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Anspruch und Wirklichkeit

Ein Teelöffel „Katzenpipi“, dann fällst du um

Von Reinhard Bingener
 - 09:56

Seit die Deutsche Bischofskonferenz ihre Studie über sexuellen Missbrauch vorgestellt hat, liegt ein dunkles Kapitel der Bundesrepublik wieder aufgeschlagen auf dem Tisch der Öffentlichkeit. Denn Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat es auch in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gegeben, die formal streng an der Würde des Menschen ausgerichtet ist und das keineswegs nur im familiären Kontext oder an den äußersten Rändern der Gesellschaft. Nein, solche Gewalt geschah auch unter kirchlicher und staatlicher Aufsicht. Sie hatte teils System, sie wurde geduldet und verdrängt. Die Gewalt zeigte dabei sehr unterschiedliche Gesichter: An Orten wie der Odenwaldschule waren es sexuell motivierte Taten im Zeichen der Reformpädagogik, während in römisch-katholischen Einrichtungen zumeist ein autoritärer Klerikalismus den Hintergrund der Gewalt bildete. Viele Heimkinder wiederum bekamen in Gestalt der schwarzen Pädagogik vor allem die Nachwirkungen autoritärer Gesellschaftsmodelle am eigenen Leib zu spüren.

Einen weiteren Beitrag zur Aufklärung solcher Vergehen an Schutzbefohlenen leistet nun eine Studie zu den Gewalterfahrungen junger Psychiatriepatienten im sauerländischen St. Johannes-Stift, die Franz-Werner Kersting und Hans-Walter Schmuhl vorlegen. Die „Anstalt für geistig behinderte Kinder und Jugendliche“ in Marsberg war im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 1980 mit über tausend Bewohnern zumeist heillos überbelegt, was von den Autoren als eine wesentliche Ursache für die Missstände identifiziert wird. In dem St. Johannes-Stift wurden bei weitem nicht nur junge Patienten mit psychiatrischen Diagnosen untergebracht. Das Spektrum reichte von geistig Behinderten über straffällige Jugendliche bis zu irgendwie auffälligen Kindern und Jugendlichen. Sie alle waren in Marsberg unter völlig unzureichenden räumlichen Bedingungen zusammengepfercht. Unter Rückgriff auf den Soziologen Erving Goffman beschreiben die Autoren das St.Johannes-Stift als eine „totale Institution“, die auf die Überwachung sämtlicher Lebensäußerungen abstellt, um einen möglichst störungsfreien Betrieb zu ermöglichen. Das Buch wäre wohl auch ohne diesen Überbau zustande gekommen, doch bewährt sich das Konzept der „totalen Institutionen“ für die Marsberger Jugendpsychiatrie: Der Ansatz schärft den Blick dafür, wie allumfassend die Kontrolle dort war: Der Stuhlgang, das „Abtopfen“, war auf eine bestimmte Zeit terminiert, und musste in der Gruppe und der Reihe nach verrichtet werden; jedes Kind bekam dafür exakt fünf Blatt Toilettenpapier zugeteilt. Die Mahlzeiten, die von früheren Insassen als übelriechender Pamp beschrieben werden, mussten vollständig verzehrt werden. Wer nicht aufessen konnte, dem wurde das Essen buchstäblich reingeprügelt. Und wer sich übergab, musste das Erbrochene nach übereinstimmenden Berichten auslöffeln. Die körperliche Gewalt in Marsberg hatte etliche Facetten: Mal war es das Personal selbst, das mit der Hand, einem Rohrstock oder anderen Gerätschaften zuschlug. Die Mitarbeiter ordneten aber auch „Gruppenkeile“ durch andere Bewohner an oder es wurden sogenannte „Hausburschen“ mit der Züchtigung beauftragt. Die Repression kannte kaum Grenzen. Wer am Daumen lutschte, wurden mit kaltem Wasser traktiert, in das zusätzlich Eisklumpen hineingeworfen wurden. Auch Bettnässen wurde derart geahndet, aus heutiger Sicht völlig kontraproduktiv. Zum Einsatz kamen aber auch Elektroschocks und Isolation in Einzelzellen. Am gefürchtetsten war jedoch die Fixierung in Zwangsjacken sowie die Ruhigstellung durch Medikamente. Truxal – genannt „Hustensaft“ – oder Pipamperon – „Katzenpipi“ – wurden den Kindern und Jugendlichen offenbar in teils hohen Dosen verabreicht. „Drei Tage bist du dann außer Gefecht“, berichtet ein ehemaliger Bewohner. „Dann kriegst du nichts mehr mit. Fällst du um. Und dann wirst du zwanghaft wachgehalten.“ Nicht nur die Ärzte der Anstalt, auch Schwestern und Pfleger durften Medikamente eigenständig verabreichen; die Grenzen zwischen Therapie, Bestrafung und Betriebsoptimierung waren dabei fließend.

