Hongkong

Freiheit – Gerechtigkeit – Selbstbestimmung

Von Nadine Godehardt
09.07.2020
, 15:18
Einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung berichtet über den ungleichen Kampf gegen die Unterdrücker.

In „Unfree Speech“ berichtet Joshua Wong über seine Erlebnisse als Aktivist in Hongkong. Im Zentrum seines Kampfes stehen die Forderungen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Wong hat in Abgrenzung zu radikaleren Forderungen nach Unabhängigkeit immer wieder das Recht auf Selbstbestimmung Hongkongs betont. Es geht ihm darum, dass die Bürger von Hongkong die Möglichkeit haben, über die Zukunft der Stadt selbst zu bestimmen. Das ist auch Ziel der von Nathan Law und ihm 2016 gegründeten Partei. Allerdings hat die chinesische Zentralregierung diese Unterscheidung nicht übernommen. Im Gegenteil: Seit der Regenschirm-Bewegung werden die Aktivisten Hongkongs in einer Reihe mit den sogenannten Unabhängigkeitsbewegungen in Tibet, Xinjiang oder Taiwan gestellt. Folglich offenbaren die verschiedenen Etappen von Wongs Zeit als Aktivist, wie sehr sich die Beziehung zwischen Hongkong und China mittlerweile verhärtet hat. Wong schildert detailliert die direkten und indirekten Einflussmethoden der Zentralregierung und ihre Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben, die Verwaltung und die Rechtsprechung in Hongkong. Anhand seiner vielfältigen Erlebnisse mit den Hongkonger Behörden, besonders aber auch durch die Briefe während seines Gefängnisaufenthaltes im Jahr 2017, vermittelt Joshua Wong die Gefühle einer ganzen Generation, die in ihrem Kampf gegen einen übermächtigen Gegner zwischen Euphorie und (wachsender) Frustration gefangen wirkt.

Die Sonderverwaltungszone Hongkong der Volksrepublik China ist ein einzigartiges Gebilde in der Weltpolitik. Hongkong besitzt zwar keine politische Souveränität, dafür aber einen „hohen Grad an Autonomie“ (Artikel 2, Basic Law) gegenüber China. Bereits in der „Sino-British Joint Declaration“ von 1984 wurde diese Konstruktion festgeschrieben. Sie sollte gewährleisten, dass Hongkongs kapitalistisches System nach der Übergabe an die VR China am 1. Juli 1997 für einen Zeitraum von 50 Jahren – also bis zum 30. Juni 2047 – weiterbestehen kann. Seit 1997 ist Hongkong somit offiziell ein Teil Chinas, in dem eingeschränkte demokratische Rechte gelten, die im „Basic Law“, der Hongkonger Mini-Verfassung, festgeschrieben sind. Dazu gehören auch Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit (Artikel 27). Aufgrund dieser spezifischen Umstände hat sich in Hongkong eine lebendige Protestkultur herausbilden können. Hongkong ist der einzige Ort auf chinesischem Territorium, an dem etwa regelmäßig Gedenkfeiern zum Jahrestag der Tötungen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 stattfinden oder Menschen für mehr Demokratie auf die Straße gehen. Seit 1997 thematisieren viele dieser Proteste konkret die politische Zukunft Hongkongs; es werden demokratische Reformen oder mehr Autonomie gegenüber der VR China gefordert.

Mit der Generation Joshua Wongs und dem Wechsel an der Spitze der chinesischen Führung 2012 hat sich die Situation in und für Hongkong grundlegend verändert. Auf der einen Seite ein selbstbewusstes China unter Xi Jinping, das seinen eigenen Weg geht und mehr Interesse daran hat, die Welt an China anzudocken als andersherum. Unter Xi wird der eigene Aufstieg längst im Zusammenhang mit einer tiefgreifenden Veränderung des globalen Systems oder sogar einer Umgestaltung globaler Werte gesehen. Und wie Joshua Wong zeigt, bekommt auch Hongkong das immer mehr zu spüren. Auf der anderen Seite hat sich mit Joshua Wong und seinen Mitstreitern aber auch das Design der Hongkonger Proteste im Gegensatz zur traditionellen Protestkultur nachhaltig verändert. Sie sind nicht nur deutlich jünger, so beispielsweise die von Joshua Wong gegründete Schüleraktivistengruppe Scholarism, die 2011/2012 erfolgreich gegen das neue obligatorische Schulfach „Moralische und Nationale Erziehung“ demonstrierte. Sie sind auch spontaner in ihren Aktionen, zum Beispiel durch Besetzungen von Regierungsgebäuden oder Straßenzügen. Sie sind offline und online aktiv und haben sich im Laufe der Jahre immer dezentraler organisiert. Den Höhepunkt hierfür stellen die Proteste gegen das Auslieferungsgesetz 2019 dar, in denen auch aufgrund der rechtlichen Verfolgungen, die Joshua Wong und seine Mitstreiter erleben, keine Anführer mehr benannt wurden und alle Aktionen von kleineren Gruppen spontan – oftmals begleitet von Online-Abstimmungen – durchgeführt wurden. Joshua Wongs Aktivismus ist weiterhin ein Beispiel für die Politisierung einer sehr jungen Generation von Protestierenden.

Dies ist für Hongkong insofern speziell, da gerade der Druck einer guten Ausbildung für diese Generation enorm ist. Ihr Leben ist oftmals absolut durchgetaktet. Daher sind die Abschnitte, in denen Joshua Wong Einblicke in sein eigenes familiäres Umfeld gibt, besonders aufschlussreich. Die Unterstützung seiner Eltern ist eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung seiner Persönlichkeit und für sein Wirken. Seine Erlebnisse verdeutlichen darüber hinaus, wie sehr sich seine eigene Rolle im Laufe der Jahre verändert hat. War er zu Beginn Initiator, Sprecher und während der Regenschirm-Bewegung wie vom Magazin „Time“ plakatiert das „Gesicht der Proteste“, erkennt und beschreibt Wong, dass sich seine Aufgabe entscheidend verändert hat. Dies wird besonders deutlich während der Proteste 2019, bei denen er auch aufgrund eines zweiten Gefängnisaufenthaltes von Mitte Mai bis Juni nicht mehr an vorderster Front kämpfte. Wong sieht seine Aufgabe vielmehr darin, die Sache Hongkongs in die Welt hinauszutragen und die internationale Gemeinschaft vor einem China zu warnen, das „gleichzeitig das mächtigste autokratische Regime und der größte Verbrauchermarkt der Welt ist, zur größten Bedrohung für die globale Demokratie wird (189)“. Von einem lokalen Schüler-Aktivisten ist Joshua Wong heute zu einem Symbol für den globalen Kampf um Demokratie geworden. Wie er selbst treffend formuliert, hat seine Zeit als Aktivist gezeigt, dass „auch ein Einzelner etwas bewegen kann, gegen alle Widerstände“. „Unfree Speech“ steht für eine große Portion Mut und die Ansage an die Welt, dass es nie zu spät – oder zu früh – ist, für seine Überzeugungen zu kämpfen.

Joshua Wong, Jason Y. Ng: Unfree Speech. Nur wenn alle ihre Stimme erheben, retten wir die Demokratie.

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2020. 208 S., 16,– .

Quelle: F.A.Z.
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