ADHS

„Man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen“

27.05.2012
, 19:41
ADHS als Kulturstörung, ausgelöst durch die stetig wachsende Anzahl an Bildschirmen. Christoph Türcke über sein Buch „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“.

Herr Türcke, Ihr Buch hat den furchtbaren Titel: Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Da vergeht einem ja schon vor dem Wortende die Aufmerksamkeit.

Aber jeder weiß, was gemeint ist: ADHS.

Und warum Kultur?

Wir leben in einer mikroelektronischen Reizkultur. Sie setzt uns einem ständigen Trommelfeuer von Eindrücken aus. Und mit dem Eindringen der Bildschirme in die Arbeitswelt hat sie noch einmal einen großen Sprung vorwärts getan.

Unsere gesamte Gesellschaft hat ADHS?

ADHS ist keine Krankheit in gesunder Umgebung. Die gesamte Gesellschaft leidet an wachsender Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit. Bei Kindern äußert sich das nur am stärksten. Ich spreche von einer Kulturstörung. Wir leiden an konzentrierter Zerstreuung. Das ist ein paradoxer Begriff. Soll heißen: Wir sind ständig zwanghaft damit beschäftigt, uns zu zerstreuen. Das führt gerade nicht zur Entspannung, sondern produziert Stress.

Und so verlieren Menschen ihre Fähigkeit zur Aufmerksamkeit?

Bildmaschinen wirken ständig ruckartig auf die Sinne ein. Jeder Bildschnitt ist ein kleiner Schock, eine kleine Ablenkung. Die Aufmerksamkeit wird stimuliert. Das ist eigentlich positiv, eine wichtige Kulturtechnik des Films. Aber wenn die Aufmerksamkeit durch Schnitte ständig unterbrochen wird, dann schlägt sie ins Gegenteil um. Wenn immer neue Reize des „Achtung!“, „Aufgemerkt!“ gesendet werden, dann werden die Menschen ihrer Fähigkeit beraubt, bei etwas zu bleiben.

Aber der Mensch ist doch heute zu viel mehr Aufmerksamkeit in der Lage als früher. Denken Sie nur ans Multi-Tasking.

Aufmerksamkeit ist eine historisch gewachsene menschliche Fähigkeit. Sie ist dehnbar. Wir können heute Auto fahren und uns dabei unterhalten. Aber die Dehnbarkeit ist begrenzt. Die Multi-Tasking-Ideologie geht von falschen Prämissen aus. Zu glauben, man könne mit gleicher Aufmerksamkeit fünf Dinge gleichzeitig tun, ist ein Trugschluss.

Müssten dann nicht eigentlich Erwachsene an ADHS leiden und nicht Kinder?

Kinder erleben, wie Erwachsene sich ständige Unterbrechungen angewöhnt haben. Man spielt mit seinem Kind und checkt dabei eben mal E-Mails, man schaut ein Bilderbuch an, und dabei läuft der Fernseher. Kinder lernen Aufmerksamkeit ungefähr im Alter von neun Monaten. Da beginnen sie, staunend bei dem zu verharren, was Erwachsene ihnen zeigen. Dieser Zeigeprozess ist für ihre Entwicklung kaum zu überschätzen. Wenn er dauernd gestört wird, hat das dramatische Folgen. Das Verrückte ist: Man merkt es anfangs, wenn die Kinder noch sehr klein sind, gar nicht. Die Kinder werden ja nicht misshandelt, und es geht in der Regel auch nicht um zerrüttete Familien. Die fehlende Aufmerksamkeit hat eine geradezu diabolische Unscheinbarkeit, aber gravierende Langzeitwirkungen. Das einzige Beruhigungsmittel für diese Kinder - außer Methylphenidat - ist wiederum der Bildschirm.

Sie sehen ADHS als Kulturphänomen. Die gängige Diagnose ist aber, dass es sich um eine neuronale Störung handelt.

Aber in der Regel handelt es sich nicht um einen physischen Defekt, sondern um eine Folge der enormen Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns. Sich ständig auf neue Reize einzustellen, darin besteht seine Intelligenz und Kreativität. In der Verarbeitung dieser Reize legt es neuronale Bahnen und Muster an. Und Muster, die sich bewähren, werden gefestigt. Stabile Muster sind unerlässlich für mentale Stabilität. Wenn eine Reizflut jedoch dazu nötigt, ständig etwas Neues aufzubauen, schlägt der Aufbau in Destruktivität um. Sie müssen sich das vorstellen wie eine Baustelle: Man beginnt mit dem Bau einer Mauer. Nach den ersten fünf Ziegeln bricht man ab und beginnt mit der nächsten Mauer, die aber auch, gerade begonnen, wieder stehengelassen wird für den Aufbau einer weiteren Mauer. So entsteht nie ein Gebäude.

Könnte es sein, dass auch Altersdemenz mit der ständigen „konzentrierten Zerstreuung“ durch Dauerfernsehen zu tun hat?

Das habe ich bisher nicht untersucht, aber einiges würde dafür sprechen.

Andererseits: Was ist denn so schlimm an der „konzentrierten Zerstreuung“, wie Sie sie nennen? Die Menschheit ist doch so kreativ und leistungsfähig wie noch nie in ihrer Geschichte.

Das ist Fortschrittsideologie. Eine wachsende Zahl von Studenten sieht sich heute nicht mehr in der Lage, einer anderthalbstündigen Lehrveranstaltung zu folgen, selbst wenn es eine Power-Point-Präsentation mit vielen Bildern ist. Power Point als didaktischer Dauerbeglücker führt übrigens dazu, dass die Fähigkeit zum Denken ohne ständige Bildbegleitung verlorengeht.

