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Erfolgskontrolle

Hat es sich gelohnt?

Von Jörg Echternkamp
Aktualisiert am 09.12.2019
 - 10:39
„KFOR Nato-Otan" steht auf dem Ärmelabzeichen einer Bundeswehrsoldatin der deutschen Kfor.
Der Impuls zur Intervention regt sich oft und schnell. Aber wie kann man prüfen, ob er ein Erfolg war?

Einfache Fragen sind manchmal besonders schwer zu beantworten. Das trifft auch auf die Vielzahl und Vielfalt militärischer Interventionen zu, die seit dem Ende des Kalten Krieges die sicherheitspolitische Diskussion beherrschen. Über die grundsätzliche Alternative von humanitärer Verantwortung und Gewaltverbot lässt sich ja noch trefflich streiten. Dagegen müsste die Antwort auf die scheinbar banale Frage leichter zu geben sein: Hat es sich gelohnt? Das Problem liegt spätestens am Ende eines internationalen Eingreifens auf der Hand. Schließlich entscheidet der Erfolg oder Misserfolg eines Militäreinsatzes nicht nur über die Zweckmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der politischen Entscheidung und der eingesetzten Ressourcen. Die Klärung ist auch notwendig, um aus Fehlern zu lernen.

Doch die simple Frage nach dem Erfolg wirft sofort die komplizierte Frage nach seinen Kriterien auf. Für diese Erfolgsmessung bietet nun das Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie in Wien ein neues analytisches Werkzeug an. Nicht dass es keine „Analyse-Tools“ gäbe: Seit den 1990er Jahren haben zahlreiche Akteure auf dem uneinheitlichen Forschungsfeld der Konfliktanalyse Kategorien formuliert, um die Wirkung einer Intervention in ihren verschiedenen Phasen zu erfassen. Hilfen für das sogenannte Impact Assessment bieten etwa die Leitlinien der UN für friedenserhaltende Missionen, die Checkliste der Europäischen Union für Grundursachen von Konflikten, der Evaluierungskatalog der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Konfliktprävention und Friedenskonsolidierung. Auch Nichtregierungsorganisationen wie die Hilfsorganisation Care haben Indikatoren zusammengestellt, um etwa positive und negative Auswirkungen auf die Wahrung der Menschenrechte zu messen. Im Kern beruhen all diese Ansätze auf einem Kategoriensystem, das durch mehr oder weniger präzise Fragen untergliedert wird. In der Regel geht es darum, die Effizienz finanzieller und materieller Ressourcen zu steigern oder die Rolle zu beschreiben, die man selbst als Akteur spielt. Im Mittelpunkt des Untersuchungszeitraums stehen zumeist die Vor- und Frühphase des Konflikts, weil es darum geht, den Einfluss im Sinne einer best practice auszuloten. Für die Analyse der Spät- und Endphase fehlen dagegen häufig die Mittel.

Hier setzen die Forscherinnen und Forscher des IFK um seinen Leiter Walter Feichtinger an. Sie haben ihre Analyse-Instrumente so zusammengestellt, dass sie den gesamten Zeitraum einer Intervention erfassen. Weil ihre Impact-Analyse kein Insider-Wissen voraussetzt, können auch Außenstehende die Entwicklung des Konflikts unter dem Einfluss der Intervention systematisch beobachten und begründet darüber urteilen, wie erfolgreich der Einsatz verlief, wo die Schwachpunkte lagen und was bei der Planung einer künftigen Mission zu berücksichtigen ist. Dazu greift das IFK zunächst die gängigen Themenfelder Sicherheit, Ökonomie, Politik und soziale Ungleichheit auf. Neuland betreten die Forscher dagegen, wenn sie auch die Rückwirkungen berücksichtigen, die ein friedensunterstützender Einsatz sowohl auf den Entsendestaat als auch auf die beteiligten internationalen Organisationen gehabt hat. Indem die Analyse diese Wechselbeziehungen erfasst, wird sie um zwei wichtige Dimensionen erweitert. Ein zusätzlicher Vorzug des Tools liegt darin, dass die Forscher nicht vor der Vielfalt spezifischer Konflikte und deren vermeintlicher Unvergleichbarkeit kapitulieren. Vielmehr arbeitet ihr Modell mit zwölf Konfliktszenarien. Dank der jeweiligen Indikatoren können gründliche Aussagen über Akteure, Rechtslagen und Gefährdungen eines Konflikts getroffen werden. So wird auch der Vergleich mehrerer Konflikte im Hinblick auf diese Aspekte vor und nach der Intervention möglich.

