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Bösartige Gerüchte

General mit Zivilcourage

Von Peter Carstens
 - 12:26
Günter Kießling bei Bundespräsident Karl Carstens

Mitte der achtziger Jahre wurde General Günter Kießling Opfer einer Bundeswehr-Affäre. Unter Beteiligung höchster Nato-Stellen, zahlreicher Spitzenbeamter auf der Bonner Hardthöhe, des Militärischen Abschirmdienstes und sogar der Kölner Kripo und des Ministers selbst geriet der vollkommen unbescholtene Offizier in ein Kesseltreiben. Der Vorwurf: Er sei homosexuell und verkehre in der Schwulen-Szene, sei somit ein Sicherheitsrisiko. Homosexualität war damals unter Erwachsenen nicht mehr verboten, im geistigen Kosmos des Militärs aber eine abartige Veranlagung, zumindest eine eklatante Schwäche. Es war eine Skandalgeschichte aus wüsten Verdächtigungen und falschem Zeugnis. Am Ende war Kießlings Reputation zerstört, der damalige Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) schwer beschädigt und manche von Kießlings Generalskameraden als Opportunisten blamiert.

Wie es dazu kommen konnte, hat der Offizier und Historiker Heiner Möllers minutiös nachgezeichnet. Möllers, der als Oberstleutnant am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam arbeitet, verbindet dabei spannende Schilderungen der Abläufe im Januar 1984 mit einem abgewogenen, klaren Urteil.

Die Affäre begann mit Gerüchten. Günter Kießling war nach einer beachtlichen Karriere in der Bundeswehr in den höchsten militärischen Rang eines Vier-Sterne-Generals aufgestiegen. Es war die Krönung einer militärischen Laufbahn, die für Kießling als Leutnant an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang genommen hatte. Nach dem Krieg hatte er sein Abitur nachgeholt, beim Bundesgrenzschutz gearbeitet, Wirtschaft, Jura und Philosophie studiert und promoviert. In der Bundeswehr stieg er zügig auf, Bataillonskommandeur, Brigadegeneral mit 45 Jahren, später stellvertretender Befehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte in Schleswig-Holstein.

Dort stieß Kießling wohl auf den britischen Kollegen, der nach Möllers Darstellung Urheber des Skandals war. Nachdem bekanntwurde, dass Kießling als stellvertretender Oberbefehlshaber der Nato nach Belgien wechseln sollte, behauptete Sir Anthony Farrar-Hockley gegenüber dem amerikanischen Oberbefehlshaber Bernard Rogers in zwei denunziatorischen Briefen, dass Kießling allgemein als homosexuell gelte. Ein General als Junggeselle, der mit dem Fahrrad zum Dienst kam, das mochte noch angehen. „Aber ein schwuler General in seinem Hauptquartier, dazu noch als sein persönlicher Stellvertreter, das war für ihn einfach unerträglich“, schreibt Möllers über den eitlen Rogers, der sich aufführte, wie ein amerikanischer Vizekönig. Rogers, „aufgebracht und zornesrot“, forderte den deutschen Büroleiter seines künftigen Stellvertreters auf, in Bonn dafür zu sorgen, dass Kießling verhindert werde.

