Linke in Amerika

„Revolutionäre Beziehungsweisen“

Von Frauke Steffens
16.05.2022
, 20:24
Menschen marschieren zu dem Supermarkt in Buffalo, der am 14. Mai zum Tatort wurde.
Politik findet in den Vereinigten Staaten vielfach außerhalb der großen Parteien statt. Ein Streifzug durch die „linke“ politische Landschaft.
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Es bewegt sich etwas in den USA – und zwar links von dem, was viele gern die „Mitte“ nennen. Das zumindest ist die These des Buches „Uprising“ von Lukas Hermsmeier. Der Rede von der „Spaltung“ Amerikas hält der Autor einen anderen Blick entgegen: den auf Menschen, die mit alt-neuen politischen Ideen für eine bessere Zukunft kämpfen. Hermsmeier, der seit acht Jahren für deutschsprachige Medien aus den USA berichtet, beschreibt unterschiedliche Felder dieses Kampfes – und zwar abseits der Parteien. Er will zeigen, dass hinter prominenten linken Abgeordneten wie Alexandria Ocasio-Cortez Bewegungen stehen, die in den vergangenen Jahren die politische Landschaft verändert haben – und das nicht erst, seit Senator Bernie Sanders sie zu großen Vorwahlkampagnen bündeln konnte. Dazu gehört Black Lives Matter ebenso wie der Aktivismus von Native Americans gegen die Pipeline in Standing Rock, die neu erstarkende Gewerkschaftsbewegung und das Engagement für den Klimaschutz.

Weil die Demokratische Partei keine Arbeiterpartei ist, sondern vielfältige Interessen versammelt, tragen Aktivistinnen Ideen wie eine allgemeine Krankenversicherung oft von außen in sie hinein. In den Vereinigten Staaten sind Parteien auch nicht in Ortsvereinsstrukturen organisiert, wenngleich es regionale Gruppen gibt. Die politische Arbeit vor Ort findet traditionell in Graswurzel-Organisationen und Gremien wie Schul- oder Nachbarschaftskomitees statt. Das erzeugt bei europäischen Beobachtern häufig den Eindruck, Amerikaner engagierten sich nicht politisch.

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Kein Reportage-Band

Dem stellt Hermsmeier ein vielfältiges und lebendiges Bild entgegen. Er hat keinen Reportage-Band geschrieben, auch wenn einzelne Aktivisten ausführlich zu Wort kommen. Hermsmeier geht es um die politikwissenschaftlich grundierte Einordnung der Situation der Linken und ihrer strategischen Perspektiven, mit einem vergleichenden Blick auf Deutschland. Sein Zugriff ist nicht der eines „neutralen“ Beobachters, der politisch „beiden Seiten“ Raum geben wollte. Dieser Idee von Journalismus erteilt der Autor eine Absage, denn auch die vermeintlich neutralen Beobachter werten schließlich ständig durch Auswahl, Gewichtung und gesellschaftlichen Standort.

Einen wichtigen Beitrag liefert das Buch denn auch zur Debatte um sogenannte „Identitätspolitik“. Dieser Begriff hat sich in den USA zu einem rechten Schimpfwort entwickelt. Manche Linke stiegen auch in Deutschland darauf ein, indem sie soziale Emanzipationsbewegungen unter dem berühmten Schröder’schen „Gedöns“ subsumieren – ihnen also vorwerfen, vom wahren Kampf, dem Klassenkampf, abzulenken. Hermsmeier erinnert daran, dass die amerikanischen linken Bewegungen wesentlich von Menschen geprägt werden und wurden, die nicht weiß sind. So waren es schwarze Frauen, die Black Lives Matter oder auch „MeToo“ gründeten. Das Buch belegt überzeugend, dass es Unsinn ist, „Identität“ und Klasse gegeneinander ausspielen zu wollen. Für alle, die keine weißen Männer sind, kommen zur ökonomischen Frage schließlich weitere Benachteiligungen hinzu.