Die Konfliktszenarien benennen die Autoren mit folgenden Idealtypen: Konflikt im Kontext einer regionalen Hegemonialmacht; Verletzung internationaler Normen durch ein diktatorisches oder autoritäres Regime; Aktivitäten von terroristischen Vereinigungen; Unterstützung einer terroristischen Vereinigung durch ein diktatorisches Regime; gewaltsamer Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen in einem Staat, zwischen Parteien mit Staatszerfall oder zwischen Parteien in einem Nachbarstaat mit der Gefahr, auszustrahlen; Postkriegssituation; gewaltsamer Minderheitenkonflikt; gewaltsamer Konflikt zwischen zwei oder mehreren Staaten; humanitäre Katastrophe mit sicherheitspolitischen Folgen; Aktivitäten von organisierten kriminellen Gruppen. Für jedes Szenario unterscheiden die Forscher, ob die Beurteilung das Zielgebiet betrifft, eine internationale Organisation als Akteur oder die innen- und außenpolitische Situation des Entsendestaates. Quantitative und qualitative Indikatoren für jede Perspektive in jedem Szenario sollen schließlich den realen Fall messbar machen. Gedacht ist vor allem an Konflikte im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU.

Bei dem theoretischen Angebot bleibt es nicht. Zu jedem Szenario liefert das IFK eine umfassende Fallstudie. Das kann ein laufender Einsatz wie die OSZE-Mission in Georgien sein, eine abgeschlossene Intervention wie die Nato-Luftoperation im Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern 1999 oder ein historisches Ereignis wie der Jom-Kippur-Krieg 1973. Das Modell kann nicht sämtliche möglichen Konflikte erfassen, erst recht keine hybriden Kriege. Es genügt nicht den strengen Kriterien der quantitativen Sozialforschung, was die Objektivität und formale Genauigkeit der Messungen angeht. Diesen Anspruch erheben die Autoren auch nicht. Doch indem sie nicht nur das Konfliktgebiet, sondern auch die Organisationen und den Entsendestaat berücksichtigen, bieten sie ein multidimensionales Instrumentarium an, das für unser Verständnis internationaler Intervention unabdingbar ist. An der Frage, ob sich der Einsatz gelohnt hat, kommen die Verantwortlichen vor allem da nicht vorbei, wo Menschen ums Leben gekommen sind. Von der Antwort hängt ab, ob ihrem Tod ein Sinn zugeschrieben werden kann.

Als Leitfäden für die Akteure, für politische Entscheidungsträger, Berater, Analytiker sind die älteren Modelle gedacht. Das IFK wendet sich darüber hinaus an eine breitere wissenschaftliche Öffentlichkeit und jeden, der sich für das Internationale Krisen- und Konfliktmanagement seit den 1990er Jahren interessiert. Wer sich von deutsch-englischem Kauderwelsch und der milieutypischen Neigung zu Abkürzungen nicht schrecken lässt, findet eine übersichtliche Zusammenstellung der jüngeren, teils noch laufenden Interventionen. Das mit Karten, Literaturhinweisen und einem kleinen Glossar ausgestattete Werk ist auch auf der Website der Landesverteidigungsakademie online abrufbar.

Predrag Jureković / Walter Feichtinger (Hrsg.): Erfolg oder Misserfolg von internationalen Interventionen.

Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie, Wien 2019. 518 S., zu beziehen über Bundesheer.at.

Quelle: F.A.Z.
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