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Die Augen überall

Kuriose Scheinwelt des Nachrichtendienstes

Von Frank Bösch
 - 09:22
Staatssekretär Dr. Hans Globke im Februar 1963

Geheimdienste stehen oft im Verdacht, ihre Sonderstellung zu missbrauchen. Dieser Vorwurf traf vielfach auch den Bundesnachrichtendienst. So wurde dem für die Auslandsaufklärung zuständigen BND vorgehalten, für Adenauer bundesdeutsche Demokraten zu bespitzeln. In den siebziger Jahren tagte dazu ein Untersuchungsausschuss, und verschiedene Bücher präsentierten Indizien. Wie vielfältig der frühe Bundesnachrichtendienst und sein Vorläufer tatsächlich über westdeutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle berichtete, zeigt nun Klaus-Dietmar Henke anhand von BND-Akten. Ebenso belegt er, dass diese denunziatorischen Meldungen regelmäßig an Hans Globke und damit an Adenauer gingen, der so wöchentlich Interna über seine Kritiker erhielt. Zusammen mit anderen neuen Studien zu den Bundesministerien nach 1945 wirft dies einen gewaltigen Schatten auf die Ära Adenauer.

Für die „Organisation Gehlen“, wie der BND-Vorläufer bis 1956 genannt wurde, war zunächst Bayern ein Experimentierfeld für die innenpolitische Spionage. Hier konnte der langjährige BND-Chef Gehlen zahlreiche Leute unterbringen, V-Leute verankern und ranghohe Personen als „Sonderverbindungen“ gewinnen. So zählte auch der erste Leiter des frisch gegründeten Münchener Instituts für Zeitgeschichte, Gerhard Kroll, zu Gehlens Zuträgern. Laut Bericht sicherte er zu: „Das Institut wird nichts herausgeben, was den Generalstab belasten könnte.“

In Bonn entwickelte sich Adenauers rechte Hand, Hans Globke, zum eigentlichen Dienstherren und Schutzpatron von Gehlens Organisation. Ab 1950 wurde er mit regelmäßigen Berichten über die politische Konkurrenz versorgt. Diesen engen Austausch interpretiert Henke als eine Kompensation dafür, dass Gehlen wegen des alliierten Vetos nicht zugleich Verfassungsschutz-Präsident werden durfte, um beide Dienste zu vereinen. Gehlen versuchte sich so politisch zu profilieren und unentbehrlich zu machen. Auch auf die Personalpolitik in Bonn nahm er beratend Einfluss.

Bereits 1946 setzten erste denunziatorische Berichte ein. Erich Kästner etwa sei von den Sowjets gesteuert. Der Publizist Eugen Kogon habe direkte Kontakte zu den Sowjets und als „Ober-Kapo“ im KZ in einer Villa gelebt. Beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) machten sie Journalisten mit „eindeutig linksradikaler Orientierung“ aus. Aus dem Sender übermittelte der stellvertretende Politik-Chefredakteur August Hoppe dramatisierte Verleumdungen. Eine interne Aufstellung von 1951 zeigt, wer unter welchen Gesichtspunkten ausspioniert werden sollte. Bei der SPD sei etwa auf deren Haltung zum Schuman-Plan, zur Parteiführung und zu den Gewerkschaften zu achten, bei der FDP auf deren Koalitionspläne und „zu krasses Unternehmertum“ und bei CDU-Politikern auf „Abwanderungsbestrebungen“ zu anderen Parteien. Auf der langen Liste der Parteien und Bünde, deren Beobachtung erwünscht war, standen etwa „Rotary international“, der „Bund Christlicher Gewerkschafter“ und der „Ellwanger Kreis“, dem auch viele christdemokratische Politiker angehörten.

Damit erstellte Gehlens Organisation über alle diejenigen Berichte für Adenauer, die von dessen Regierungskurs abwichen. Gegner der Wiederbewaffnung, wie Gustav Heinemann und Martin Niemöller, erhielten besondere Aufmerksamkeit. Ebenso überwachte die „Org.“ Rivalen im eigenen Bereich. Gezielt beobachtet und denunziert wurden etwa Adenauers Sicherheitsberater Gerhard Graf von Schwerin, der konkurrierende Nachrichtendienstleiter Friedrich Wilhelm Heinz sowie der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Otto John. Die Berichte betonten etwa deren unsteten Lebenswandel und deren Unzuverlässigkeit, die sie aus deren Verbindungen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus ableiteten. Ebenso horchte Gehlens Organisation Medien aus und versuchte diese zu beeinflussen. Laut Henke hat der BND beim „Spiegel“ positivere Berichte über sich erreicht, indem er dem Blatt Informationen übermittelte. Wenngleich solche Kausalitäten vereinfachend klingen, zeigt Henke zumindest den Austausch mit Gehlens Organisation.