Das unterblieb. Bonn wurde informiert, mehrere Abteilungen wussten Bescheid, taten aber nichts. Vor allem unterrichtete kein Generalskamerad Kießling über die gefährlichen Gerüchte, die zu seiner sofortigen Entlassung führen konnten. So trat Kießling 1982 seinen Dienst bei der Nato an, ahnungslos. Der Amerikaner mied ihn, wo er konnte. Rogers verachtete das deutsche Wegducken unter das Zwei-Prozent-Ziel der Nato (damals schon!), misstraute ehemaligen Wehrmachtsoffizieren und sah in seinem eigenbrötlerischen Stellvertreter eine Beleidigung seiner puritanischen Moralvorstellungen. Kießling, der Gemiedene, begab sich auf ausgedehnte Rundfahrten und lebte in der Brüsseler Party-Gemeinde zahlloser unterbeschäftigter Generäle ein isoliertes Dasein. Er begann den baldigen Ruhestand herbeizusehnen. Unterdessen nahm in Bonn das Unglück seinen Lauf. Getuschel wurde zu amtlichen Vermerken, Gerüchte zu phantasievoll angereicherten Dossiers. Der General sei „händchenhaltend mit einem Oberst“ gesehen worden, in Frauenkleidern vor einem Berliner Lokal, er verkehre als „Günter von der Bundeswehr“ in Kölner Schwulenkneipen. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) begann zu ermitteln, ebenso schlampig und vorurteilsbeladen wie die Ministerialbürokratie. Sogar die Kölner Kripo wurde eingeschaltet, deren vage Erkenntnisse aufgebauscht. Am Ende ging die Sache zum Minister. Manfred Wörner, ein schneidiger Reserveoffizier und der Minister der Bundeswehr-Herzen, suchte zunächst nach einer stillen Lösung, doch der Apparat hatte das Kreißen längst begonnen und gebar immer neue Ungeheuerlichkeiten. Kießling wurde als Sicherheitsrisiko betrachtet und entlassen, ohne militärische Ehren. Nur wenige kritisierten das Verfahren.

Kießling seinerseits unternahm dann etwas, das auch in den Kommentaren dieser Zeitung seinerzeit als ziemlich unerhört kritisiert wurde: Er wehrte sich. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende nahm der Gedemütigte keine Pistole an die Schläfe, sondern engagierte einen Anwalt, die Bonner Koryphäe Konrad Redeker. Der lehrte den Minister und dessen Staatssekretär das Fürchten. Man mochte sich auf der Hardthöhe gewünscht haben, ebenfalls auf einen solchen externen Rechtsberater zurückgreifen zu können. Stattdessen verließen sich Wörner und die Ministerialgenerale auf geltungssüchtige Zeugen und glitten immer tiefer in den Treibsand übler Nachreden. Nicht nur juristisch geriet Wörner in Bedrängnis. Kießling mobilisierte auch die Boulevardpresse, insbesondere den Kölner „Express“, der durch Recherchen eines einzigen Journalisten mehr zur Wahrheitsfindung beitrug als der MAD. Am vorläufigen Ende der Geschichte wurde Kießling rehabilitiert und mit militärischen Ehren verabschiedet, auch bei der Nato. Seine Offizierskameraden, die ihn verleugnet und im Stich gelassen hatten, verweigerten ihm selbst das traditionelle Abschiedsessen. Kießling blieb beruflich aktiv und gründete später eine Stiftung, deren Preis bis heute an Truppenverbände vergeben wird, die sich um die bundeswehreigene Traditionspflege kümmern. 2009 ist Kießling gestorben.

Das Buch von Heiner Möllers über die Affäre ist ein großes, kühl geschriebenes Lehrstück über die Wucht des Gerüchts und die jedenfalls damals immer noch verbreitete Rückgratlosigkeit der deutschen Generalität. Es beschreibt den Mut und Kampfgeist eines einzelnen Staatsbürgers in Uniform, die Macht des Rechts und, nicht zuletzt, der recherchierenden Presse. Manfred Wörner, der später als Nato-Generalsekretär nach Brüssel wechselte, war als versierter Bundeswehrfan ins Amt gelangt. Sein ungeschicktes Agieren in der Affäre und sein rufmordendes Verhalten gegenüber dem General mag als Beleg dafür gelten, dass es keineswegs von Vorteil sein muss, wenn ein gedienter Kenner der Bundeswehr das Verteidigungsministerium führt.

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr.

Ch. Links Verlag, Berlin 2019. 368 S., 25,– .

Quelle: F.A.Z.
Peter Carstens - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Carstens
Politischer Korrespondent in Berlin
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