Franco-Diktatur

Schattenseiten des sanften Übergangs

Von Hans-Christian Rößler
19.08.2020
, 12:16
Die Vergangenheit will nicht vergehen. Diese Erfahrung macht auch Spanien.

Die Frage ist spannend. Was wäre mit Spanien geschehen, wenn sich das Land nach dem Tod des Diktators Francisco Franco zu einem Bruch mit der Vergangenheit entschlossen hätte? Stattdessen sorgte die „Transición“ für einen sanften Übergang von der Diktatur zur Demokratie, ohne dass den Opfern Gerechtigkeit widerfuhr. Hannes Bahrmann bleibt leider die Antwort auf die Frage schuldig, die er gleich zu Anfang stellt; nur gegen Ende beschreibt er in wenigen Kapiteln, wie sehr die unbewältigte Vergangenheit die spanische Gegenwart belastet – in einem Land, in dem sich nach seiner Ansicht seit 1975 nicht viel geändert hat, wie schon der Titel deutlich macht. „Francos langer Schatten“ heißt das Buch, dessen Titelseite plakativ einen Spanier zeigt, der, gehüllt in eine Nationalflagge aus der Zeit der Diktatur, vor dem riesigen Kreuz des monumentalen „Tals der Gefallenen“ seinen rechten Arm zum Gruß ausstreckt. Der Klappentext versucht Aufmerksamkeit für ein Land zu erregen, das „nach Kambodscha die weltweit meisten anonymen Massengräber hat“.

Herausgekommen ist aber kein Buch über das spanische Ringen mit seiner jüngsten Vergangenheit, sondern ein handliches Taschenbuch mit einem straffen und soliden Überblick über die Zeit vom spanischen Bürgerkrieg bis zur Wiederwahl des Sozialisten Pedro Sánchez. Mit wirklichen Neuigkeiten wartet der frühere Journalist Hannes Bahrmann dabei nicht auf, der zuvor Bücher über Mittelamerika, Drogen und das Ende der DDR geschrieben hat. Interessante Akzente setzt er, indem er auf deutsche Aspekte aufmerksam macht, wie die Rolle der SPD beim Aufbau der neuen sozialistischen PSOE-Partei und die Beziehungen spanischer Gewerkschafter in die DDR und die BRD.

Der Autor ist nicht der Erste, der die spanische Geschichte mit dem Bürgerkrieg (1936 bis 1939) beginnen lässt. Für die Zeit von der arabischen Eroberung der Iberischen Halbinsel bis zu Francos Beförderung zum jüngsten General Europas genügt ihm ein kurzes Kapitel. Für die viel älteren Schatten, die auf der spanischen Gegenwart lasten, ist kein Platz. Dabei reichen Korruption, soziale Spaltung sowie die notorischen politischen Interventionen der Armee viel weiter zurück. Nach Ansicht des britischen Historikers Paul Preston, eines der besten Kenner des Landes, sind die Spanier schon viel länger „Ein verratenes Volk“ – so hat er sein jüngstes Buch genannt. Das heutige Spanien lässt sich nicht durch Franco erklären, auch wenn er wie ein Untoter überall auftaucht. Bahrmann erwähnt die spanische Nationalbiographie der „Königlichen Akademie der Geschichte“. Die gedruckte Ausgabe aus dem Jahr 2011 würdigt Franco als „Generalísimo“ und „Staatschef“, der ein „intelligenter und gemäßigter“ Mann gewesen sei. Verfasser des Eintrags war der Mediävist Luis Suárez, Patronatsmitglied der Francisco-Franco-Stiftung und Vorsitzender der ultrarechten „Bruderschaft des Tals der Gefallenen“. Bahrmann übergeht jedoch den danach einsetzenden Sturm der Entrüstung, der eine Korrektur in der folgenden digitalen Ausgabe zur Folge hatte, die ihn unmissverständlich „Staatschef und Diktator“ nennt.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, wie schwer sich Spanien immer noch tut, sich dieser Vergangenheit zu stellen – seit fast 45 Jahren: Um eine gewaltlose Transición möglich zu machen, wurde nach dem Tod des Diktators alles vermieden, was zu einer Auflehnung von dessen Anhängern und besonders unter den Streitkräften gegen die Demokratie hätte führen können. Für Bahrmann wiegt jedoch schwerer, dass die „spanische Demokratie immer noch auf dem Fundament der faschistischen Diktatur steht“. Als Beschreibung der Ausgangslage mag das zutreffen, aber nicht als Erklärung für die gegenwärtige politische Lage. Spanien ist nicht unter dem Bann Francos stehengeblieben. Der Aufstieg der rechtspopulistischen Vox-Partei zur drittstärksten Kraft im spanischen Parlament lässt sich nicht nur damit erklären, dass die „Vergangenheit wieder auflebt“.

Die Parteienlandschaft war in den vergangenen Jahren lebendig und überraschend. Vor Vox sorgten die linksalternative Podemos-Partei und die rechtsliberale Ciudadanos-Partei dafür, dass die beiden großen Parteien keine eigenen Mehrheiten mehr erhielten. Seit Jahresbeginn regiert in Madrid zum ersten Mal eine Koalition, die die Sozialisten mit Podemos gebildet haben. Vox verdankt den eigenen Aufstieg nicht den Ewiggestrigen, sondern vor allem der Eskalation des Katalonien-Konflikts: zuerst das Unabhängigkeitsreferendum 2017 und dann der Prozess gegen zwölf führende Separatisten mit dem Urteil im vergangenen Herbst. Die gewaltsamen Proteste nach dem Urteil brachten Vox bei der Wahl im November viele Stimmen. Nach Ansicht vieler Vox-Wähler haben die regierenden Parteien im Streit mit den katalanischen Separatisten versagt. Während der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez im Wahlkampf hoffte, die Wähler würden die von den Sozialisten betriebene Umbettung des Diktators im vergangenen Oktober honorieren, konnte die Vox mit der Empörung über die Exhumierung offenbar noch mehr Wähler für sich mobilisieren. Aber danach verwandelte sich sein neues Grab nicht in eine „Pilgerstätte der Rechtsradikalen“, wie es Bahrmann befürchtet.

Um Franco ist es schnell wieder still geworden, während die neue Linkskoalition plant, härter gegen die Verherrlichung der Franco-Vergangenheit vorzugehen. Sie will die Francisco-Franco-Stiftung sowie alle Organisationen schließen, die „Hass verbreiten und die Diktatur verteidigen“; zudem sollen die Massengräber geöffnet, die Franco-Opfer würdig bestattet werden. All diese Pläne hat seit März die Corona-Pandemie in den Hintergrund gedrängt, die Spanien so hart wie wenige andere Länder getroffen hat. Das Coronavirus scheint auch den Rechtspopulisten – zunächst – die Stimme verschlagen zu haben. Obwohl Vox im Mai einen ersten Großprotest organisierte, beginnen die Wähler laut Umfragen, wieder zur konservativen Volkspartei (PP) zurückzukehren.

Hannes Bahrmann: Francos langer Schatten. Diktatur und Demokratie in Spanien. Ch. Links Verlag, Berlin 2020. 288 S., 20,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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