Den Islam interpretieren

Argumentativ dünnes Eis

Von Alexander Flores
Aktualisiert am 12.10.2020
 - 16:04
Ein Koran in einem Gebetsraum in Paris am 7. September 2019.
Der Koran lässt sich als Beleg für vieles heranziehen - auch für eine menschenfreundliche Interpretation des Islam.

Dieses Buch stellt zwei sehr unterschiedliche, ja gegensätzliche Auffassungen des Islams einander gegenüber. Die eine ist eine traditionelle, die vielfach vertreten und akzeptiert (und von Nichtmuslimen oft heftig angefeindet) wird, die aber auch schon über weite Strecken der islamischen Geschichte überwogen hat: ein harter, strenger Islam, mit der Vorstellung eines strafenden Gottes, der Unterwerfung einfordert, mit der strikten Unterscheidung zwischen Erlaubtem und Verbotenem, mit der Beachtung der kleinsten Kleinigkeiten der Gebote bei Duldung der größten Ungerechtigkeiten und so weiter. Auf der anderen Seite ein großherziger Islam, der den Menschen frei und selbstbestimmt will, der zu Liebe und Barmherzigkeit aufruft und über alldem einen liebenden Gott sieht. Mouhanad Khorchide, der diese Gegenüberstellung vornimmt, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, einem der Zentren für die Ausbildung islamischer Theologen, die mit großem Aufwand an deutschen Universitäten eingerichtet worden sind, um diese Ausbildung unter das Dach öffentlicher deutscher Institutionen zu bringen und so dem wenig kontrollierbaren ausländischen Einfluss auf hier lebende Muslime entgegenzuwirken.

Es versteht sich, dass sich Khorchide für die menschenfreundliche Konzeption des Islams ausspricht und für sie plädiert. Er hat es dabei aber mit dem misslichen Umstand zu tun, dass die andere, strenge Konzeption weit verbreitet ist, dass sich viele Muslime, denen an ihrer Religion gelegen ist, ihr verpflichtet fühlen und dass auch die vielbeschworenen „Islamverbände“ sie zumindest offiziell propagieren. Khorchide beschreibt diese Version des Islams, die verbreitet und sichtbar ist und daher unsere Sicht des Islams weitgehend prägt. Über ihre angedeutete Strenge hinaus enthält sie manche anstößigen Aspekte – die Diskriminierung von Frauen und Nichtmuslimen, ein problematisches Verhältnis zur Gewalt in einem militärischen Verständnis des Dschihads und so weiter. Das Überwiegen dieser Konzeption erklärt Khorchide historisch-politisch. Die ursprüngliche Mission Mohammeds, die eine Botschaft der Barmherzigkeit war und auf Selbstbefreiung des Menschen abzielte, sei schon bald nach dem Tod des Propheten gründlich verfälscht worden, und zwar durch machtgierige Herrscher, die botmäßige Gelehrte in ihren Dienst gestellt hätten. Sie seien an unterwürfigen Untertanen interessiert gewesen, und so hätten sie aus dem Islam eine Religion der Unterwerfung gemacht, die Notwendigkeit der Unterwerfung unter Gott betont und sie mit der Unterwerfung unter die weltlichen Obrigkeiten verknüpft. Gegen diese „Verfälschung“ des Islams, die Khorchide spätestens mit dem Machtantritt der umayyadischen Kalifen (661) vollzogen sieht, entwickelt er nun seine ganz entgegengesetzte Konzeption eines barmherzigen, liebevollen, letzten Endes menschenfreundlichen Islams.

