Darknet

Etwas Licht ins Darknet

Von Morten Freidel
19.10.2021
, 10:00
Ein Zahlencode läuft in der Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) über einen Bildschirm.
Die Technologie, die das Darknet am Leben hält, wurde vom amerikanischen Militär entwickelt. Genutzt wird sie jetzt vor allem von Kriminellen.
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Das Darknet beflügelt die Fantasie. Schon weil kaum einer weiß, wie es da zugeht. Einige stellen sich das dunkle Netz als eher lichten Ort vor, an dem Oppositionelle und Weltverbesserer Ideen austauschen, ohne dafür behelligt zu werden. Für andere ist es der Vorhof zur Hölle, in dem Pädophile Missbrauchsfotos hin- und herschicken und Waffenhändler und Drogenbarone ihre Waren verticken. Was stimmt?

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Diese Frage versucht Stefan Mey zu beantworten. Einen Vorteil hat Mey gegenüber vielen anderen: Er weiß, wie man in den verborgenen Teil des Internets eintaucht, wie er aufgebaut ist und nach welchen Regeln er funktioniert. Er braucht das Darknet also nicht zu überzeichnen. Das ist die Stärke seines Buchs.

Sie kommt immer dann zum Tragen, wenn Mey sich aufs Beschreiben beschränkt. Zum Beispiel, wenn er erklärt, wie der Tor-Browser funktioniert, den man auch nutzen kann, um damit anonym im „normalen“ Internet zu surfen. Oder wenn er das Dark­net als Marktplatz schildert, der sich selbst verwaltet. Weil die Kriminellen Geld verdienen und die Kunden die Ware, die sie bestellen, auch erhalten wollen, gibt es selbst in diesem Teil des Netzes Regeln.

Besonders spannend ist Meys Buch in den Passagen, in denen es um das Tor-Projekt geht. Nüchtern und präzise arbeitet Mey dessen Widersprüchlichkeit heraus. Es ist im Umfeld des amerikanischen Militärs entstanden und wird immer noch zum Großteil von der Regierung unterstützt. Und das, obwohl es kaum im Interesse des Geheimdienstes sein kann, wenn Terroristen unbehelligt Sturmgewehre im Netz kaufen und Whistleblower dort Dokumente der höchsten Geheimhaltungsstufe einstellen können.

  Stefan Mey: „Darknet“. Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert. 
C. H. Beck Verlag, München 2021. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 238 S., br., 16,95 €.
Stefan Mey: „Darknet“. Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert. C. H. Beck Verlag, München 2021. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 238 S., br., 16,95 €. Bild: Verlag

Mey erklärt diesen Widerspruch so: Das Militär brauchte anfangs ein Netz, in dem Geheimdienstler anonym Dokumente hin- und herschicken konnten. Hätten das ausschließlich Agenten benutzt, so wäre es wertlos gewesen. Dann hätte jeder, der in der Lage ist, den Netzverkehr auszumessen, sagen können: Guck an, die CIA tauscht mal wieder Dokumente aus. Es brauchte also noch andere Nutzer, es brauchte ein Hintergrundrauschen. Wieso aber gibt die Regierung weiter Geld für Tor aus, wenn sich doch längst herausgestellt hat, dass es vor allem Kriminelle nutzen? Laut Mey, weil es noch immer nützlich ist, etwa um China zu ärgern. Dort hält man bekanntlich wenig von einem freien Internet. Mey beschreibt die Amerikaner als Pragmatiker. Lieber einen verschlüsselten Dienst, der in Amerika sitzt, dessen Bauprinzip und dessen Betreiber man kennt und mit Geld kontrollieren kann, als einen, den Dissidenten irgendwo auf der Welt betreiben.

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Problematisch sind die Schlussfolgerungen, die Mey aus alldem zieht. Phasenweise liest sich sein Buch, als versuche hier jemand verzweifelt, dem Darknet noch irgendetwas Positives abzugewinnen. In Wahrheit nutzen das Darknet fast ausschließlich Kriminelle. Mey gibt das zwar zu, man kann das Zähneknirschen darüber aber jedes Mal herauslesen.

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Während er das dunkle Netz als Utopie verteidigt, ist das restliche Internet für Mey vollständig überwacht und kommerzialisiert. Es stimmt zwar, dass Konzerne datenhungrig sind, die Nutzer sind aber keineswegs machtlos. Sie könnten soziale Netzwerke benutzen, die weniger Daten über sie sammeln, und Suchmaschinen nehmen, die keine Profile über sie anlegen. Hier misstraut Mey den freien Kräften des Marktes und fordert drastische Eingriffe des Staates. Ausgerechnet beim Darknet aber, einem Ort, der so libertär ist, dass dort Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen, will er auf sie setzen. Das ist bestenfalls widersprüchlich, schlimmstenfalls naiv.

Stefan Mey: „Darknet“. Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert.

C. H. Beck Verlag, München 2021. 3., vollständig überarbeitete Auflage. 238 S., br., 16,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Freidel, Morten
Morten Freidel
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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