Vielleicht sind anderthalbstündige Vorlesungen einfach eine überkommene Kulturform. Heute erfordert der Fortschritt die Fähigkeit zu raschem Umschalten, zum ständigen Wechsel. Warum gibt das Anlass zu Kulturpessismus?

Ohne die Fähigkeit, bei einem Sachverhalt zu bleiben, kann man keinen klaren Gedanken fassen. Von wissenschaftlichen Spitzenleistungen wollen wir erst gar nicht reden. Auch die Einbildungskraft, die Fähigkeit, innere Bilder zu erzeugen, schwindet, weil wir dauernd mit äußeren Bildern bombardiert werden. Das beeinträchtigt die Fähigkeit zu nachhaltiger Erfahrung. Es gibt keinen Anlass zu Kulturoptimismus, allerdings auch keinen zu Gejammer über eine unabänderliche Entwicklung. Wir entwickeln ja auch Gegenstrategien.

Welche denn?

Man schafft sich Schonräume, setzt sich den Medien nicht dauernd aus. Ich habe zum Beispiel keinen Fernseher.

Also individuelle Ausweichstrategien . . .

Man kann das auch kollektiv betreiben. Ich veranstalte mit meinen Studenten Klausurtagungen an Orten, wo es kein W-Lan gibt. Wir beschäftigen uns dort nur mit unserem Thema.

Als Heilung für die hyperaktive Gesellschaft wollen Sie den Kindern Rituale verschreiben. Warum sind Rituale wichtig? Für den modernen Menschen sind sie doch eigentlich überflüssig. Reine Zeitverschwendung.

Der Mensch ist ein Wiederholungstier. Er ist zum Menschen geworden durch Opferrituale, mit denen er die Schrecken der Natur wiederholte und damit bewältigte. Rituale wirken beruhigend. Ohne ständige Wiederholung kann man sich nichts aneignen. Natürlich kann sich durch Wiederholung auch Falsches festigen, aber ohne Wiederholung wird gar nichts gefestigt.

Sind denn dann wirklich die Computer schuld an der Hyperaktivität? Haben nicht die Achtundsechziger mit ihrer Verachtung für Rituale, ihrer Ablehnung des Auswendiglernens, ihrem Aufbegehren gegen Lernregeln genauso dazu beigetragen?

Zunächst einmal: Maschinen sind nie „schuld“, auch nicht Computer, sondern immer nur diejenigen, die damit umgehen. Sodann: Ja, meine Generation hat die Bedeutung von Ritualen und Wiederholungen unterschätzt oder gar verkannt. Allerdings im Muff der Nachkriegsjahre mit viel rituellem Leerlauf. Weil wir oft gedankenlos auswendig lernen mussten, haben wir jedes Auswendiglernen als gedankenlos bezeichnet.

Sie schlagen vor, dass die Schule Abhilfe schafft, indem sie das Fach Ritualkunde einführt. Was soll das sein?

Eine beruhigende Achse, die den gesamten Schulalltag von der Grundschule bis zum Abitur durchläuft - in allen Schultypen. In der Grundschule sollten das kleine regelmäßige Aufführungen sein, zu denen alle Fächer beitragen. Aufführungen muss man einstudieren. Das geht nicht ohne Wiederholen und Auswendiglernen, mit all ihrer beruhigenden und stabilisierenden Wirkung.

Und später?

In der weiterführenden Schule sollte auf der Basis dieser Aufführungspraxis ein eigenes Unterrichtsfach Ritualkunde eingeführt werden, das Religion und Sozialkunde vereint, auch was die Stundenzahl betrifft. Soziale Strukturen sind ja nichts anderes als abgelagerte Rituale. Die Reichweite des Rituellen für die gesamte Gesellschaft bewusst zu machen - darum ginge es. Nicht konfessionell, aber mit viel Sinn für die Bedeutung von Religion. Damit hätte man in der Schule ein Forum für die Konflikte, die durch die multikulturelle Gemengelage entstehen, durch all die Kulturen und Subkulturen, die in der Schule aufeinandertreffen. Bekennen lernen wäre ein wichtiger Punkt. Wie bekenne ich mich zu dem, was mir wichtig, was mir heilig ist, ohne den anderen dabei zu verletzen? Das alles könnte im Fach Ritualkunde bearbeitet werden. Es hätte also individuell und sozial beruhigenden Charakter.

Warum setzen Sie erst in der Schule an? Die Grundlagen für Hyperaktivität werden doch schon in frühester Kindheit in der Familie gelegt.

Sie haben recht. Eigentlich müsste man in den Familien ansetzen. Aber der Schulbeginn ist der früheste Zeitpunkt, wo wir eine Handhabe für ein umfassendes Programm haben.

Ich gebe zu: Während unseres Telefoninterviews habe ich mich ein paarmal dabei ertappt, dass ich kurz meine Mails checken oder gucken wollte, ob eine SMS eingelaufen ist. Wie äußert sich denn die ADHS-Kultur in Ihrem Leben?

Vor allem durch den Zwang, E-Mails zu beachten. Ansonsten habe ich, wie gesagt, keinen Fernseher.

Das Gespräch führte Christiane Hoffmann.

Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. C.H. Beck, 9,95 Euro.

Quelle: F.A.S.
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