Zur Begründung seiner Konzeption bedient sich Khorchide zweier Argumentationsweisen. Einmal beruft er sich auf die Menschlichkeit. Er weist darauf hin, dass die strenge Version des Islams in vielen Punkten schlicht menschenfeindlich ist, und kann das auch leicht demonstrieren. Damit begnügt er sich aber nicht, sondern greift auch immer wieder auf die seiner Meinung nach eigentliche Mission Mohammeds zurück, die eindeutig auf Liebe, Barmherzigkeit und menschliche Selbstbestimmung hinauslaufe. Damit gerät er auf dünnes Eis. Im Koran, auf den sich Khorchide vor allem beruft, gibt es die Betonung von Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit. Es gibt aber auch ganz anderes. Der Autor wendet sich zu Recht gegen ein Bild Gottes als eines Instrukteurs, der mit Strafandrohung und Belohnungsversprechen arbeitet, setzt sich aber nicht wirklich damit auseinander, dass der Koran über weite Strecken ein solches Gottesbild suggeriert. Vielmehr spielt er die entsprechenden Passagen herunter oder tut sie als umständebedingt ab. Aufrufe zur Gewalt im Koran erklärt er beispielsweise durch den Kontext einer Verteidigungssituation, was für viele, aber nicht für alle solche Stellen zutrifft.

Ein anderes Beispiel: Frauen. Khorchide unterscheidet ganz richtig die Passagen des Korans, die Frauen als Religionssubjekte den Männern gleichstellen, von denen, die sie im praktischen Leben diskriminieren (Erbrecht, Zeugnisrecht). Er zitiert auch den Vers, in dem es in seiner etwas eigenwilligen Übersetzung heißt: „Und wenn ihr annehmt, dass eure Frauen einen Vertrauensbruch begehen, besprecht euch mit ihnen und zieht euch aus dem Intimbereich zurück und schlagt sie“ (Koran 4, 34, nach Khorchide, 137). Er schlägt dann vor, die Anweisungen zur praktischen Diskriminierung von Frauen heute zu ignorieren – mit dem Hinweis auf die moderne Vorstellung der Gleichberechtigung, die auch aufgeklärte Muslime unabhängig vom Wortlaut des Korans akzeptieren sollten. Er versucht dann aber, diesen Wortlaut in den historischen Kontext zu stellen und so für die damalige Zeit nachvollziehbar zu machen: „Berücksichtigt man den historischen Kontext ..., dann handelt es sich hier darum, den Einsatz familiärer Gewalt als die letzte aller Möglichkeiten auszuweisen, um einer impulsiven Überreaktion der angesprochenen Männer vorzubeugen und die Frauen als Gesprächspartnerinnen in Konfliktsituationen aufzuwerten.“ Schlagen von Frauen als „Aufwertung in Konfliktsituationen“? Auch andere Koranstellen interpretiert Khorchide recht frei. So legt er die sehr knappe erste Sure, die Fatiha, so aus, dass ein ungeheuer anspruchsvolles Programm der Selbstfindung der Menschen und der Reform ihres Lebens dabei herauskommt.

Selbstverständlich ist das Plädoyer für ein menschenrechtskompatibles Verständnis des Islams, das hier vorgetragen wird, sehr verdienstvoll und heilsam – für das Wohlergehen der Muslime selbst, aber auch für ihr konfliktfreies Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft in Europa und damit für ihre Integration hier. Dafür gibt es genug inhaltlich-sachliche Argumente, die hier auch kompetent ausgebreitet werden. Auch den Koran kann man dazu heranziehen. Bedenklich wird es da, wo man seine eigene für die einzig mögliche Interpretation und alles davon Abweichende für Verfälschung, Manipulation und Verrat erklärt, wie es hier geschieht. Im breiten Spektrum möglicher Interpretationen gibt es auch eine harte, starre. Dafür gibt es Gründe – gewisse Passagen des Korans und Präzedenzfälle aus der frühen islamischen Geschichte, aber auch die reale Benachteiligung vieler Muslime heute. Das ist so, wenn Khorchide diesen Erklärungsansatz auch vehement zurückweist. Er bleibt überhaupt ganz auf der ideologischen Ebene und setzt sich mit den harten Tatsachen der muslimischen Existenz früher und heute nicht auseinander. Leider nimmt er damit seiner von ihrem Inhalt und ihrer Stoßrichtung her hochbegrüßenswerten Predigt etwas von ihrer Überzeugungskraft.

Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam.

Herder Verlag, Freiburg 2020. 256 S., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
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