John Bolton

Mittendrin – und bitter enttäuscht

Von Oliver Kühn
25.08.2020
, 11:58
Noch einer, der an Donald Trump gescheitert ist. Der ehemalige Sicherheitsberater erinnert sich.

Siebzehn Monate lang war John Bolton der 27. Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten von Amerika. Vom 9. April 2018 bis zum 10. September des folgenden Jahres erlebte er in dieser Funktion, wie in Donald Trumps Regierung Entscheidungen getroffen werden, sah, wie chaotisch und planlos der Präsident oft vorging. Doch siebzehn Monate lang war Bolton auch daran beteiligt, diese Entscheidungen zu treffen, bereitete Vorlagen für den Präsidenten vor und versuchte ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken. Eineinhalb Jahre war Bolton im „Raum, in dem alles geschah“. Unter diesem Titel hat Bolton nun auf fast 600 Seiten seinen Bericht über diese Zeit vorgelegt. Es ist eine Abrechnung mit dem mächtigsten Mann der Welt.

Es ist aber auch die Geschichte einer Desillusionierung. Anfangs begrüßte Bolton den Wahlsieg des republikanischen Kandidaten über Hillary Clinton. Für den 71 Jahre alten Bolton wäre eine Quasi-Fortführung der Obama-Regierung – eine Zeit, die er eher erlitten als erlebt hat – wohl nur schwer zu ertragen gewesen. Für dessen Außenpolitik hat Bolton nur Verachtung übrig. Sowohl das „elende Atomabkommen“ mit Iran als auch das Pariser Klimaabkommen sieht er als schädlich für Amerikas Interessen an. Und Obamas New-Start-Abkommen sei „eine Katastrophe“. Damit liegt er vollkommen auf der Linie des Präsidenten.

Bolton diente der neuen Administration nach Trumps Wahlsieg im November 2016 seine Dienste als Außenminister an. Als früherer stellvertretender Außenminister und Botschafter bei den Vereinten Nationen hätte das durchaus im Bereich des Möglichen gelegen, doch die Entscheidung fiel gegen ihn. Auch wenn er sich nicht habe anbiedern wollen, wie er schreibt, blieb er doch im Dunstkreis der Regierung. Immer wieder ließ er dieser seinen Rat zukommen – mal auf Twitter, mal im Fernsehsender Fox News –, traf sich mit Trump und dessen Beratern, um seine außen- und sicherheitspolitischen Ansichten weiterzugeben. Als sich Trump mit dem damaligen Amtsinhaber H. R. McMaster überwarf, schlug Boltons Stunde. Im April 2018 wurde er Trumps dritter Sicherheitsberater.

Bolton beschreibt, dass er Trump nun seine eigenen Ziele angepriesen, der aber immer wieder nicht auf ihn gehört habe. Amerika müsse auf iranische Angriffe im Persischen Golf und Abschüsse amerikanischer Drohnen „unverhältnismäßig“ antworten, um das Abschreckungspotential aufrechtzuerhalten, habe er dem Präsidenten geraten. Trump habe einen geplanten Angriff jedoch kurz vor der Durchführung abgesagt.

Das Verhalten China gegenüber ist für Bolton „eine nationale Sicherheitsdebatte (...). Sie mit Handelsfragen zu verknüpfen verschlechtert unsere Position sowohl im Handel als auch in der nationalen Sicherheit.“ Trump habe genau das getan. Der Abschluss eines Handelsvertrags mit dem Reich der Mitte habe für ihn absolute Priorität gehabt.

Trumps Annäherungskurs gegenüber Nordkorea habe er abgelehnt. Während der drei Zusammenkünfte von Trump mit dem Diktator Kim Jong-un habe er stets befürchtet, der amerikanische Präsident könne einseitige Zugeständnisse machen.

Auch Trumps nachlässige Position Russland gegenüber sei ihm ein Dorn im Auge gewesen. Wladimir Putin habe genau gewusst, was er wolle. „Ich freute mich nicht darauf, ihn mit Trump allein in einem Raum zu lassen.“ Der Gipfel der beiden in Helsinki sei nur ein Erfolg für Putin gewesen.

All diese Vorgänge zeigen deutlich die Bruchlinien zwischen dem Präsidenten und seinem Sicherheitsberater. Mehrmals habe er kurz davorgestanden, seinen Rücktritt einzureichen, schreibt Bolton. Das Fass zum Überlaufen gebracht habe der Versuch, die Taliban für die Unterzeichnung eines Friedensvertrags am 8. September 2019 nach Camp David zu bringen. Für Bolton war das undenkbar. Die Taliban hatten Al Qaida Unterschlupf gewährt und unzählige amerikanische Soldaten getötet. Das Treffen wurde kurz vorher abgesagt. Am 9. September 2019 habe der Präsident ihm gegenüber dann Anschuldigungen vorgebracht, die aus Boltons Sicht nicht stimmten. Am nächsten Tag habe er sein Rücktrittsschreiben eingereicht.

Wie so oft in der Geschichte der Trump-Präsidentschaft war das nicht das Ende des Verhältnisses zwischen den beiden Protagonisten. Nur zwei Tage nach Boltons Abschied schrieb Trump auf Twitter, sein früherer Sicherheitsberater habe ihn nur gebremst. In einigen Punkten habe er wesentlich härtere Ansichten gehabt als Bolton. Vollendet wurde der Bruch, als Boltons Buch erschien. Trump bezeichnete seinen vormaligen Sicherheitsberater auf Twitter als „Spinner“ und „inkompetent“. Das Buch des „verrückten Typen“ sei nur eine „Sammlung von Lügen und ausgedachten Geschichten“.

