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Differenziertes Bild

Afrikanische Kontraste

Von Monika Remé
 - 10:55
Segen und Fluch Ghanas: Die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis für Kakao ist gestiegen.

Im Westen liegt das Donor Darling, im Osten der Failing State. Ghana und Somalia befinden sich auf demselben Kontinent, sie teilen Aspekte der afrikanischen Kolonial- und Befreiungsgeschichte und der Verortung im internationalen politischen System. Doch davon abgesehen, trennen beide Länder Welten. Was sich hinter den Schlagworten des Geberlieblings und des für immer scheiternden Staates verbirgt, untersuchen Heinrich Bergstresser in „Ghana – Die IV. Republik zwischen Vorbild und Mythos (1993–2018)“ und das Autorenduo Bettina Rühl und Marc Engelhardt in „Somalia – Warlords, Islamisten, Investoren“. Beide Bücher sind im Frankfurter Verlag Brandes & Apsel erschienen.

Ghana nimmt schon seit langem eine Vorreiterstellung ein. Es befreite sich 1957 als eines der ersten Länder Afrikas vom Kolonialismus. Drei Jahrzehnte, mehrere Wahlen und Militärputsche später bekehrten die Ghanaer den Putschisten Jerry John Rawlings zum „leitenden Architekten“ ihres demokratischen Systems. Rawlings führte die IV. Republik von 1993 an als gewählter Präsident zwei Legislaturperioden lang an, bis er sich verfassungsgemäß nicht mehr zur Wahl stellte und die Opposition 2001 die Macht übernahm. Neben einer relativ unabhängig agierenden Justiz wird die junge Demokratie getragen von Institutionen wie der Menschenrechtskommission (Commission on Human Rights and Administrative Justice), der Wahlkommission und einer aktiven Zivilgesellschaft. Die Festschreibung sogenannter „traditioneller“ Herrschaftsstrukturen parallel zu einem De-facto-zwei-Parteien-System trägt zur Stabilität der IV. Republik bei, verstetigt aber gleichzeitig historische Ungleichheiten. So entzünden sich im vernachlässigten Norden immer wieder Konflikte entlang ethnischer Linien, denen eigentlich Repräsentations- und Landfragen zugrunde liegen.

Auch wirtschaftspolitisch steht das Land, mit dem Deutschland als einem der wenigen Länder in Afrika eine Reformpartnerschaft eingegangen ist, weniger gut da, als der Ruf glauben lässt. Ghana krankt an der Abhängigkeit von Weltmarktpreisen für Kakao, Gold und inzwischen auch für Erdöl, was es anfällig für Korruption macht. Dennoch ist es den demokratischen Regierungen gelungen, die Zahl der Armen mehr als zu halbieren. Dazu trägt nicht zuletzt eine geschickte Außenpolitik bei, die ein diversifiziertes Netz an Partnern und Kreditgebern sichert.

Vom Staatsmann Rawlings bis zum Geschäftsmann und aktuellen Präsidenten Nana Akufo-Addo bringt Heinrich Bergstresser den Lesern politische Charaktere und Auseinandersetzungen im demokratischen Ghana näher und baut dabei auf langjährigen Aufenthalten in Westafrika auf. An manchen Stellen verliert er sich allerdings in technischen Details. An anderen verfällt er in Wiederholungen, bedingt durch die künstlich strikte Trennung zwischen politischem System, Wirtschaft und internationalen Beziehungen. Dass er die Auswirkungen des Kolonialismus erst im letzten Drittel unter „Religion und Politik“ einführt, wirft inhaltliche Fragen auf und scheint aus der Zeit gefallen. Technokratisch angehaucht, aber kenntnisreich liest sich Bergstresser wie eine ausgedehnte Länderanalyse des Hamburger GIGA Instituts. Wer zu Ghana arbeitet, findet hier einen aktuellen Einstieg.