Im Johannes-Stift hat es auch sexualisierte Gewalt gegeben. Der Missbrauch geschah unter den Bewohnern, durch die „Hausburschen“, aber offenbar auch durch das Personal. Gegen einen Mönch von außerhalb wird der Vorwurf der Vergewaltigung erhoben, zudem berichten mehrere männliche Bewohner von Übergriffen insbesondere durch Ordensschwestern.

Obschon seit 1911 in Trägerschaft der staatlichen westfälischen Verwaltung, waren am St. Johannes-Stift bis 1980 Vinzentinerinnen, die den früheren Bewohnern augenscheinlich als besonders gefühlskalt in Erinnerung blieben. Anfang der siebziger Jahre wies der Leiter der Anstaltssonderschule, Gerhard Kroh, in einem Schreiben an das Kultusministerium darauf hin, dass die Ordensschwestern nicht ausreichend für ihre Arbeit qualifiziert seien. Die Vinzentinerinnen setzten darauf bei der staatlichen Verwaltung die Ablösung Krohs durch, was wiederum Krohs Ehefrau dazu veranlasste, in einem Schreiben an den damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zahlreiche Missstände in der Einrichtung aufzulisten. Und tatsächlich nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, die jedoch fast sämtlich wieder eingestellt wurden. Im Ergebnis kam es nicht zu einer einzigen Verurteilung. In den meisten Fällen stand Aussage gegen Aussage und den Bewohnern wurde von der Anstaltsleitung sowie einer Gutachterin pauschal die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Auch dieses Vorgehen, das Absprechen eines eigenständigen Urteilsvermögens der Bewohner, fügt sich in das Konzept totaler Institutionen.

Immerhin schärften die Behörden den Mitarbeitern daraufhin ein, künftig nicht mehr gewalttätig zu werden. Schon seit Ende 1969 musste das Personal jährlich ein Revers unterzeichnen, laut dem erzieherische Maßnahmen die Menschenwürde nicht verletzen dürften.

Das führt zu der Frage, wie die Entwicklungen im Marsberger St. Johannes-Stift einzuordnen sind. Im Zuge der Heimkinder-Debatte wurde immer wieder berichtet, dass die „schwarze Pädagogik“ seit Ende der sechziger Jahre zunehmend auf Widerspruch stieß. Geschah genau das damals auch im Sauerland? Gern hätte man auch mehr darüber gewusst, welchem Gedankengut die Bewohner des Johannes-Stifts nach dem Krieg eigentlich ausgesetzt waren: War es lediglich der Geist eines katholischen Autoritarismus, der aufgrund des Einflusses der Nonnen auch in dieser staatlichen Organisation vorherrschte, oder scheint in Marsberg auch noch etwas anderes durch? Ehemalige Bewohner berichten, sie seien als „unwertes Leben“ betrachtet worden. „Früher hätte man euch vergast“ – auch an diesen Spruch erinnert sich ein Bewohner.

Die vorgelegte Studie hält sich mit Einordnungen zurück. Den Autoren Kersting und Schmuhl geht es vor allem darum, aus den schriftlichen Quellen, vor allem aber mit Hilfe von Interviews mit ehemaligen Bewohnern ein realistisches Bild der Zustände in der Jugendpsychiatrie zu erstellen. Die Autoren schreiben, dass sich vor allem Bewohner mit schlechter Erinnerung an das St. Johannes-Stift bei ihnen gemeldet haben dürften. Auf die Bildung einer Kontrollgruppe hätten sie dennoch verzichtet, weil dies „als falsches Signal an die Betroffenen“ hätte gewertet werden können. So ist die Studie wohl nicht primär ein Beitrag zur Forschung, sondern vor allem als Beitrag zur Aufarbeitung zu werten. Den Wert des Buches schmälert das keineswegs, zumal sich die Autoren um Fairness gegenüber dem Personal bemühen und zu einem abgewogenen Gesamturteil gelangen: Die Einrichtung in Marsberg war völlig unzureichend ausgestattet, worauf die Verantwortlichen auch immer wieder hinwiesen. Eine systematische Gewaltanwendung hat es dort nicht gegeben, wohl aber systemisch bedingte Gewaltverhältnisse, die bereits in den fünfziger und sechziger Jahren gegen damalige Moralvorstellungen verstoßen haben dürften.

Misst man die geschilderten Zustände an aktuellen Maßstäben, waren sie menschlich oftmals abstoßend und therapeutisch grotesk. Hochmütig wäre indes die Annahme, dass diese aktuellen Maßstäbe in vergleichbaren Einrichtungen gegenwärtig auch flächendeckend umgesetzt werden. Die menschenwürdige Behandlung von Jugendlichen in schwierigen Situationen bleibt eine Daueraufgabe.

Franz-Werner Kersting / Hans-Walter Schmuhl: Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980).

Ardey Verlag, Münster 2018. 382 S., 24,90 .

Quelle: F.A.Z.
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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