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Hermsmeier trifft Linke von Minnesota bis Kalifornien. In Oakland denkt Aktivistin Cat Brooks darüber nach, wie der Kampf für gleiche Chancen heute an die Tradition der Black-Panther-Bewegung anknüpfen kann. In Minneapolis wirbt Kandace Montgomery, Gründerin der lokalen Black-Lives-Matter-Gruppe, für durchgreifende Polizeireformen. In Albuquerque in New Mexico kämpft Geschichtsprofessor Nick Estes als Marxist und Native American für die Rechte indigener Gemeinschaften.

Viele Beobachtungen und Gesprächspartner sind daneben in der linken Szene von New York verankert, genauer: im Umfeld der dortigen DSA-Organisation („Democratic Socialists of America“). Zutreffend merkt Hermsmeier an, dass dieses Milieu weißer und wohlhabender ist als die Gruppen, die es vertreten will. Eine ausführlichere Kritik dieser Szene wäre interessant gewesen. Auch weil die Löhne in Kunst, Kultur und Verlagswesen oft sehr niedrig sind, rekrutieren die sich in der Stadt heute zum großen Teil aus wohlhabenden Familien.

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Was daher am lautesten öffentlich als linkes Milieu in Erscheinung tritt, sind nicht „die Linken“ oder „die Demokraten“ New Yorks, sondern nur ein kleiner Teil davon. Diskussionen über Anarchismus oder die Abschaffung der Kleinfamilie sind nicht sonderlich nah am Alltag der Hunderttausende, die in Nagelsalons, Restaurants oder in der Pflege ihr Geld verdienen. Ihr Kampf um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen hat gerade in New York eine lange Tradition. So gibt es viele lokale Aktivistinnen und Politiker, die Abstand zur DSA-Szene halten und sich in Gewerkschaften oder Einwandererinitiativen engagieren. Dass linke Kulturschaffende und DSA-Aktivisten keine Wege fanden, die Distanz zur Arbeiterschaft ihrer Stadt zu überwinden, war auch eine der Ursachen dafür, dass kürzlich Eric Adams Bürgermeister wurde. Er war der Kandidat des „De­mocratic Ma­chine“ genannten Partei-Establishments und will sich vor allem als „Law and Order“-Politiker profilieren.

Damit erteilten die Wählerinnen und Wähler der Demokraten auch einer politischen Idee eine Absage, die Hermsmeier ausführlich würdigt: dem Abolitionismus. Dass hinter dem Slogan „Defund the Po­lice“ die Vision einer Welt liegt, in der die Kriminalitätsursachen zuerst bekämpft werden, legt der Autor überzeugend dar. Hermsmeier erinnert daran, dass die Idee des Abolitionismus auch umfassend auf die Institutionen der kapitalistisch-pa­triarchalen Welt abzielt – von der Polizei bis zur bürgerlichen Kleinfamilie, in der die unbezahlte Arbeit von Frauen das kapitalistische Wertschöpfungsmodell stützt.

Bild: Verlag

Das bleiben radikale Ideen, die dies- wie jenseits des Atlantiks an eine reiche Theoriegeschichte anknüpfen. Hermsmeier beschreibt, wie sie sich dort einer „konkreten Utopie“ nähern können, wo sich Menschen zusammenfinden, um ihre eigene Welt zu verändern. „Mutual Aid“-Netzwerke halfen in der Pandemie jenen, die sich nicht selbst versorgen konnten. Manche Städte probierten nicht erst nach dem Mord an George Floyd aus, wie es aussehen könnte, wenn nicht Polizisten, sondern Sozialarbeiter zu bestimmten Einsätzen gerufen werden. In den lokalen Initiativen, die Hermsmeier beobachtete, entstünden „revolutionäre Beziehungsweisen“, die eine solidarischere Gesellschaft hervorbringen könnten – auch und gerade im Angesicht der immer stärker werdenden Rechten in den USA. Zu dieser Solidarität gehört der Wunsch nach Frieden, unter den Menschen und mit der Natur. Auch wenn das dieser Tage besonders weit in die Ferne rückt, bleibt es wichtig, davon zu erzählen.

Lukas Hermsmeier: Uprising. Amerikas neue Linke.Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2022. 319 S., 22,– €.

Quelle: F.A.Z
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