Marc Engelhardt und Bettina Rühl wählen für Somalia einen anderen Zugang und verknüpfen historische und geopolitische Entwicklungen mit persönlichen Eindrücken und Einzelschicksalen. So bringen sie Struktur in die vermeintliche Anarchie des Bürgerkriegs, der das Land seit 1991 im Griff hat, und arbeiten die internationale, wie die profitorientierte Dimension des Konflikts heraus.

In Somalia bekriegen sich Warlords, Islamisten, Politiker und Geschäftsleute (wobei Letztere oft einer der anderen Gruppen angehören), aber auch internationale Akteure in wechselnden Allianzen. Gleichzeitig erwirtschaften sie in einer „Ökonomie ohne Staat“ eindrucksvolle Gewinne. Je nach Perspektive ist der Failing State deshalb durchaus leistungsfähig. So treibt die islamistische al Shabaab ähnlich der italienischen Mafia effizienter Schutzgelder ein, als der Staat Steuern erhebt. Die somalische Regierung und die vielen Milizen bereichern sich an Hilfsgeldern. Geschäftsleute stellen Infrastruktur wie die Energieversorgung bereit und verdienen kräftig daran. Ausländische Akteure wiederum sichern sich Zugang zu vermuteten Ölvorkommen.

In dieser Gemengelage beeindrucken die Somalier im Alltag durch kreative Überlebensstrategien und den Willen, sich selbst und den eigenen Landsleuten aus der Krise zu helfen. Immer wieder kehren Somalier aus der Sicherheit des europäischen oder amerikanischen Exils zurück und engagieren sich unter hohem persönlichen Einsatz und Risiko für Frieden und Stabilität. Das Gros der Bevölkerung leidet dennoch unter Gewalt und Vertreibungen, Dürren und Hungerkrisen, Armut und Arbeitslosigkeit. Es gibt viele Ranglisten, mit denen man Armut und Misswirtschaft messen kann, bei denen das Land immer einen der letzten Plätze belegt. Die Autoren sparen deshalb auch nicht an harscher, fundierter Kritik sowohl an lokalen Politikern als auch am internationalen Hilfesystem. Trotzdem machen sie deutlich, dass es angesichts der humanitären Katastrophen keine Alternative zur Hilfe gibt und dass mehr Engagement nötig und möglich ist. So wirken beeindruckende Summen zur Bekämpfung der Hungersnot in Somalia 2010 plötzlich kleinlich, wenn sie mit internationalen Ausgaben zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias verglichen werden.

Als preisgekrönte Auslands- beziehungsweise Afrika-Korrespondenten wissen Engelhardt und Rühl ihre Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Die ungewöhnliche Erzählstrategie, die Stimmen beider Autoren zu einem Ich-Erzähler zusammenzufassen, geht überraschenderweise auf und führt unmittelbar in ein Geschehen, das Stoff für Hollywoodfilme liefert. Mutige Journalisten treffen sich in Hinterzimmern mit islamistischen Aussteigern oder zahlen mit dem Leben dafür, dass sie Verstrickungen zwischen Warlords und illegaler Müllverklappung aus Europa recherchieren. Militärische Einsätze der Vereinigten Staaten oder Friedensmissionen der Afrikanischen Union scheitern dramatisch. Deutschland bildet 1000 Soldaten somalischer Spezialeinheiten aus, die dann aber nie in der Armee auftauchen. Und dann erscheinen die modernen Piraten. Der einzige Grund, warum dieses Buch keine Sachbuch-Bestsellerlisten anführen wird, ist das Sujet, wofür in Deutschland das Publikum fehlt. Für Laien als spannender Einstieg und für Kenner als fachkundiger Überblick ist es unbedingt lesenswert.

Marc Engelhardt/Bettina Rühl: Somalia – Warlords, Islamisten, Investoren.

Brandes & Apsel, Frankfurt 2019. 268 S., 24,90 .

Heinrich Bergstresser: Ghana – Die IV. Republik zwischen Vorbild und Mythos (1993–2018).

Brandes & Apsel, Frankfurt 2019. 255 S., 24,90 .

Quelle: F.A.Z.
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