Leben im Osten

Von der real existierenden Existenz

Von Stefan Locke
30.11.2021
, 10:47
Arbeiten an der Berliner Mauer
Der "real existierende Sozialismus" deutscher Prägung wird in allen seinen schlimmen und absurden Facetten gezeigt. Aber weniger wäre auch hier mehr gewesen.
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Dieses Buch hat starke Momente, ist aber auch ein Ärgernis. Zunächst zu Ersterem: Bis heute gibt es über das Leben in der DDR sehr holzschnittartige Anschauungen, wobei die holzschnittartigsten von Leuten kommen, die die DDR nie angeschaut haben und die sich eher selten für Berichte der Dabeigewesenen interessieren. Immerhin, die Lage bessert sich, und das hat auch mit dem seit geraumer Zeit wachsenden Bestand an Ost-Biographien zu tun, dem Rainer Eckert eine weitere hinzufügt. In diesem Fall ist es die Binnensicht eines halboppositionell-akademischen Milieus, wie es wohl nur in der DDR gedeihen konnte, gemischt mit einem Alltag, wie es ihn vor allem in der DDR gab, sowie persönlichen Begebenheiten, wie sie wohl überall auf der Welt vorkommen.

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Eckert kam im Jahr nach der DDR-Gründung in Potsdam zur Welt, der Vater verstarb früh, die Mutter brachte den Jungen allein durch. Dies schaffte sie mithilfe der Großeltern, die bescheiden in Westberlin lebten. Von Potsdam aus war das ein Katzensprung – zumindest bis zum 13. August 1961; den Mauerbau erlebte Eckert hautnah mit. Durch die Abriegelung der Teilstadt waren beide Familienteile füreinander in unerreichbare Ferne gerückt, seinen Großvater sah Eckert nie wieder. Damals habe er begonnen, „die SED-Diktatur und ihre kommunistische Führung endgültig zu hassen“, schreibt er. Gesteigert wurde das durch widerliche Bettelbriefe, die seine Mutter an staatliche Stellen richtete, damit wenigstens die Oma eine Reiseerlaubnis bekam – was erst gelang, nachdem die Mutter einen früher mal mit ihrem Mann bekannten SED-Funktionär angesprochen hatte oder vielmehr verbal auf Knien an ihn herangerutscht war.

„Für die Versagung und Ungültigkeitserklärung von Visa und Berechtigungsvermerken bedarf es keiner Begründung“, zitiert Eckert aus dem DDR-Passgesetz und fasst zusammen: „Der Bürger war der Diktatur hilflos ausgeliefert.“ Verwaltungsgerichte gab es nicht, gegen den Staat und seine Entscheidungen konnte sich der einzelne Bürger nicht wehren. Das ist schon mal eine wichtige Erkenntnis besonders für jene, die nie eine Diktatur erlebt haben, aber heute gern mal leichtfüßig davon schwurbeln, die Bundesrepublik sei auf dem Weg in eine solche, aber auch für alle, die in der DDR gelebt haben und inzwischen jede Zumutung, und sei sie noch so klein, mit Kommentaren wie „ist ja wie früher“ versehen oder bejammern.

Eckert schildert anschaulich, dass das, was sich Sozialismus nannte, zumindest im Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern eher eine Art Feudalismus war. Die Obrigkeit gewährte Gunst, sofern sich die Menschen im Sinne des Staates verhielten. Daran wiederum dachte Eckert nicht. Prägende Erlebnisse seien für ihn die Sprengung der Potsdamer Garnisonkirche und der „Prager Frühling“ gewesen, schreibt er. Mit Anfang 20 geriet er ins Visier der Staatssicherheit, die, aufs Gleis gesetzt durch plauderfreudige Spitzel unter Kommilitonen und Freunden, den Operativen Vorgang „Demagoge“ anlegte. Es ging um „staatsfeindliche Hetze und Gruppenbildung“, die unterbunden und „zersetzt“ werden sollte. Binnen drei Jahren sammelte die Stasi Material und infiltrierte die Gruppe, sah aber letztlich von schärferen Maßnahmen ab, auch weil der Gruppe ein Neffe des Politbüro-Mitglieds Erich Mückenberger angehörte.

