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Helfer

Schwierige Spurensuche

Von Gabriele B. Clemens
 - 10:15

Igal Avidan arbeitet seit 1990 in Berlin für deutsche und israelische Zeitungen und Radiosender. Im September 2013 stößt er auf eine Zeitungsnotiz in einem israelischen Journal, die ihn elektrisiert. Zum ersten Mal wurde ein Araber in Yad Vashem in Jerusalem als „Gerechter unter den Völkern“ anerkannt, weil er sein Leben aufs Spiel setzte, um Juden vor der Gestapo zu retten. Es handelt sich um den ägyptischen Arzt Mod Helmy, der während der Weimarer Republik in Berlin gelebt hatte und auch nach 1933 nicht in seine Heimat zurückkehrte. Von 1962 bis zum Januar 2017 hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die offizielle israelische Gedenkbehörde, 26 513 Nichtjuden mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, weil sie Juden gerettet haben. Darunter sind 75 Muslime, zumeist Albaner und ein Araber.

Avidan, der mit seinen Arbeiten immer wieder versucht, zwischen den aktuell verfeindeten israelischen und arabischen Seiten zu vermitteln, sieht in seinem Protagonisten ein Vorbild für die Völkerverständigung. Er macht sich auf die Suche nach seinem „Helden“ und die gestaltet sich schwierig. Einen wie auch immer gearteten Nachlass von Mod Helmy gibt es nicht, weshalb Avidan aufwendige Archivrecherchen unternahm. Er konsultierte Familiennachlässe von Personen, die Helmy kannte, das Berliner Zentrum Moderner Orient, das Archiv der Humboldt-Universität, das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes, das Archiv von Yad Vashem sowie Berliner Adressbücher. Weiterhin interviewte er Zeitzeugen und deren Nachkommen. Es gelang ihm so, das Leben Helmys aus Puzzleteilen wieder zusammenzusetzen, wobei er die einzelnen Etappen seines Lebens immer konsequent in den historischen Kontext einbindet.

Helmy wurde 1901 als Sohn eines anglo-ägyptischen Offiziers in Karthum geboren. Als Jugendlicher besuchte er das Gymnasium in Kairo. 1922 wollte er nach dem Abitur unbedingt Medizin in Deutschland studieren. Großbritannien schied aus politischen Gründen aus, und die Berliner Universität genoss in diesen Jahren gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern Weltruhm. Mitte der zwanziger Jahre studierten dort rund 400 Ägypter. Avidan skizziert das Milieu der Exilägypter in Berlin. Offen muss bleiben, ob Helmy sich mit anderen für die Unabhängigkeit seiner Heimat engagierte oder am geselligen Leben der Ägypter teilnahm. Seine Ausbildung durchlief Helmy im städtischen Krankenhaus Moabit, wurde Assistenzarzt der inneren Abteilung und profitierte 1934 von der Entlassung seiner jüdischen Kollegen: Er wurde zum Stationsarzt ernannt. In diesem Zeitraum begegnete er Emmy Ernst, die er aber erst nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ heiraten durfte. 1937 wurde auch er entlassen und arbeitete fortan in seiner Privatpraxis. Nach Kriegsausbruch wurde er gemeinsam mit 124 Arabern, Irakern, Palästinensern und Ägyptern als feindlicher Ausländer zweimal vorübergehend inhaftiert und im Juni 1940 endgültig entlassen. In Bittschriften für diese Entlassung pochte er auf seine festen nationalsozialistischen Überzeugungen, und in seinen Zeugnissen vor 1937 wurde ihm immer wieder ideologische Prinzipientreue im Sinne des Nationalsozialismus attestiert. In Klageschriften auf Entschädigung für die Haftzeit der fünfziger Jahre behauptete er, wegen abfälliger Äußerungen gegenüber dem Nationalsozialismus inhaftiert worden zu sein. Dies wurde vom Gericht nicht akzeptiert. Gegner des Nationalsozialismus im Sinne des Entschädigungsgesetzes sei er nicht gewesen, sondern als Ausländer bei Kriegsausbruch interniert worden.

Über die politische Gesinnung Helmys wird sich nichts mehr in Erfahrung bringen lassen, und als Oppositioneller hätte er wohl kaum jüdische Mitbürger retten können. Avidan glaubt, dass er vielen Juden beistand, ihnen Quartiere besorgte, sie großzügig medizinisch versorgte, Lebensmittel auftrieb und Zwangsarbeiter krankschrieb. Belegen kann er dies in zwei Fällen, für Cecilie Rudnik und ihre Enkelin Anna Boros. Rudnik betrieb eine Obstgroßhandlung unweit des Alexanderplatzes, die ihr ein stattliches Vermögen einbrachte. Ihre Enkelin Anna wurde 1925 in einer wohlhabenden jüdischen Familie in Rumänien geboren, ihre Mutter heiratete in zweiter Ehe einen nichtjüdischen Kaufmann in Berlin. Helmy war jahrelang Hausarzt der Familie Rudnik-Boros, eine Freundschaft entstand. 1938 begann der von den Nationalsozialisten intendierte systematische Ruin der Familie durch Arisierungsmaßnahmen. Bei Kriegsausbruch besaß die mittlerweile verwitwete Cecilie Rudnik noch 220 000 Reichsmark, und diese Summe wurde nun eingesetzt, um den drei Frauen das Überleben zu sichern. Ohne die Hilfe von nichtjüdischer Seite wäre dies unmöglich gewesen. Avidan zeichnet das komplizierte Netzwerk nach, das Helmy mit seiner Helferin Frieda Szturmann aufbaute. Die Rettung gelang. Man kann nur vermuten, dass er aufgrund von Vertrauensverhältnissen mit seinen Patienten wusste, auf wen er sich verlassen konnte. Dass er dabei sein Leben, das seiner Freundin und das Frieda Szturmanns gefährdete und riskierte, von der Gestapo ermordet zu werden, ist evident.

Igal Avidan: Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete.

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017. 248 S., 20,– .

Quelle: F.A.Z.
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