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Arbeiterkämpfe

Erzählungen vom Niedergang

Von Jenny Hestermann
Aktualisiert am 17.12.2019
 - 11:33
Britische Bergarbeiter streiken 1984 monatelang gegen die Regierung Thatcher.
Wandel ist schwierig. Eine Geschichte Westeuropas „nach dem Boom“.

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft prägte alle westeuropäischen Gesellschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert tiefgreifend. Der schnelle Aufstieg des Neoliberalismus und seine Ideologie des „Sachzwangs“ änderten nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern auch soziale Beziehungsformen, wie Lutz Raphael in seinem neuen Buch analysiert. Im Fokus seiner Untersuchung stehen Deutschland, Frankreich, Großbritannien als die „drei größten Volkswirtschaften“ Westeuropas. Dabei sucht er, Struktur- und Sozialgeschichte zu verbinden. Während der erste Teil des Buches in der „Vogelperspektive“ die großen Linien analysiert, kommen im zweiten Teil, der „Nahaufnahme“, die Arbeiterinnen und Arbeiter und deren Lebensgeschichten Pars pro Toto zu Wort.

Der Autor versteht seine Analyse zum einen als Beitrag zum Verständnis der allgemeinen Krise der Demokratie. Denn die Vorgeschichte der heutigen Krise führe direkt in die Jahrzehnte des Umbruchs der westlichen Industriegesellschaften zurück, so die These. Dieser ökonomische Strukturwandel war es schließlich, der die Demokratien in der Folge grundlegend veränderte und, wie sich in jüngster Zeit zeigt, auch gefährdet. Zum anderen ist sein Ziel – und dies ist kein geringer Anspruch –, den Begriff der Gesellschaftsgeschichte zu erneuern. Dafür müsse vor allem die Idee national abgeschlossener Räume überwunden werden. Denn Briten, Franzosen und Deutsche hätten ganz unterschiedliche Kommunikationsmuster, die zu einer unterschiedlichen Gestaltung der Arbeitswelt und damit zu anderen gesellschaftlichen Aushandlungen und Antworten auf Krisen führten. In seiner Analyse geht er somit der Bedeutung von sprachlichen Regelungen und Bildern und deren strukturierender Kraft nach.

Geprägt waren die drei Jahrzehnte zwischen 1970 und 2000 durch Dynamisierung, Umstrukturierung und Automatisierung quasi aller Industriebereiche. Die wirkmächtigste Krise der 1970er Jahre, der Zusammenbruch des festen Wechselkurssystems, änderte die Spielregeln des Kapitalismus von Grund auf: von nun an bestimmten die Finanzmärkte die Richtung. In allen drei untersuchten Ländern mussten daher pragmatische Lösungen zur Abmilderung der sozialen Folgen gefunden werden. Denn es entstanden neue Armutsregionen, in denen sich Niedriglöhne und mit ihnen soziale Exklusion häuften. Während der Wandel der Produktions- und Arbeitswelt in jedem Land trotz Variationen im zeitlichen Ablauf ähnlich verlief, wurde er jeweils mit einer anderen Sprache bedacht. So blieb nur in Großbritannien die „Klasse“ – „class“ – ein wichtiger Bezugspunkt. In Frankreich und der Bundesrepublik ging die Identität der Arbeiterklasse mit einem hochgradig emotionalisierten Diskurs um den „Abschied vom Malocher“ verloren.

Dieses Bild bezog sich auf die „Auflösung kompakter soziokultureller Milieus, die um die Figur des männlichen Produktionsarbeiters kreisten“, und begleitete als ein Bewusstsein von Verlust den Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft. Alte Formen sozialer Beziehungen „erodierten“ auch durch den Auf- und Ausbau der Europäischen Gemeinschaft: Obwohl diese über Jahrzehnte hinweg offiziell nur ein Wirtschaftsraum war, wandelte sie die sozialen Realitäten allein schon dadurch, dass durch den neuen Binnenmarkt ganz andere Wirtschaftszweige gestärkt und dynamisiert wurden.

Den klassischen sozialgeschichtlichen Untersuchungen kreidet der Autor an, dass sie eine „Obsession für Fortschritts- und Wachstumserzählungen“ aufweisen und daher „Prozesse des Schrumpfens und Verschwindens“ verschweigen würden. Statt Fortschritt zu beschwören, erzählt er vom Niedergang – dem Untergang der Arbeiterschaft. Den gesellschaftlichen Wandel vollzogen nicht nur maßgeblich der revolutionäre Umbruch in der Kommunikationstechnologie und die dadurch ganz neuen Arbeits- und Wirtschaftsweisen, sondern auch Journalisten, Politikberater und Wissenschaftler, die Bilder von „oben und unten“ produzierten und damit essentialisierten, so seine These. Die „Musealisierung der industriellen Lebenswelten“ verfestigte sich erst im Diskurs der Experten, Industriestätten wurden zu recht physischen Denkmälern als Ergebnis nicht nur der neuen Produktionsbedingungen, sondern auch des geänderten Bewusstseins.

Originell ist daher in dieser Studie, dass neben einer bekannten Ereignis- und Wirtschaftsgeschichte Raphael den Fokus auf sprachliche Repräsentationen und Deutungsmuster legt. Diese prägten den Prozess der Deindustrialisierung und, wie er meint, steuerten ihn gar. Einen zentralen Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Transformation hatten daher soziale Auseinandersetzungen, die „Deutungskämpfe“.

Das Bild des Kampfes trifft dabei am ehesten auf Frankreich zu, wo die 1970er und 1980er Jahre von Besetzungen, Streiks und gewerkschaftlichen Aushandlungen geprägt waren. Die kollektive Interessenvertretung hatte hier weit mehr Erfolg als in Großbritannien, wo die Thatcher-Regierung von 1979 an alles tat, um deren traditionelle Macht zu brechen. Der Begriff der Deutungskämpfe sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, wie real der Kampf um ihre Existenzgrundlage für die Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich war: Zwischen 1975 bis 2002 schrumpfte in Großbritannien und Frankreich die Zahl der industriellen Arbeitsplätze um die Hälfte, in der Bundesrepublik immerhin um ein Viertel. In dieser Umbruchphase vertieften sich die Unterschiede zwischen den Ländern: Während in Deutschland Arbeitsrechte verankert wurden und die Möglichkeiten zur Mitbestimmung wuchsen, gingen sie in Großbritannien immer weiter verloren.

Diese Prozesse belegt Raphael mit der nachvollziehbaren These, soziale Probleme seien erst dann als solche erkannt und wahrgenommen worden, als sie drohten, die Demokratie zu gefährden. Im Lichte der zahlreichen, umfassend recherchierten Statistiken und dem Verweis auf die unbestreitbare Bedeutung der wirtschaftlichen Produktionsweise kann der konstruktivistische Anspruch, die Veränderung der Arbeitswelten vor allem auf den diskursiven Kampf um Deutungsmuster zurückzuführen, allerdings nicht durchweg eingelöst werden. Die genderspezifische Dimension des sozialen Wandels hätte, auch wenn die Akteure der Industriearbeiterschaft weitgehend männlich waren, mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die Spuren der Arbeiterkämpfe in den 1970er und 1980er Jahren führten schließlich direkt zu den politischen Protestbewegungen und rechtspopulistischen Mobilisierungen im Westeuropa von heute, bekundet Raphael die Relevanz seines Themas. Nicht zuletzt diese Tatsache macht seine historische Studie auch für den Spätkapitalismus so relevant.

Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 525 S., 32,– .

Quelle: F.A.Z.
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