Bundesnachrichtendienst

Gesucht: Ein roter Faden

Von Jörg Echternkamp
17.05.2021
, 13:54
Wie hat der BND mit Partnern im Westen kooperiert? Viel Neues erfährt man hier dazu nicht.

Der Bundesnachrichtendienst kommt nicht aus den Schlagzeilen. Wo verlaufen die Grenzen der Überwachung? Eben erst hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, nach dem die BND-Mitarbeiter auf ihrem Weg zum Ausspähen im Ausland höhere rechtlichen Hürden nehmen müssen. Darüber hinaus wird künftig ein Unabhängiger Kontrollrat dem Geheimdienst über die Schulter schauen, damit er seinen gesetzlichen Auftrag auch im gesetzlichen Rahmen erfüllt. Umstritten bleibt, inwieweit das neue Gesetz den Forderungen aus Karlsruhe Rechnung trägt. Kann die Kooperation des BND mit Partnerdiensten unbequemen Journalisten im Ausland schaden? Klar ist dagegen, dass eine solche öffentliche Debatte über die verdeckte Überwachung in der Nachkriegszeit nicht möglich gewesen wäre. Geheimdienste waren geheim.

Da scheint eine neue Publikation aus den Reihen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes zur rechten Zeit zu kommen: Wolfgang Krieger nimmt hier, wie es im Untertitel heißt, die Beziehungen des BND zu den westlichen Geheimdiensten von 1946 bis 1968 unter die Lupe. Das Thema ist ja nicht nur für Freunde von Spionagegeschichten interessant oder für Spezialisten der Geheimdienstgeschichte, die sich längst als eine epochenübergreifende historische Teildisziplin etabliert hat. Die Geschichte des westdeutschen Auslandsgeheimdienstes, der 1956 aus der tief in der NS-Zeit wurzelnden „Organisation Gehlen“ hervorging, ist zwangsläufig eine Geschichte der internationalen Beziehungen. Hier wird zudem ein wichtiger Aspekt der Frühgeschichte der Bundesrepublik beleuchtet, ging es doch darum, das Verhältnis zu den Siegermächten neu zu definieren. Die USA, Großbritannien und Frankreich setzten seit Beginn des Kalten Krieges auf eine breit angelegte „Politik der Einflussnahme“, die nicht zuletzt auf die einstige Elite der Wehrmacht und den Kampf gegen den Kommunismus zielte. Das Interesse der westdeutschen Seite lag darin, sich zu einem Geschäftspartner auf Augenhöhe zu entwickeln. Der Versuch ist reizvoll, dieses machtpolitische Geflecht durch eine Beziehungsgeschichte der „Partnerdienste“ zu entwirren, die zeigt, wie sich die Parteien gegenseitig eingeschätzt haben, welche Informationen sie teilten und wie sich die Kooperation hinter den Kulissen bis in die späten 1960er Jahre weiterentwickelte.

Misslich ist es freilich, wenn dieses wechselseitige Verhältnis letztlich nur von einer Seite aus untersucht werden kann. So ist der Zugang zu den einschlägigen französischen und britischen Akten weiterhin versperrt. Zwar stehen die amerikanischen Dokumente seit den 1990er Jahren zur Verfügung. Ihre Brauchbarkeit wird jedoch durch eine Freigabepolitik beschränkt, die tunlichst keinen Einblick in eigenes Fehlverhalten gewährt. Krieger stützt sich daher in erster Linie auf Akten des BND sowie Bestände des Bundeskanzleramtes. Gleichwohl gibt es geschwärzte Textpassagen, die dem Leser signalisieren sollen, wo es Eingriffe des BND gegeben hat, die der Verfasser für unrechtmäßig hält.

Nun ist das Quellenproblem dem Autor nicht zu anzulasten. Die Frage ist jedoch, wie er auf dieser Grundlage seine Beziehungsgeschichte anlegen will. Krieger entscheidet sich, etwas überraschend, gegen eine überwiegend thematisch orientierte Gesamtdarstellung der geheimdienstlichen Konstellationen in ihrem chronologischen Verlauf. Stattdessen will er die Entwicklung der Beziehungsgeflechte zwischen der deutschen und der amerikanischen, französischen und britischen Seite jeweils getrennt in den Blick nehmen, um die Besonderheiten, „die unterschiedlichen Mentalitäten und Interessen der drei Westmächte“, optimal auszuleuchten. Umso mehr kommt es dann freilich darauf an, die beziehungsgeschichtliche Untersuchung durch eine klare Leitfrage zu strukturieren, die es auch erst erlaubt, die jeweiligen Ergebnisse systematisch aufeinander zu beziehen.

