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Iran

Widerstandsfähig und flexibel

Von Rainer Hermann
 - 10:13
Junge Iranerinnen pflegen die Erinnerung an Ajatollah Chomeini

Kein anderes Ereignis hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Nahen Osten so verändert wie es die iranische Revolution von 1979 getan hat. Damals fegte eine Massenbewegung die 2500 Jahre alte persische Monarchie hinweg, die Pax Americana im Nahen Osten wurde in ihren Grundfesten erschüttert. In anderen autoritären Staaten der Region sahen die Menschen, dass es möglich ist, verhasste Diktatoren zu stürzen – und an ihrer Stelle eine islamische Ordnung zu errichten.

Am 1. Februar 1979 kehrte der charismatische Ajatollah Chomeini triumphal aus seinem Exil zurück. Am 11. Februar brach die alte Ordnung endgültig zusammen. Er steuerte in den letzten Wochen der Proteste, in der sich fast die Hälfte der iranischen Bevölkerung beteiligt hat, die Revolution so meisterhaft zu seinem Vorteil, dass er sich an die Spitze einer neuen Islamischen Republik setzen konnte.

Der neuen Islamischen Republik hatten die meisten ein nur kurzes Leben prophezeit. Schließlich hatten sich nach ihrer Gründung gewaltige innere Spannungen in viel Blutvergießen entladen, und die Republik sah sich mächtigen äußeren Feinden gegenüber – vor allen den Vereinigten Staaten und den arabischen Nachbarn. Dennoch hat sich die Islamische Republik widerstandsfähig und flexibel genug gezeigt, um sich bis heute zu behaupten. Den Gründen, weshalb das so ist und weshalb sich zuvor innerhalb der breiten revolutionären Bewegung der islamische Flügel durchgesetzt hat, geht der in Australien lehrende Politikwissenschaftler Amin Saikal in einer Monographie nach, an der nicht vorbeikommt, wer sich über das Tagesgeschehen hinaus mit der Islamischen Republik beschäftigt.

Der aus Afghanistan stammende Saikal macht für den Verlauf der Revolution vier Faktoren verantwortlich. Zunächst zeichnet er nach, wie massiv seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts Briten, Russen und schließlich Amerikaner in die Geschicke des Landes eingegriffen haben, so dass der Schah, der sein ambitioniertes Modernisierungsprogramm zudem nur schlecht umsetzte, nur noch als Marionette des Auslandes wahrgenommen wurde. Zweitens war Chomeini der nationalreligiöse und politische Held vieler Iraner, wozu sein „mystisches Charisma“, sein „messianisches, unbesiegbares Image“ sowie seine „impulsive und unzweideutige Sprache“ beigetragen haben. Anziehend war drittens Chomeinis Ideologie, die die soziale Gerechtigkeit zum Thema machte. Sie stellt den Unterdrücker und die Habenichtse gegenüber, deren Los zu verbessern Aufgabe der religiösen Herrschaft (velayat-e faqih) sei. Viertens haben die informellen Strukturen des schiitischen Islams die Massen mobilisiert und das organisatorische Rückgrat der Revolution gebildet.

Die Islamische Republik war von Beginn an janusköpfig konzipiert, im Staatsaufbau wie ideologisch. So ist der Revolutionsführer politisch mächtiger als der Präsident, der Beraterkreis um den Revolutionsführer mächtiger als das Kabinett, die Revolutionswächter mächtiger als die Armee, die religiösen Stiftungen in den Händen der Revolutionäre mächtiger als die privaten Unternehmen. Wie ein Cantus firmus durchzieht Saikals Buch zudem das ideologische Begriffspaar jihadi und ijtihadi. Mit jihadi umschreibt er den revolutionären Einsatz für die Islamische Republik. Das sind jene, die die Herrschaft des Islams und den Export der Revolution wollen. So hatten die Führer der Revolution zum letzten Mittel gegriffen und Zehntausende Dissidenten liquidiert, und die einfachen Gefolgsleute waren bereit, im Krieg gegen den Irak für die neue Ordnung zu sterben.

Saikal stellt den jihadis jene gegenüber, deren Ansatz er ijtihadi nennt. Der Begriff bezeichnet im Islam die eigenständige Urteilsfindung, die dem Zweck dient, die Praktizierung der Religion an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Den revolutionären Hardlinern stellt er damit flexible und pragmatische Reformer gegenüber, die jedoch die Islamische Republik an sich nicht in Frage stellen. Saikal schreibt, Chomeini sei realistisch genug gewesen zu erkennen, dass eine repressive Durchsetzung des Islams scheitern würde. Daher habe bereits er einen gewissen Pluralismus zugelassen.

