Barack Obamas Memoiren

Vorwärts in die Vergangenheit

Von Stephan Bierling
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 13:59
Der Memoirenautor im Wahlkampf für seinen ehemaligen Vize Joe Biden im Oktober.zur Bildergalerie
Barack Obama offenbart im ersten Teil seiner Memoiren, was er von Angela Merkel und Wladimir Putin hält. Vergangenheit wird plötzlich brandaktuell. Über seine innersten Antriebskräfte erfährt man kaum etwas.

Lange bevor Barack Obama Berufspolitiker wurde, war er Bestseller-Autor. Sein Buch „Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“, 1995 im Original erschienen, wurde in 24 Sprachen übersetzt und verkaufte sich millionenfach. Der „Guardian“ nannte es später das „mit Abstand ehrlichste, mutigste und ehrgeizigste Buch eines wichtigen amerikanischen Politikers in den vergangenen 50 Jahren“, „Time“ die „bestgeschriebenen Memoiren, die ein amerikanischer Politiker je produziert hat“. Selbst Philip Roth, der größte amerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, fand es „sehr überzeugend und unvergesslich“. Die Audio-Version, vom Autor gesprochen, brachte ihm 2006 einen Grammy ein, die höchste Auszeichnung der Musikindustrie.

Die Erwartungen an seine Erinnerungen sind also gewaltig – auch für den Verlag Penguin Random House: 2017 ersteigerte er die Rechte an den Memoiren von Barack Obama und seiner Frau Michelle für 65 Millionen Dollar. Bei der ehemaligen First Lady erwies sich das als Schnäppchen: Ihre Autobiographie „Becoming“ verkaufte sich weltweit 14 Millionen Mal. Die ihres Mannes dürfte nicht hinter diesen Zahlen zurückbleiben. Die Startauflage von „Ein verheißenes Land“ ist einem Polit-Rockstar mit 215 Millionen Followern in den sozialen Medien angemessen: 5,5 Millionen Exemplare in 25 Sprachen, davon 300 000 auf Deutsch. Kramer’s, Washingtons legendäre Buchhandlung am Dupont Circle, öffnete am 17. November, dem globalen ersten Verkaufstag, schon um Mitternacht, um seine Kunden nicht bis Sonnenaufgang warten zu lassen. Das erinnerte mehr an den Hype um einen neuen Harry-Potter-Band als an einen Politikschmöker. Die Schwerkraft des Buchstarts war so enorm, dass die britische Booker-Jury ihre jährliche Preisverleihung um zwei Tage auf den 19. November verschob.

Ein glänzender Stilist

Im Gegensatz zu seiner Frau beschäftigte der ehemalige Präsident keinen Ghostwriter, sondern schrieb selbst per Hand auf gelbe Notizblöcke. Die Folge: Statt des geplanten einen Buchs mit 500 Seiten, das er innerhalb von zwölf Monaten fertigstellen wollte, werden es zwei Bände. Der erste mit mehr 750 Seiten (1000 in der deutschen Übersetzung) kam mit zweieinhalbjähriger Verspätung auf den Markt. Er umfasst Obamas politisches Erwachen als Student, seine frühen Wahlkämpfe in Illinois, seine Präsidentschaftskandidatur und seine ersten drei Amtsjahre. Das Buch schließt 2011 mit einem Treffen mit dem SEAL-Team, einer Spezialeinheit der Navy, die Usama Bin Ladin in Pakistan zur Strecke gebracht hatte. Einen besseren Zeitpunkt für die Publikation hätte man schwerlich finden können. In seinen Jahren im Weißen Haus hat Donald Trump Präsidentschaft und Demokratie schwer beschädigt. Obama mag Fehler begangen haben, sein distanzierter und zurückhaltender Charakter machten ihn zu einem wenig effektiven Parteiführer und Regierungschef. Doch im Gegensatz zum Amtsinhaber besaß er Würde, Eloquenz und Humor.

Präsidentenmemoiren sind meist Verkaufsschlager – und oft langweilig. Wenige stechen heraus, die Ulysses Grants etwa, der als General den Bürgerkrieg gewann und den Schwarzen im Süden ihre Rechte sicherte, oder die Dwight D. Eisenhowers, des Weltkriegssiegers und klugen Strategen. Obamas Erinnerungen haben viele, aber nicht alle von deren Vorzügen: Er ist ein glänzender Stilist, analysiert mit messerscharfem Verstand, reflektiert über seine Schwächen und nimmt sich bei alledem nicht allzu ernst. Immer wieder streut er freche Skizzen wichtiger amerikanischer Politiker und internationaler Staats- und Regierungschefs ein. Selbst für politische Gegner findet er faire Worte. Bei allen inhaltlichen Differenzen hält Obama seinen Vorgänger George W. Bush für „geradlinig, entwaffnend und selbstironisch“, seinen republikanischen Rivalen ums Präsidentenamt John McCain für „grundanständig“.

