleuchtung und Austrocknung illegaler Geldflüsse in sein Land verspricht, passt gut zum etwas großspurigen Wahlspruch des Landes: „Pro Mundi Beneficio“ (Für das Wohl der Welt). Derzeit muss sich das Land dem Ruf erwehren, es sei ein Platz für das Wohl der Wenigen in der Welt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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