Deutschland-Griechenland

Tabak gegen Vergessen

Von Michael Martens
Aktualisiert am 08.09.2020
 - 12:24
Tabak
Die Zeit der Besetzung im Krieg hat das deutsch-griechische Verhältnis immer wieder überschattet.

Dieses Buch ist eine Herausforderung. Es hat 366 Seiten, aber dies bei großem Format und kleiner Schrift, so dass ein anderer Umbruch wohl leicht den doppelten Umfang ergeben hätte. Kurzum: Man liest so etwas nicht nebenbei, zumal der Autor noch Nebensätze und Fußnoten mit dichten Informationen spickt, so dass von der ersten bis zur letzten Zeile höchste Aufmerksamkeit gefordert ist. Aber die Mühe lohnt.

Der Historiker Hagen Fleischer, der seit Jahrzehnten in Griechenland lebt, 1944 in Wien geboren wurde, deutsch-griechischer Doppelstaatsbürger und seit 2018 Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse ist, hat sich die Erforschung der nationalsozialistischen Besatzungspolitik in seiner Wahlheimat zur Lebensaufgabe gemacht. Sein Rat wird gesucht. Dass Richard von Weizsäcker 1987 als Bundespräsident die ehemalige Exekutionsstätte von Kaisariani bei Athen besuchte, um dort einen Kranz zum Gedenken an die Opfer deutschen Besatzungsterrors niederzulegen, geht auch auf einen Vorschlag Fleischers zurück. Bevor Joachim Gauck 2014 in Griechenland als erster Bundespräsident um Verzeihung für die deutschen Verbrechen zwischen 1941 und 1944 bat, hatte auch er das Gespräch mit Fleischer gesucht. Außer in den Arbeiten von Heinz A. Richter gibt es in deutscher Sprache keine vergleichbar umfassende Forschung zur Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg.

Der nun vorliegende Band „Krieg und Nachkrieg“ enthält mehrere ursprünglich auf Griechisch erschienene Arbeiten, die sich auch mit den andauernden politischen und juristischen Nachwehen der Besatzungszeit befassen. Dabei ruft Fleischer in Erinnerung, wie es überhaupt zur von Hitler ursprünglich nicht geplanten Eroberung und Besetzung Griechenlands kam: Italien hatte Griechenland – gegen Hitlers Rat – angegriffen und steckte fest, woraufhin die Wehrmacht in Marsch gesetzt wurde, um den Verbündeten vor einem Debakel zu bewahren. Der Angriff erfolgte mit bulgarischen Hilfstruppen von Bulgarien aus. Jugoslawien, dessen Regierung keinesfalls, wie von Fleischer behauptet, „deutschfreundlich“ war, hatte zwar im März 1941 unter hohem Druck und widerwillig einen Beitrittsvertrag zum deutsch-italienisch-japanischen Dreierpakt unterzeichnet. Doch als Aufmarschgebiet für einen deutschen Angriff auf Griechenland hatte es sich über Monate hinweg verweigert und wurde nach einem schlecht koordinierten Putsch schließlich ebenfalls besetzt.

In Griechenland folgte eine deutsch-italienisch-bulgarische Okkupation, wobei die Deutschen anfangs die am wenigsten unbeliebten Besatzer waren. Deutsche Offiziere zeigten Hochachtung gegenüber den Griechen, die tapfer gekämpft hatten: „Für die angespannten Beziehungen der Achsenpartner war kennzeichnend, dass sich die deutschen Militärs vor Ort mit den Griechen solidarisierten und demonstrativ mit ihnen statt mit den Italienern speisten.“ Zuvor, so Fleischer, habe sich Oberbefehlshaber Wilhelm List geweigert, an einer „Geschichtsfälschung“ mitzuwirken und ein von Rom gefordertes Kapitulationsprotokoll zu unterzeichnen, in dem auch die militärisch geschlagenen Italiener als Sieger auftauchten.

Es gab anfangs, so Fleischer, eine Art Popularitätsskala von „erträglichen“ bis „üblen“ Besatzern: „In dieser absonderlichen Hierarchie rangierten die Deutschen bis zur abrupten Verschärfung ihrer Ordnungspolitik im Spätsommer 1943 klar an der Spitze; sie galten als einzige unabhängige, das heißt aus eigener Kraft agierende Besatzungsmacht, die infolge des italienischen Fiaskos ... gezwungen war, zugunsten ihres Partners zeitlich begrenzt einzugreifen. Kontinuierlich an letzter Stelle standen die bulgarischen ,Erbfeinde‘, mit denen fast kein Grieche zusammenarbeiten wollte.“

Bulgarische Kriegsverbrechen in Griechenland, so das Massaker von Drama in Ostmakedonien 1941, bei dem mehr als 2000 Menschen getötet wurden (was bis heute in Bulgarien fast niemand weiß), stabilisierten diese Rangfolge. Doch so blieb es nicht. Die wachsende Brutalisierung der deutschen Besatzung mit ihren Massakern sowie die Ausweitung der Judenvernichtung auf Griechenland bestimmten immer stärker das Bild. Dies alles vor einem Hintergrund ständiger militärischer Improvisation, wie Fleischer verdeutlicht: So war Ende 1941 befohlen worden, Kreta zur Nachschubstelle für Truppen und Material des Afrikakorps auszubauen. Ein Flughafen auf neuestem technischen Stand wurde angelegt. Doch nach Rommels Niederlage bei El Alamein wurde der zum Risiko: „So rissen die Deutschen den nahezu fertiggestellten Flughafen wieder ab, um einer eventuellen alliierten Truppenlandung kein Einfallstor zu bieten.“

Vereinzelt kam es während der Okkupationsjahre zu Allianzen zwischen griechischem Widerstand und Besatzern. Immer deutlicher wurden die Deutschen in bürgerlichen Kreisen nämlich als das im Vergleich zur inländischen „kommunistischen Gefahr“ geringere, da ephemere Übel bezeichnet. Gestützt auf deutsche Lageberichte stellt Fleischer fest, dass die große Mehrheit der Todesfälle unter den Besatzern auf Angriffe der kommunistischen Widerstandsbewegung „Elas“ zurückging. Der politische Sprengstoff, der aus griechischer Sicht in solchen Feststellungen liegt, überliest sich leicht. Nachdem die Kommunisten 1949 den sich nahtlos an die Besatzung anschließenden Bürgerkrieg verloren hatten, wurde der linke Widerstand gegen die Deutschen von der staatlichen Geschichtsschreibung in Griechenland jahrzehntelang kleingeredet, negiert oder verfälscht, rechtes Freischärlertum dagegen erhöht. Dass Fleischer dieses Bild aufgrund deutscher Akten korrigierte, hat ihm in Griechenland nicht nur Freunde eingebracht.

Fleischers Buch schildert auch die Wiederannäherung nach dem Krieg, genährt durch Athens Wunsch, Tabak in die Bundesrepublik zu exportieren, und Bonns Wunsch, die Verbrechen der Besatzungszeit unter den Tisch fallen zu lassen. Er beschreibt, wie sich manch ein deutscher Nachkriegsbotschafter in Athen weigerte, deutsche Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen, während Ost-Berlin andeutete, man sei im Prinzip zu Entschädigungszahlungen bereit, sofern eine diplomatische Anerkennung der DDR damit einhergehe. Fleischers Aufsätze sind eine Fundgrube – selbst dort, wo man nicht allen Bewertungen des kenntnisreichen Autors folgen möchte.

Hagen Fleischer: Krieg und Nachkrieg. Das schwierige deutsch- griechische Jahrhundert.

Böhlau Verlag, Köln 2020. 366 S., 30,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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