Ein ehemaliger Präsident als Gepäck

An Angela Merkel schätzt er die „stoische Art“ und ihr „nüchtern-analytisches Bewusstsein“, während er Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als „Inbegriff von Gefühlsausbrüchen und übertriebener Rhetorik“ wahrnimmt. Seine galligsten Worte reserviert Obama für Wladimir Putin: Er sei Chef von etwas, „das ebenso einem kriminellen Syndikat ähnelte wie einer klassischen Regierung“. Mit Wonne erzählt er, wie er am Ende der Kopenhagener Klimakonferenz 2009 in ein Treffen von Chinas Premier Wen Jiabao platzte und drohte, ihn vor versammelter Weltpresse für das Scheitern des Gipfels verantwortlich zu machen, falls er nicht einlenke – was dieser prompt tat.

Zwischen seine oft professoral ausladenden Politikanalysen streut Obama Amuse-Bouches, die den Leser bei all den schweren Gedankengängen mit kurzweiligen Leckerbissen verwöhnen. Als ihn sein Wahlkampfmanager David Axelrod erstmals den (später epochalen) Slogan „Yes, we can“ in einem TV-Spot sagen lässt, findet Obama das kitschig. Erst Michelle überzeugt ihn vom Gegenteil. Den saudischen König fragt Obama, wie er denn mit zwölf Ehefrauen zurechtkommt. Die Antwort: „Sehr schlecht. . . . Es ist komplizierter als die Politik im Nahen Osten.“ Seine schärfste Konkurrentin im Vorwahlkampf, Hillary Clinton, respektiert Obama über alle Maßen, bietet ihr aber 2008 den Job als Vize nicht an, weil sie Bill und damit einen ehemaligen Präsidenten als Gepäck mitbrächte.

Kann Biden Amerika heilen?

Woran es dem Buch, gerade im innenpolitischen Teil, mangelt, ist das, was auch Obamas Präsidentschaft abging: Emotion, Kampfeslust, Zuspitzung, heiliger Zorn ob der Obstruktionspolitik der Republikaner. Da wünscht man sich etwas von dem rohen Politikverständnis eines Lyndon B. Johnson, oder, o je, vom Feuer und Seelen-Striptease eines Trump. Über Obamas innerste Antriebskräfte erfährt der Leser wenig, eine echte Selbstoffenbarung, die große Memoiren auszeichnet, bietet er selten. Das hat wohl mit seiner introvertierten Persönlichkeit zu tun, ist aber politisch erklärbar: Als erster schwarzer Präsident ist er sich unausgesprochen bewusst, dass er mehr an Ton, Auftreten und Stil gemessen wird als seine Vorgänger. Brandreden und Frontalangriffe wären ihm – wie auch einer Frau – kaum vergeben worden, nicht im Amt und nicht in den Erinnerungen.

Selbst bei aller vornehmen Zurückhaltung blieb der politische Rückschlag nicht aus: So offenkundig Obamas Präsidentschaft einen Markstein für ein junges, buntes Amerika setzte, so wütend formierte sich zugleich der Widerstand dagegen, vor allem bei schlechter ausgebildeten älteren Weißen. Am wahrsten und düstersten sind folgende Zeilen: „Es war, als hätte meine Gegenwart im Weißen Haus eine tief verwurzelte Angst geweckt, als glaubten meine Gegner, die natürliche Ordnung der Dinge löse sich auf.“ Trump befeuerte „hemmungslos“ diese Ängste „vor einem Schwarzen Mann“ und versprach Millionen Amerikanern „ein Elixier zur Behandlung ihrer ethnischen Ängste“. Ob die Geschwulst des Rassismus von der Person herausgeschnitten werden kann, die Obama am wärmsten würdigt? Vielleicht schon: Joe Biden hält er für beschlagen, pragmatisch, anständig und ehrlich und damit für genau das, was dem Land in den vergangenen vier Jahren so sehr fehlte.

Barack Obama: Ein verheißenes Land. Penguin Books Deutschland, München 2020. 1024 S., 42,– .

Quelle: F.A.Z.
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