Aus Trumps Sicht ist diese harte Reaktion verständlich, zeichnet ihn Bolton – wie schon andere Autoren vor ihm – doch als Amtsinhaber, der keine Ahnung von Außenpolitik habe und sich von Diktatoren wie Kim, Xi und Putin um den Finger wickeln lasse. Er habe nicht gewusst, ob Finnland zu Russland gehöre, und sich überrascht gezeigt, dass Großbritannien über Atomwaffen verfüge. Er habe nie verstanden, wie die Nato funktioniert, dass die Staaten keine Beiträge zum Bündnis zahlen (außer einer Summe für den Betrieb des Hauptquartiers in Brüssel). Trump sei als Präsident chaotisch, habe keinen Plan und keine politischen Vorstellungen. Er brauche „wiederkehrende Gedächtnisstützen“, könne sich nicht lange konzentrieren, schweife oft ab, und es sei schwierig, ihm Informationen nahezubringen. In den Briefings höre er nicht zu, sondern halte den Beamten, die ihn informieren sollten, Vorträge. Trump sei erratisch, treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus, oft im Sinne desjenigen, der zuletzt mit ihm gesprochen habe.

Das Einzige, was Trump interessiere, sei seine Wiederwahl. Hierfür schrecke er auch nicht davor zurück, die Macht des Amtes zu nutzen. So habe er Chinas Präsidenten Xi Jinping offen darum gebeten, Einfluss auf die Präsidentenwahl zu nehmen. „Tatsächlich fällt es mir schwer, während meiner Amtszeit eine bedeutende Entscheidung Trumps zu erkennen, die nicht von Kalkulationen bezüglich seiner Wiederwahl getrieben war“, schreibt Bolton. Niemals habe Trump eine Trennung zwischen seinen eigenen und den Interessen der Vereinigten Staaten vorgenommen, wobei die Ersteren die wichtigere Rolle spielten. Deshalb wäre es nach Boltons Meinung auch möglich gewesen, Trump des Amtes zu entheben, wenn sich die Demokraten nicht nur auf die Ukraine-Angelegenheit konzentriert hätten.

Doch Bolton gibt auch einiges über sich preis. Und das könnte ihm nicht gefallen. Denn während er über die „intellektuell Faulen“ herzieht, übersieht er seine eigenen Fehler, nämlich seinen Hochmut und seinen Opportunismus. Er habe sein Amt angetreten weil er wisse, „was zu tun“ sei, schreibt er. Doch schon damals hätte Bolton wissen müssen, worauf er sich einlässt. Sowohl aus den Medien als auch von Trump-Mitarbeitern bekam er immer wieder Einblicke, wie es im Weißen Haus zugeht. Trotzdem hat er das Angebot des Präsidenten angenommen, hat ihm 520 Tage lang zugearbeitet. Wenn ihn die Inkompetenz und das Chaos so enorm gestört hätten, wie er es nun in seinem Buch darstellt, hätte er auch früher gehen können. Oder wenigstens im Amtsenthebungsverfahren des Kongresses aussagen können. Doch das lehnte er ab.

Außerdem wirft er einigen Trump-Beratern den Versuch vor, den Präsidenten zu beeinflussen, wo er doch dasselbe getan hat. Auch die von ihm selbst an den Tag gelegte Ignoranz gegenüber unliebsamen Anweisungen des Präsidenten in der Hoffnung, dieser vergesse sie, wirft er der Bürokratie der Regierung ständig vor. Mit dieser steht er sowieso auf Kriegsfuß, da sie nur alles verzögere. Besonders schlimm seien die Diplomaten im Außenministerium, die immer verhandeln wollten, beschwert er sich. Bolton ist hingegen ein traditioneller außenpolitischer Falke, der Amerikas Sicherheitsinteressen, wie er sie sieht, überall auf der Welt verteidigen will.

Bolton hat mit „Der Raum, in dem alles geschah“ – das auf seinen umfangreichen Notizen seiner Zeit im Weißen Haus beruhen soll – einen Einblick in die Trump-Regierung und sein eigenes Denken geliefert. Zwar ist vieles davon kaum überraschend, da schon oft geschrieben, doch liefert er einige Steine im Mosaik der Trump-Präsidentschaft. Hätte er sich an sein eigenes Credo gehalten, nichts Überflüssiges zu schreiben, wäre das Buch noch besser geworden. Einen Exkurs beispielsweise, woher der Name eines amerikanischen Kriegsschiffs stammt und warum er ein Bild ebenjenes Schiffes einmal in seiner Universität aufgehängt hat, trägt nichts zum Erkenntnisgewinn bei. Es ist verständlich, dass die deutsche Ausgabe unter Zeitdruck entstanden ist. Vor weniger als zwei Monaten ist das Buch in den Vereinigten Staaten erschienen, und nach der Präsidentenwahl im November wird sich kaum noch jemand dafür interessieren. Doch auf die Übersetzung hätte noch ein größeres Augenmerk gelegt werden sollen. John Kelly war kein „General der Marine“, sondern der Marines – ganz davon abgesehen, dass die Generäle in der Marine Admiräle heißen. Auch mag die englische „Resignation“ durchaus etwas mit Resignation zu tun haben, heißt aber in diesem Fall auf Deutsch einfach Rücktritt. Solche kleinen Fehler reißen leider ab und an aus dem Lesefluss.

John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah. Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2020. 640 S., 28,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kühn, Oliver
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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