Besonders erfolgreich gelang das Bespitzeln der FDP. Dort besaß der frühe BND mit Victor-Emanuel Preusker einen besonders prominenten V-Mann. Das ehemalige SS-Mitglied startete als FDP-Generalsekretär in Hessen, zog 1949 in den Bundestag ein und wurde 1953 Wohnungsbauminister in Bonn, so dass er auch Interna aus dem Kabinett und der Parteiführung ausplaudern konnte. Preusker nutzte dies, um linksliberale Parteifreunde zu denunzieren. Keinen Alarm schlug der frühe BND hingegen, als ranghohe Nationalsozialisten um Werner Naumann in der nordrhein-westfälischen FDP ein Netzwerk bildeten. Gehlens Informanten führten mindestens elf Gespräche mit Naumann, aber Berichte an Globke schrieben sie hierzu erst, als die Presse dazu publizierte. Während sie vor kommunistischen Gefahren warnten, erschienen FDP-Treffen mit Gauleitern oder hohen SS-Männern vernachlässigenswert.

Weniger erfolgreich waren ihre Versuche, in der SPD-Spitze V-Leute unterzubringen. Dennoch produzierten Gehlens Spitzel zahlreiche verleumderische und falsche Berichte über Sozialdemokraten. Diese erörterten, wie die SPD die Wiederbewaffnung beurteile, welche Koalitionspläne sie habe, wie es um Kurt Schumachers Gesundheit stehe und wer ihm nachfolgen würde. Über mögliche SPD-Kanzlerkandidaten für die Wahl 1953, wie Reuter und Zinn, erstellten sie frühzeitig Dossiers. Nicht minder wichtig war Gehlen, wie die SPD seinen Nachrichtendienst bewertet. Da eine künftige SPD-Regierung nicht auszuschließen war, suchte er anfangs werbend den direkten Austausch mit deren Parteispitze.

Angetrieben wurde Gehlens Organisation durch einen realitätsblinden Antikommunismus. Er war zugleich ein Feigenblatt, um deren Anti-Liberalismus zu kaschieren. Ein weiteres Ziel war es, sich bei Adenauer als loyale Hilfstruppe zu profilieren, um so bundespolitische Förderung zu erhalten. Die CIA, die Anfang der fünfziger Jahre den Pullacher Nachrichtendienst noch finanzierte, missbilligte diese Spitzeleien im Inland und sah den Dienst insgesamt als inkompetent an. Die Berichte an die Bundesregierung tolerierte sie jedoch, da dies den Weg in eine Bundesfinanzierung erleichtern würde.

Henkes Buch ist brisant und von hoher Relevanz zum Verständnis der Ära Adenauer. Der Autor spart nicht mit harten spöttischen Urteilen über die Pullacher Agenten, die in seiner Bewertung durchweg als Dilettanten erscheinen. Die größte Schwäche des Buches ist allerdings sein Umfang. Henke liefert endlos Zitate mit oft ähnlichem Duktus, wo abwägende Synthesen angebrachter wären – zumal einige Bespitzelungen grundsätzlich bekannt sind. Unklar bleibt meist, welche Folgen die Berichte hatten und inwieweit sie mit Adenauers Handeln korrelierten. Die präsentierte kuriose Scheinwelt des Nachrichtendienstes ist dennoch bereits für sich ebenso faszinierend wie verstörend. Und dies ist nur der erste Teil. Henkes Folgeband soll zeigen, dass der BND seit 1953 noch hemmungsloser demokratische Kritiker Adenauers und besonders das Innenleben der SPD ausspionierte. Man darf auch auf das Buch gespannt sein.

Klaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953.

Ch. Links Verlag, Berlin 2018. 816 S., 60,– .

Quelle: F.A.Z.
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