Entscheidend ist für Saikal, dass dieser Dualismus von jihadi und ijtihadi die Islamische Republik robust und flexibel genug gemacht hat, um sich intern, aber auch extern in einem komplexen regionalen und internationalen Umfeld zu behaupten. Nach Chomeinis Tod 1989 hätten mit diesem Ansatz dessen Nachfolger leicht Anpassungen vornehmen können. Saikal identifiziert jedoch Felder, die die Republik verwundbar machen: die miserable Regierungsführung, die keinen Wohlstand erzeugende Wirtschaft und unzureichende militärische Fähigkeiten. Letzteres habe das iranische Engagement in Syrien gezeigt, wo nicht Iran Assad gerettet habe, sondern Russland.

Daher seien Reformen unumgänglich, solle die Behauptungsfähigkeit der Republik gewährleistet werden. Schließlich verfüge Iran nicht über ausreichend Ressourcen, um regional eine offensive und dominierende Rolle zu spielen. Wegen des Vorrangs von Ideologie und Politik, wegen Korruption und Patronage sei seine wirtschaftliche Basis zu schwach. Einen wichtigen Hebel für eine außenpolitische Machtentfaltung sieht Saikal aber im schiitischen Islam, den Iran als multiethnisches und transnationales Instrument einsetze.

Saikal widmet das letzte Drittel des Buches der Außenpolitik. Mehr als alles andere habe Iran das Machtvakuum in die Hände gespielt, das ausländische Interventionen geschaffen haben, etwa 2003 der Sturz von Saddam Hussein. Erst das hat Iran ermöglicht, das zu sein, was es nach seinem Selbstverständnis ist. Dieses hat der frühere Geheimdienstchef Ali Younesi ausgedrückt: „Iran hat seit seinem Anfang eine globale Dimension. Iran wurde als Reich geboren. Irans Führer und Verwalter haben immer global gedacht.“

Irans Außenpolitik hat in erster Linie den Zweck, durch Allianzen und Puffer das Überleben des Regimes zu sichern sowie die Revolution zu exportieren. Das aber bringt es in einen grundlegenden Gegensatz zu seinen arabischen Nachbarn. Auf globaler Ebene kommt Saikal zu dem Ergebnis, dass sich Iran, je härter die amerikanischen Sanktionen werden, politisch und wirtschaftlich Russland und China annähert. Ohne deren Hilfe wäre Iran heute kein regionaler Akteur.

Zu kurz kommt bei Saikal die Bedeutung der iranischen Jugend und der post-revolutionären Generationen. Auf sie geht der deutsche Politikwissenschaftler Cornelius Adebahr ein, der während der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadineschad in Teheran gelebt hat. Adebahr schreibt, wie sich die iranischen Millennials nicht mehr mit den Zuständen in ihrem Land zufriedengeben und wie sich ein Generationenkonflikt zwischen den Revolutionären von 1979, die es sich im System bequem gemacht haben, und der Jugend, die ohne Zukunftsaussicht bleibt, zuspitzt. Der Wandel werde in Iran entschieden werden, nicht aber durch ausländische Politiker und Staaten, so Adebahr.

Je mehr die Revolution an ihr Ende gelange, desto mehr rücke das Nationalgefühl der Iraner mit einer staatlichen Geschichte von mehr als 2500 Jahren in den Mittelpunkt, schreibt Adebahr zutreffend. Dieser Nationalismus ergänze die islamisch-revolutionäre Ideologie sowie die Feindschaft gegen Amerika und Israel. Daher attestiert Adebahr Irans (zivilem) Atomprogramm „fast schon einen nationalen Kultstatus“, da er weite Teile der Nation verbindet.

Beide Bücher zeichnen überzeugend nach, wie der Westen gegenüber Iran wiederholt Fehler gemacht hat. Das Ergebnis waren die Revolution von 1979 und Irans Feindseligkeit gegenüber dem Westen. Jetzt will der Geist nicht mehr in die Flasche.

Amin Saikal: Iran Rising. The Survival and Future of the Islamic Republic.

Princeton University Press, Princeton 2019. 344 S., 24,–£.

Cornelius Adebahr: Inside Iran. Alte Nation, neue Macht?

Verlag J.W.H. Dietz Nachf., Bonn, 2018. 248 S., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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