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Jener Neffe wiederum gehörte zur raren Spezies der Mauerspringer, die eine sportliche Mutprobe daraus machten, nach Westberlin hinüberzuspringen, und, um nicht entdeckt zu werden, auf gleiche Weise in den Ostteil der Stadt zurückkehren mussten, was ihnen erstaunlicherweise mehrfach gelang. Geprägt von Abenteuerlust und Unbekümmertheit, sind auch Eckerts Beschreibungen von Ungarn, Bulgarien, Rumänien und der Tschechoslowakei, wohin er mehrfach trampte. Das Lebensgefühl dabei dürfte sich kaum von dem junger Leute in anderen Ländern unterschieden haben: „Wir fühlten uns frei“, resümiert er.

Die Absurdität des DDR-Alltags wartete daheim. Eckert durfte studieren, wurde aber wegen oppositionellen Verhaltens in den Wasserstraßenbau geschickt. Dort wurde er FDJ-Sekretär für Agitation und Propaganda, obwohl er zuvor aus der Jugendorganisation geworfen worden war, hier aber alle froh waren, dass überhaupt jemand den Job übernahm. In dieser Diktatur war eben gerade nicht alles folgerichtig und logisch, sondern willkürlich, erratisch, unglaublich. „Diese DDR war manchmal saukomisch, aber eben nicht sehr lustig“, urteilte mal der Ostberliner Kabarettist Peter Ensikat. Nach der „Bewährung“ konnte Eckert zwar sein Geschichtsstudium beenden, versauerte dann jedoch bis 1989 in der Dokumentation des Zentralinstituts für Geschichte der DDR; eine Forschungsstelle blieb ihm verwehrt. Die friedliche Revolution war auch da eine Befreiung, und Eckert protokollierte, wie etwa der Institutsdirektor vor dem Besuch der Westberliner Wissenschaftssenatorin die Klassiker des Marxismus-Leninismus in seinem Büro durch Werke westdeutscher Historiker ersetzen ließ. Er war bei den heftigen Auseinandersetzungen in der ostdeutschen Historikerzunft dabei und bei der Evaluation der Institute durch überwiegend westdeutsch besetzte Kommissionen, die „ohne ausreichende Sachkenntnis“ über ostdeutsche Wissenschaftler meist den Daumen senkten. „Gut in Erinnerung habe ich, mit welcher Verachtung die Evaluatoren . . . etwa die ausgezeichnete Bibliothek des Instituts für Deutsche Geschichte inspizierten“, schreibt er. „Sie suchten ihre eigenen Publikationen, die bei den komplizierten Beschaffungswegen noch nicht vorhanden sein konnten, und urteilten dann abfällig. So ließ die Evaluation der DDR-Historiografie nicht mehr nur bei mir die Frage entstehen, wie es denn um die Qualität der bundesdeutschen Lehre und Forschung bestellt war.“

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Statt gemeinsam etwas Neues zu entwickeln, seien fast alle ostdeutschen In­stitutionen aufgelöst und die westdeutsche Forschungslandschaft durchgesetzt worden, bedauert Eckert. Er selbst immerhin hatte Glück, konnte an der Humboldt-Universität in Berlin bleiben und später das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig mit aufbauen und leiten, das wiederum organisatorisch zum Bonner Haus der Geschichte gehört.

Eckerts Erlebnisse ergeben ein reichhaltiges und realistisches Bild des Lebens in der DDR. Gleichwohl, und damit zum ärgerlichen Teil, sind sie über weite Strecken kein Lesegenuss. Zu oft verliert sich der Autor in familiären Details, listet akribisch Namen und Daten auf, die nur ihm etwas sagen, und beschreibt Orte und Ereignisse, die zum allgemeinen Verständnis nichts beitragen. Herausgekommen ist eine völlig überfrachtete Lebensbeichte in bisweilen arg bürokratisch substantivierter Sprache, viel Redundanz und einer – etwa bei seitenlangen Ausführungen über Liebschaften sowie Depressionen, Magenschmerzen und Nierenkoliken – enervierenden Geschwätzigkeit. Weniger wäre hier viel mehr gewesen.

Rainer Eckert: Leben im Osten. Zwischen Potsdam und Berlin 1950 bis 1990. Biografische Aufzeichnungen. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021. 650 S., 30,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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