Die neue Welt

Willkommen in der Elefanten-Welt

Von Klaus-Dieter Frankenberger
02.03.2021
, 12:01
Alexander Graf Lambsdorff hat Zeitung gelesen und über Deutschlands Rolle in der Welt nachgedacht.

Es ist nicht übermäßig originell, das afrikanische Sprichwort von den Elefanten, unter deren Kämpfen das Gras leidet, als Titel eines Buches zu wählen, das sich mit den Veränderungen der Machtverhältnisse in der Welt und den Bedrohungen beschäftigt, denen sich freiheitliche Demokratien im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegenübersehen. Und doch beschreibt es ziemlich genau, welche Konsequenzen etwa der Aufstieg Chinas und die zurückgekehrte Konkurrenz großer und halbgroßer Mächte haben – für den Westen, die Europäische Union und besonders für Deutschland, dessen Stellung in der Welt der Gegenwart ungemütlich geworden ist. Dabei ist genau das die Absicht des Autors: aufzuzeigen, was die EU und eben und vor allem Deutschland tun müssen, um nicht unter die Räder zu kommen, wenn die „Großen“ ihre Händel austragen, wenn autoritär-diktatorische Regime auf aggressive Weise ihre Interessen durchzusetzen suchen und im Falle Chinas gar nach globaler Dominanz streben.

Lambsdorff beschreibt den Zustand der Welt und zeichnet die politischen, wirtschaftlichen, geographischen und ideengeschichtlichen Entwicklungslinien nach. Er ist ein guter, kenntnisreicher und sensibler Beobachter der internationalen Politik und ein ebenso besorgt-kritischer wie energischer Verteidiger der europäischen Einigung. Das nimmt auch nicht unbedingt Wunder, schließlich gehörte Lambsdorff viele Jahre dem Europäischen Parlament an. Aber seine immer wieder variierte Feststellung, dass nur eine starke und geeinte Europäische Union das politische und wirtschaftliche Gewicht aufbringen kann, um der aufsteigenden asiatischen Supermacht China etwas entgegensetzen zu können, ist nicht von Sentimentalität getränkt, sondern das logische Resultat einer nachvollziehbaren, ja zwingenden Analyse.

Einem aufmerksamen Leser dieser Zeitung wird vieles bekannt vorkommen, was Lambsdorff darstellt und analysiert: das Gebaren autoritärer Regime; die zersetzende Wirkung der Verdrehung von Fakten und Lügen für die Demokratie; die geopolitischen Verschiebungen; die Bedeutung von technologischer Innovation und Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik; der wachsende Nationalismus in einigen Ländern der EU und die wachsende Tendenz, das Heil – in der Sicht des Autors fälschlicherweise – in nationalen Alleingängen zu suchen. Doch das schmälert in keiner Weise den Wert dieses Buches. Denn der Autor webt die einzelnen Stränge so zusammen, dass ein großes Bild dabei entsteht – ein realistisches, kein heimeliges Bild am Anfang neuer „kalter Kriege“. Man könnte auch neudeutsch sagen: Es ist die Zeit, in der die Resilienz der Demokratien – unserer Demokratie – einem großen Belastungstest unterzogen wird. Die vielen Hinweise auf die Krisenphänomene in den Vereinigten Staaten – Stichwort Trumpismus, Stichwort Sturm auf das Kapitol – dienen als Beleg dafür, wie verletzlich Demokratien geworden sind, selbst die westliche Führungsmacht. Dass er das Bündnis mit den Vereinigten Staaten trotz allem für eine Frage des Überlebens Europas hält, also für im Wortsinne existentiell, zeugt von einer realistischen Sicht auf die Begrenztheit der eigenen Mittel in einem weltpolitischen Großkonflikt.

Lambsdorff lässt immer wieder Autobiographisches einfließen – ob aus der Kind-, Schul- und Jugendzeit, ob von Stationen als junger Diplomat und Europapolitiker. Das verleiht der historischen Darstellung einen Schuss persönlicher Authentizität und wirkt nicht gestelzt, sondern erhellend. Es macht die Sache anschaulich.

Dass ein Mitglied einer freiheitlich-liberalen Partei ein Plädoyer für die Freiheit hält und dazu aufruft, deren Gegnern entgegenzutreten, einerlei, ob es sich um Rechtspopulisten im Inneren oder um eine staatskapitalistische Diktatur handelt, liegt nahe. Aber die freiheitliche Demokratie und die freiheitliche Lebensweise, der Autor nennt sie „unseren European way of life“, können Verteidiger wie Alexander Graf Lambsdorff gut gebrauchen, die wissen, das es ernst wird: „Mit den heraufziehenden kalten Kriegen (...) stehen Menschenrechte, Freiheit und Demokratie ebenso auf dem Spiel wie Völkerrecht, Multilateralismus und Freihandel.“ Es liegt auch und nicht zuletzt an Deutschland, dass Europa und der Westen sich behaupten können. Dessen Aufgabe formuliert der Autor so: „Deutschland muss dafür sorgen, dass Europa als wichtiger Teil des globalen Westens ein Kontinent der Demokratie, des Rechtsstaats und der Menschenrechte bleibt.“ Wer würde dem widersprechen? Die Probleme kommen dann, wenn eine hehre Aufgabe in konkrete Politik übersetzt wird – und die dann gegen Partikularinteressen und Einwände durchgesetzt werden soll. Ein starkes Europa – das ist Lambsdorffs Mantra. Es ist die Konsequenz aus der realpolitischen Beschränktheit von Souveränität heutzutage. Auch Großbritannien werde das noch schneller spüren, als es glaubt – die kleine Spitze kann sich der Autor nicht verkneifen. Oder anders ausgedrückt: „size matters“, besonders im Reich der Elefanten.

Alexander Graf Lambsdorff: Wenn Elefanten kämpfen. Deutschlands –Rolle in den kalten Kriegen des 21. Jahrhunderts.

Propyläen Verlag, Berlin 2021. 304 S., 24,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frankenberger, Klaus-Dieter
Klaus-Dieter Frankenberger
Redakteur in der Politik.
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