Krieger unterscheidet eingangs zwei Modelle der Zusammenarbeit: einerseits das der hegemonialen Kooperation, die zugleich der Kontrolle diente (man denke an den geheimdienstlichen Austausch der Kommunistischen Parteien unter Moskaus Führung); andererseits das britisch-amerikanische Modell der gleichberechtigten Kooperation (an dem sich der frühe BND orientierte). Auch wenn die Zusammenarbeit vor allem mit der CIA für den BND lange Zuarbeit bedeutete: Als die Bundesrepublik 1955 in die NATO aufgenommen und offiziell Teil des westlichen Militärbündnisses wurde, konnten die westdeutschen, amerikanischen, britischen und französischen Geheimdienste bereits auf einen mehrjährigen Informationsaustausch bei der „Aufklärung“ der sowjetischen Gegenseite zurückblicken. Deutlich wird auch noch einmal, wie sehr sich Kooperation unter Geheimdiensten als ein Tauschgeschäft verstehen lässt. Ob es um schillernde Persönlichkeiten wie den einstigen Offizier der Waffen-SS Otto Skorzeny ging oder um sowjetische Verbindungsoffiziere in einer anderen Besatzungszone: Kooperation hieß Geben und Nehmen von möglichst gleichwertigem Material. Das dazu notwendige Vertrauen ging nicht selten auf Kontakte in der NS-Zeit zurück. Einerseits war es schnell verspielt, wenn eine Seite Wissen zurückhielt, von dem die andere Seite längst wusste, das sie es besaß. Andererseits bestand das Risiko, zu einer „billigen Quelle“ der vermeintlichen Kooperationspartner zu werden, die sich unter dem Deckmantel der Zusammenarbeit allzu leicht abschöpfen ließ.

Wer die Geschichte von Geheimdiensten schreibt, lockt sein Publikum gerne mit dem Versprechen, lange gehütete Geheimnisse zu enthüllen. Auch dieses Buch wirbt damit, nicht einfach Unbekanntes herauszuarbeiten, sondern Verborgenes erstmals freizulegen. Doch über weite Strecken erzählt Krieger, was sich an anderer Stelle ausführlicher nachlesen lässt, nicht zuletzt in der mittlerweile ein Dutzend Bände zählenden Forschungsreihe zur Geschichte des BND selbst, in der auch Partnerdienste erschienen ist. Ins Auge fällt sofort das starke Übergewicht der Frühphase, just jener Jahre, die am besten erforscht sind. Dagegen bleiben die 1960er Jahre unterbelichtet.

Weil Krieger den Band ohne erkennbaren analytischen Anspruch geschrieben hat, kann es auch nicht gelingen, altes Wissen zu einer neuen Interpretation zu komprimieren. Die Unterscheidung der Kooperationsmodelle wird nicht weiter entfaltet und spielt für die Untersuchung keine Rolle. In der Schublade bleiben auch all die anderen analytischen Werkzeuge, die die Geschichte der Internationalen Beziehungen, die Vergleichs- oder Verflechtungsgeschichte, aber auch die Wissensgeschichte oder eine Geschichte des Vertrauens ja durchaus bereithalten. Wichtiges lässt sich dann auch schwer von weniger Wichtigem trennen. Statt immer neue Gesprächsfäden aus den Akten zu spinnen, hätte der Verfasser gut daran getan, dem Buch mit seinen vielen anekdotischen, von Zitaten durchsetzten Passagen einen roten Faden einzuziehen. Von dem Hin und Her, dem Vor und Zurück verwirrt, hofft der Leser denn auch vergebens auf ein Resümee, das dieses Manko am Ende wettgemacht hätte. Man darf es daher als Warnung verstehen, wenn die übrigen Herausgeber der Reihe in der ersten Fußnote kundtun, sich mit dem Band „nicht voll identifizieren“ zu können. Warum ein so unausgegorenes Manuskript gedruckt wurde, bleibt ein Geheimnis. Ein „Partnerdienst“ unter den zerstrittenen Kommissionsmitgliedern war es sicher nicht.

Wolfgang Krieger: Partnerdienste. Die Beziehungen des BND zu den westlichen Geheimdiensten 1946–1968.

Ch. Links Verlag, Berlin 2021. 440 S., 50, – .

Quelle: F.A.Z.
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